Brauchtum

Vom Waldgau: Die Karwoche mit Wetterregeln

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Als „heilige“ oder „große“ Woche begehen die Christen zum höchsten religiösen Fest seit mehr als 2000 Jahren fei­erlich die Tage vor der frohen Botschaft des Ostermorgens. Diese Zeit, die allgemein als Karwoche mit dem Palmsonntag beginnt, ist nicht nur in den kirchlichen Feiern und Mes­sen mit besonders bedeutsamem, religiösem Brauchtum verbunden, damit „sich der Gläubige das Leiden und Ster­ben Christi vergegenwärtigen“ kann.

Der Be­griff „Karwoche“ geht auf das althochdeutsche „chara/kara“ zurück, das Klage und Trauer bedeutet. Während die Bezeichnung Karwoche den düsteren und traurigen Charakter dieser Tage unter­streicht, verbreiten doch die Palmsonntagszweige Freude, denn sie erinnern an den triumphalen Einzug Christi in Jerusalem. Mit den Palmprozes­sionen wird des biblischen Geschehens in Jerusalem gedacht. Der Brauch, bei den Prozessionen einen Geistlichen an Christi Stelle auf einem Esel reiten zu lassen, hat sich später insofern gewandelt, dass man einen hölzernen Esel auf Räder montierte, mit einer geschnitzten Jesusfigur versah, um das Gefährt in Begleitung durch den Geistlichen von Ministranten ziehen zu lassen. Dieser Brauch wird allerdings nur noch in wenigen Pfarreien ausgeübt.

Dem Palmsonntag, der seit der Kalenderreform von 1969 in lateinischer Kirchensprache „Domini­ca in palmis de passione domini“ heißt, kommt durch das traditio­nelle Brauchtum der im Mittelpunkt der Litur­gie stehenden Segnung der Palmzweige (Palmbuschen/Palmgerten) eine außerordentliche Be­deutung zu. Diese werden nach der Messe zu Hause als Schutz vor Unheil an Kruzifix, Heiligenbildern oder Spiegel befestigt. Die Palmzweige, die in der Kirche verbleiben, werden im nächsten Jahr an Aschermittwoch verbrannt und ihre Asche zur Spendung des Aschenkreuzes verwendet. Mag der Palmsonntag für die Christenheit noch so froh gestimmt beginnen, kehrt er sich doch rasch bei der Eucharistiefeier mit der Lesung der Passionsgeschichte um in die Trauer über das Leiden und Sterben Christi.

Die fol­genden Tage stehen nunmehr ganz im Zeichen der Betrübnis.  Die Tage von Montag bis Mittwoch werden als „stille Tage“ begangen.  Die heiligen drei Tage (lt. Triduum Sacrum) beginnen mit der Feier des letzten Abendmahls an Gründonnerstag und erstrecken sich über Karfreitag und Karsamstag bis zur Vesper am Ostersonntag. Der Karfreitag ist außerdem der Höhepunkt der vorösterlichen Fastenzeit.

Der Donnerstag der Karwoche wird „Gründonnerstag“ genannt. Die Erklärung des Worts bereitet Schwierigkeiten. Manchmal wurde angenommen, dass das Zeitwort „greinen“ (weinen, heulen) darin stecken könnte. Die Verbindung mit „grün“ lässt sich weit in die Vergangenheit zurückverfolgen, und so nimmt man an, dass in der Tat das Eigenschaftswort „grün“ in „Gründonnerstag“ steckt. Da „grün“ ohne Zweifel auf neues Wachstum hinweist, ist diese Erklärung von Gründonnerstag durchaus plausibel. Am Gründonnerstag wurden einst nach alter Sit­te auch die Büßer wieder in die christliche Gemeinschaft aufgenommen, was mittlerweile längst in Vergessenheit geriet. Auch die Bezeichnung „Antlasstag“ weist darauf hin, dass die Sünder die Lossprechung erhalten. In manchen Gegenden wird der Gründonnerstag als „Speispfinzta“ bezeichnet: Pfinzta ist die alte Bezeichnung für den Donnerstag und Speis bezieht sich auf das letzte Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern vor seiner Verhaftung einnahm. Die Eucharistie gründet sich auf dieses Abendmahl am Gründonnerstag.  In der katholischen Kirche wird an Gründonnerstag traditionell vom Bischof die Chrisammesse (lat. Missa chrismatis) gefeiert, bei der die heiligen Öle Chrisam, Katechumenenöl und Krankenöl geweiht werden.

