Brauchtum

100 Jahre Theatertradition in Reichertsheim

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Seit etwa hundert Jahren wird beim Trachtenverein Reichertsheim Theater gespielt. Die für dieses Frühjahr an den Wochenenden vor Ostern geplanten Aufführungen müssen, wie schon die Aufführungen im Frühjahr und Herbst 2020, wegen der Corona-Pandemie ausfallen.

Ganz andere Schwierigkeiten gab es, als der junge Verein kurz nach seiner Gründung das erste Stück mit dem Titel „Das letzte Spiel“ auf die Bühne brachte. Gründungsvorstand Franz Thalmaier erzählte, dass der Trachtenverein in der Bevölkerung auf Ablehnung stieß und deshalb die Aufführungen schlecht besucht waren. Spielleiter Hermann Thalmaier, Gründungsmitglied und Bruder des Vorstands, hatte durch sein Studium gute Kontakte in München. Er brachte von München Schauspieler mit, welche die Rollen einlernten. Als das in der Einwohnerschaft bekannt wurde, war der Saal voll. Außerdem ließ sich von der Presse in Haag ein Berichterstatter mit der Chaise herfahren und schrieb einen guten Bericht in der Zeitung. Der Bericht hat sich leider bis heute nicht auffinden lassen. Das Theaterspiel blieb Teil der Vereinstätigkeit und bereicherte und bereichert das kulturelle und gesellschaftliche Leben. Leider sind die schriftlichen Unterlagen des Vereins aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen, so dass außer drei Bildern keine Belege über das Laienspiel vor diesem Zeitpunkt existieren.

Neubeginn 1946  –  Nach den Schrecken des Weltkriegs regte sich bald wieder die Trachtlerseele. Josef Herzog aus Anzenberg und Franz Hanslmaier aus Wagenspeck konnten in ihrer frohen Art mehrere junge Burschen und Dirndl für die Trachtensache begeistern. Auch heute kommt der Spielernachwuchs in erster Linie aus dem Vereinsnachwuchs, wobei immer wieder Quereinsteiger dazukommen. Es gibt so etwas wie eine Trachtlerkarriere: Von der Kindergruppe geht es weiter über die Tanz- und Plattlergruppe zu den Schnalzern und zu den Theaterspielern. Die Theatergruppe umfasst etwa 30 Mitglieder, mit denen alle Rollen vom jugendlichen bis zum gesetzten Alter dargestellt werden können und mit den Frauen, die sich um Kostüme, das Schminken und das Frisieren kümmern. Das erste Theaterstück mit dem Titel „Unser tägliches Brot gib uns heute“ wurde bereits 1946 aufgeführt. Seitdem wird meistens im Frühjahr und im Herbst gespielt. 1948 und 1949 wurden sogar vier verschiedene Inszenierungen im Frühjahr, im Sommer, im Frühherbst und im Spätherbst auf die Bühne gebracht. Seit 1946 wurden insgesamt 137 Stücke aufgeführt. Aus den seit dem Frühjahr 1956 geführten Aufzeichnungen über die Rollenverteilung lässt sich entnehmen, dass von den Laienspielern seit 1956 über 1200 Rollen dargestellt wurden. An der Spitze steht hier Leonhard Holzgassner mit 79 übernommenen Rollen seit Herbst 1971, gefolgt von Sepp Baumgartner mit 43 Rollen seit Herbst 1974 und Georg Hanslmeier mit 41 Rollen seit Herbst 1986. Ein Wandel lässt sich in der Auswahl der Stücke feststellen. In der Nachkriegszeit waren es vor allem Heimkehrer- und Wilderergeschichten, die über die Nöte der Zeit und auf oft recht drastische Art die gesellschaftlichen Hintergründe reflektierten und mit denen sich das Publikum bis Ende der 1970er Jahre identifizieren konnte. Seither ist festzustellen, dass die Zuschauer mehr unterhalten werden wollen und heitere Themen bevorzugen. Der Theaterleitung gelingt es sehr gut, diesen Anforderungen gerecht zu werden und inhaltliche Sinnhaftigkeit und Unterhaltungswert bei der Stückeauswahl zu berücksichtigen und zu kombinieren.

Lustige Begebenheiten  – Anekdoten über Geschehnisse bei den Aufführungen gibt es einige zu erzählen:

Im Frühjahr 1947 war ein großer Erfolg, wie auch fünfzig Jahre später im Herbst 1997 sowie im Frühjahr 2019, die Aufführung des Stücks „Der siebte Bua“. Im Jahr 1947 war die Rolle des Ökonomen Pongratz Kleemeier dem Darsteller wie auf den Leib geschrieben und er spielte sie so überzeugend, so dass er Zeit seines Lebens „Kleemeier“ genannt wurde und manche Leute gar nicht wussten, wie er sich wirklich schreibt. In den siebziger Jahren wurde ein Stück aufgeführt, für das bei einem Akt ein besonders schöner Stubentisch gebraucht wurde. Der Vorstand stellte diesen zur Verfügung. Da der Tisch jedoch mit den Fußleisten nicht durch die Bühnentüre gegangen wäre, wurden die Fußleisten entfernt. Der Tisch stand, während er nicht gebraucht wurde, hinter der Bühne gleich neben dem Bühnenzugang. Nun ist während der Aufführung das Licht im gesamten Saal ausgefallen. Ein Zuschauer und oftmaliger, zudem schwergewichtiger Theaterspieler wusste, dass sich der Sicherungskasten hinter der Bühne befand und eilte dorthin. Um auf das Bühnenpodium und von dort zum Sicherungskasten zu gelangen sprang er auf den am Bühnenzugang stehenden Tisch. Der Tisch, seiner stabilisierenden Fußleisten beraubt, brach mit einem fürchterlichen Krachen in sich zusammen. Für Zuschauer und Theaterspieler war das Geschehen zunächst rätselhaft. Als jedoch das Licht wieder anging konnte weitergespielt werden. Lediglich der Tisch war nicht mehr einsatzbereit und musste zum Schreiner zur Reparatur gebracht werden.

