Kirche

Zur Fastenzeit: wie der Heilige Franz drei Räuber bekehrte

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Wie der Heilige Franz drei Räuber bekehrte – eine Geschichte zur Fastenzeit aus dem Oberbairischen Festtäg- und Alte-Bräuch-Kalender –  In jener Zeit hausten drei berüchtigte Räuber in der Gegend von Monte Casale, die viele Missetaten verübten. Diese Räuber kamen eines Tages auch zur Behausung der Brüder und ersuchten Bruder Angelo, den Guardian, er möge ihnen zu essen verschaffen. Bruder Angelo fuhr sie mit ernstem Vorwurf an: »Ihr Diebe und ruchlosen Menschenmörder! Schamlos bringt ihr nicht nur die Leute um die Frucht ihrer Arbeit, ihr wäret auch noch unverschämt genug, die Almosen zu verschlingen, die den Dienern Gottes zugedacht waren! (…) Ohne Scheu vor den Menschen verachtet ihr auch Gott, der euch geschaffen hat! Fort mit eurem Tun, und kommt mir nicht mehr unter die Augen!« Höchlich erregt und voll Unmutes zogen jene von dannen.

Selbigen Tages kam der heilige Franz von auswärts in jene Klause zurück. Er trug die Almosen, die er (…) erhalten hatte: eine Tasche voll Brot und eine Flasche Wein. Als Bruder Angelo ihm erzählte, wie er die Räuber davongejagt habe, bekam der vom Heiligen einen herben Verweis: er habe sich unfromm benommen. Sünder würden eher durch milde Sanftmut als mit scharfer Zurechtweisung zur Besinnung gebracht. Auch Christus, unser Lehrmeister, dessen Evangelium wir zu beobachten versprochen hätten, habe gesagt, (…) nicht die Gerechten zu rufen, sei Er gekommen, sondern die Sünder. »Weil du also« – so fuhr er fort – »(…) dem Beispiel Jesu Christi zuwidergehandelt hast, so befehle ich dir im heiligen Gehorsam: Du nimmst sofort diese Tasche Brot und die Flasche Wein, (…), und mit eifrigem Suchen wirst du den Räubern über Berg und Tal nachgehen, bis du sie findest, und wirst ihnen alles (…) in meinem Namen anbieten, vor ihnen dich niederwerfen und sie demütig um Entschuldigung bitten wegen deiner Unfreundlichkeit und Härte. Dann bittest du sie in meinem Namen, sie möchten ferner nicht mehr so üble Dinge tun, sondern Gott fürchten und den Menschen nicht wehtun. Wenn sie dies erfüllen wollten, so wolle ich jederzeit dafür sorgen, daß sie nicht Mangel am Nötigen leiden müßten. Dann, wenn du ihnen das in aller Demut gesagt hast, kehrst du heim!«

Unterweilen verharrte der heilige Franz im Gebete für die Räuber (…). Und siehe, während die Räuber die Gaben, die der Heilige ihnen schickte, verzehrten, begannen sie untereinander das Vorgefallene zu besprechen (…): »Wehe uns elenden, unglücklichen Menschen! Eine bittere, höllische Qual haben wir zu erwarten! Diese Brüder aber sind Heilige Gottes und verdienen das himmlische Vaterland!« So lautete die Meinung des einen von den dreien. »Du hast recht«, sagten die beiden anderen, »aber was sollen wir nun tun?« »Zum heiligen Franz wollen wir gehen, und wenn er uns Hoffnung macht, wir könnten bei unseren schlimmen Sünden noch die Barmherzigkeit Gottes finden, so wollen wir alles tun, was er verlangt.« (…)

Eilends machten sie sich auf, kamen zum heiligen Franz und sagten: »Vater, um mancher schlimmer Missetaten willen haben wir die Hoffnung verloren, bei Gott Barmherzigkeit zu finden, aber wenn du Vertrauen haben kannst, daß Gott uns gnädig sei (…), so sind wir bereit, bei dir Buße zu tun und allen deinen Weisungen zu gehorchen.« Der heilige Franz nahm sie gütig (…) auf, und (…) machte ihnen Mut (…), die Barmherzigkeit Gottes erlangen zu können. Die unermeßliche Barmherzigkeit Gottes, so erklärte er ihnen, übertreffe unsere Sünden insgesamt, und wären sie noch so groß. Sei doch auch Christus nach dem Evangelium und nach dem Apostel Paulus für die Rettung der Sünder in diese Welt gekommen. Auf diesen heilsamen Zuspruch hin sagten sich die drei Räuber von der Welt los und wurden vom seligen Vater in den Orden aufgenommen, dem sie von nun an dem Habit und dem Geiste nach zugehörten.

Aus »Franz von Assisi – Legenden und Laude«  von Otto Karrer – Aus »Der Oberbaierische Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2021 – Das Jahrbuch mit vielen interessanten Beiträgen aus ganz Oberbayern« (www.raab-verlag.info)

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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