Wenn die Messe vom letzten Abendmahl gefeiert wird, läuten während des Glorias sämtliche Glocken und verstummen dann ebenso wie die Orgel aus Trauer über den Kreuzestod Jesu. Der Volksmund sagt, die Glocken seien nach Rom geflogen. Erst beim Gloria in der Osternacht ist das Glockengeläut wieder zu hören, wenn die Glocken wieder heil zurückgekommen sind. Nach der Gründonnerstagsmesse ist es Tradition, dass der Priester als Symbol der tätigen Nächstenliebe zwölf Laien die Füße wäscht. Mit dieser Fußwaschung wird daran erinnert, dass auch Jesus seinen Jüngern nach dem gemeinsamen Mahl die Füße gewaschen hat. Nach einem alten – bis ins 14. Jahrhundert zurückreichenden – Brauch   wird in vielen Gegenden ein grünes Essen gekocht. Meist ist das eine Suppe aus mehreren grünen Kräutern, die Gesundheit für das ganze Jahr schenken soll. Neunerlei Kräuter sollen darin enthalten sein. Wenn man dazu Kerbel als Grundlage, sowie Petersilie, Schnittlauch, Kresse, Löwenzahnblätter, Sauerampfer, Schafgarbe, Basilikum und Dill nimmt, kann man nicht fehlgehen. Weil nun die Glocken verstummt und „nach Rom geflogen“ sind, rufen in vielen ländlichen Gemeinden noch heute die schnarrenden Töne der Ratschen zum Gottesdienst.

Am Karfreitag, an dem keine Eucharistie gefeiert wird, findet meist um 15 Uhr zur Todesstunde Christi ein Wortgottesdienst statt, bei dem die Passionsgeschichte vorgetragen wird. Dabei ist das Altarkreuz mit einem violetten Tuch verhüllt und anstatt mit Glocken wird mit Ratschen zum Gottesdienst gerufen. Karfreitag ist in der katholischen Kirche ein strenger Fast- und Abstinenztag. Da Fisch nicht unter das Abstinenzverbot fällt, sind Fischgerichte seit Jahrhunderten traditionelle Karfreitagsessen. Ein anderer Karfreitagsbrauch, der noch vor wenigen Jahrzehnten in den meisten Kirchen Heimatrecht hatte, lebt hingegen da und dort wieder auf: das Heilige Grab. An manchen Orten wird in Karfreitagsprozessionen die Passionsgeschichte lebendig und eindrücklich dargestellt. Dabei spielen Laiendarsteller die Leidensgeschichte Jesu in verschiedenen Stationen nach. Die wohl bekannteste Karfreitagsprozession findet in Jerusalem entlang der Via Dolorosa, dem Leidensweg Jesu, statt.

Traditionell ist der Karsamstag ein stiller Tag. Die Kirchenglocken schweigen, es finden keine Gottesdienste statt, in der Regel werden keine Sakramente gespendet und der Altar ist völlig schmucklos. Wie an Karfreitag auch gehen Kinder mit Ratschen durch die Straßen und erinnern die Gläubigen an die Gebetszeiten. Auch an Karsamstag wird noch gefastet, die Fastenzeit endet mit Beginn der Feier der Osternacht. Auch wenn er eigentlich ein Tag der Stille und Besinnung ist, werden oftmals schon an Karsamstag die Vorbereitungen für das Osterfest getroffen: es werden Ostereier gefärbt, Osterlämmer gebacken, die Wohnung geputzt und österlich dekoriert. In der Nacht zum Ostersonntag wird der Auferstehungsgottesdienst gefeiert: Als die Jünger am Ostermorgen das Grab aufsuchen, ist es leer. Jesus ist von den Toten auferstanden. Zentral in der Osterliturgie ist das Osterfeuer und die Segnung der Osterkerze. Nach Möglichkeit werden in der Osternacht Taufen durchgeführt.

Brauchtum hat sich reichlich um das Osterfest entwickelt, es hat aber nur wenig mit dem religiösen Gehalt zu tun. Da die Hühner im Frühjahr bei dem verbesserten Futter wieder Eier legen, ist es verständlich, die Eier symbolisch zum Osterfest in Beziehung zu setzen. Verschiedene Spiele, wie etwa das „Eierpecken“, sind ein Vergnügen. Dass gar der Osterhase Eier legt, ist eine hübsche Idee, genauso wie das Verstecken von Eiern und anderen Süßigkeiten. Nach den Bestimmungsregeln für das Osterfest fällt der Ostersonntag überwiegend in den April, und da ist normalerweise das Frühjahr schon voll im Gange. In Erinnerung an das jüdische Lamm werden Osterlämmer aus Rührteig hergestellt.
Die Feier der Osternacht ist der Höhepunkt des Triduum Sacrum und gilt im Kirchenjahr als „Nacht der Nächte“. Es handelt sich um eine Vigilfeier (Nachtwache), in der die Kirche die Auferstehung Jesu erwartet und anschließend feiert. Die Messe beginnt deshalb im Zeitraum nach Sonnenuntergang am Karsamstag und vor Sonnenaufgang am Ostersonntag. Am Anfang der Liturgie steht die Lichtfeier, die vor der Kirche im Freien beginnt. Dort segnet der Priester das Osterfeuer und entzündet daran die Osterkerze. In einer Prozession wird die Kerze dann in die dunkle Kirche getragen, unter dem dreimaligen Ruf „Lumen Christi – Deo gratias“ („Licht Christi – Dank sei Gott“). Das Licht der Osterkerze wird dann an alle Mitfeiernden weitergegeben. Es folgt das gesungene Osterlob, das sogenannte Exsultet. Ab diesem Zeitpunkt spielt die Orgel wieder, die Glocken läuten und das Licht der Kirche wird angeschaltet – freudige Zeichen der Auferstehung Jesu.

Natürlich sind zu diesen Tagen auch viele Wetterregeln überliefert:

Palmsonntag:

Wenn‘s den Buben auf die Palmbesen schneit,

regnet es den Jungfrauen an Ostern auf die Kränze.

 

Kommen am Palmtag die Palmen trocken nach Haus,

so kommen die Garben trocken in die Scheune.

 

Wenn es den Buben auf die Palmgerten reg­net,

regnet‘s den Mädchen auf den Kranz (Fronleichnam).

 

Ist der Palmsonntag ein heiterer Tag,

es für den Sommer ein gutes Zeichen sein mag.

 

Schnee am Palmsonntag,

Schnee auf den Ähren.

 

Am Palmsonntag Sonnenschein

soll ein gutes Zeichen sein.

 

 Gründonnerstag:

Ist der Gründonnerstag weiß,

so wird der Sommer heiß.

 

Gründonnerstag pflanz‘ Myrte ein,

sie wird zu deiner Freud‘ gedeih’n.

 

Karfreitag:

Karfreitagsregen

ist Gottes Segen.

 

Wie Christus ins Grab gelegt wird,

so steigt er auf.

 

Karfreitag Sonnenschein,

bringt uns reiche Früchte ein.

 

Am Karfreitag trauert die Sonne

bis drei Uhr nachmittags.

 

Gibt‘s Reif am Karfreitag,

ist‘s noch 40 Tage kalt.

 

Wenn es am Karfreitag regnet,

ist das ganze Jahr gesegnet.

 

Wenn am Karfreitag Regen war,

folgt ein trocken‘, aber fruchtbar‘ Jahr.

 

Wie der Wind an Karfreitag ist,

so ist er das ganze Jahr.

 

Wenn es an Karfreitag regnet,

gibt es den ganzen Sommer über große Troc­ken­heit.

 

 Karsamstag:

Wenn‘s unser‘m Herrgott ins Grab regnet,

vergibt das Jahr kein‘ Regen nit.

 

Ostersonntag:

Wenn am Ostertag die Sonne hell scheint,

der Bauer beim Korn auf dem Speicher weint;

ist der Ostertag ähnlich der Nacht,

er sich stets in ‘s Fäustchen lacht.

 

Der Regen auf einen Ostertag

mehr Regen denn schön‘ Wetter sagt;

vom Futter aber auf den Wiesen

kann ‘s Vieh nicht allzu viel genießen.

 

Osterregen bringt magere Kost,

Ostersonne fette und reichliche.

 

Weihnachtskälber und Osterferkel

machen den Bauern reich.

 

Wind, der an Ostern weht,

noch 40 Tage steht.

 

Woher an Ostern der Wind kommt gekrochen,

daher kommt er noch 7 Wochen

 

Wenn Ostern auf Georgi fällt,

erwartet großes Weh‘ die Welt.

 

Wenn zu Ostern die Sonne scheint,

sitzt der Bauer am Speicher und weint.

 

Ein Wind, der von Ostern bis Pfingsten re­giert,

im ganzen Jahr sich wenig verliert.

 

Wenn‘s Ostern regnet,

ist die Erde den ganzen Sommer über durstig.

  

Bericht: Sepp Roßmeisl, Bilder: Regina Pfeffer / Bayerischer Waldgau

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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