Bei der Aufführung eines Wildererstücks vergaß der Hauptdarsteller einen Taler, der ihn vor dem tödlichen Schuss seines Widersachers rettete und den er nach dem Schuss theatralisch dem Publikum zeigen sollte, in die Joppentasche zu stecken. Als nun die betreffende Szene kam, griff er in die leere Tasche. Er konnte dem Publikum nichts zeigen, löste aber die Kalamität, indem er nur seinen Mitspielern auf der Bühne verdeckt den (nicht vorhandenen) Taler zeigte. Natürlich hatten die Mitspieler alle Mühe, in der dramatischen Szene das Lachen zu verbergen. Bei der Aufführung eines Stücks, in dem ein Haberfeldtreiben beinhaltet war, hatte der Darsteller eines Haberers nur einen Einsatz. Nun geschah es, dass der Haberermeister den Einsatz dieses Haberers übersprang und er nichts mehr zu sagen hatte. Sein Kommentar war: „Iatz hob i sowieso grod oa Frog, und net amoi de hob is sogn kinna.“ Und dann wurde einmal auf dem Hof des Spielleiters vor lauter Begeisterung quasi eine zweite Version des Stücks weitergespielt. Es ging um die Kirchweih und um die Tradition, die Kirchweih in Form von Schnapsresten zu vergraben. Kurzerhand wurde eine Pralinenschachtel in einem Sandhaufen vergraben, die dann Monate später beim Betonieren wieder zum Vorschein kam.

Umzug nach Thambach  –  Bis zum Herbst 2016, als der Rampl-Saal aus Brandschutzgründen geschlossen werden musste, wurde dort Theater gespielt. Das Entgegenkommen der Gutsbesitzersfamilie Huber in Thambach ermöglichte den sofortigen Umzug in den Gutsgasthof Thambach. Kurzfristig und in vielen Arbeitsstunden wurde in den Saal die Theaterbühne eingebaut und bereits im Frühjahr 2017 konnte dort Premiere gefeiert werden.

Gastspiele  –  Gelegentlich hat sich die Theatergruppe auch auf Gastspielreisen begeben. In Maitenbeth wurde am 18. April 1949 das Stück „Everls Brautfahrt“ und am 10.Juli 1949 „Grenzfeuer“ sowie am 2. Oktober 1949 „Wildererblut“, am 22. Januar 1950 „Der Amerikaseppl“ und am 16. April 1950 „Falsche Liab“ gespielt. Am 8. Dezember 1974 wurde beim Patenverein in Schnaitsee das Erfolgsstück „S‘ Findlkind“ aufgeführt. Weitere Gastspiele in jüngerer Zeit waren die Beteiligung mit Einaktern bei den InnHügelLand-Dulten.

Frühere Absagen  –  Im Jahr 1951 mussten wegen der Maul- und Klauenseuche die Proben für das Herbsttheater abgebrochen werden, die jedoch schon im Januar 1952 nachgeholt werden konnten. Wegen Erkrankung bzw. Unfall des Hauptdarstellers konnte im Jahr 2009 kein Theater aufgeführt werden.

Hoffnung und Freude für die Zukunft  – Für das Frühjahr 2020 hatten die Theaterproben bereits begonnen, mussten jedoch wegen Covid-19 wieder beendet werden. Die Theatergruppe des Trachtenvereins mit den beiden Spielleitern Georg Hanslmeier und Richard Schwarzenbeck, die Bewirtungsmannschaft und das treue Publikum freuen sich darauf, wenn es im Gutgasthof Thambach wieder heißen kann: Vorhang auf!

Bericht und Bilder: Grundner Gust

Bildunterschriften:

Bild 1: Das Foto aus der Zeit um 1920 zeigt die Theatergruppe des Trachtenvereins mit Spielleiter Hermann Thalmaier (links sitzend mit Geige) und rechts daneben am Tisch sitzend mit Zither Gründungsvorstand Franz Thalmaier.

Bild 2: Vor fünfzig Jahren, im Jahr 1971 wurde das dramatische Stück „Geächtet“ aufgeführt. 5. V.l. ist Leonhard Holzgaßner bei seinem ersten Theaterstück, dem bis jetzt 78 Rollen folgen sollten. Rechts aussen die beiden langjährigen Regisseure und Ehrenvorstände Franz Hanslmaier und Alois Greimel.

Bild 3: „Der siebte Bua“ wurde im Jahr 2019 zum dritten Mal mit großem Erfolg aufgeführt. Rechts aussen die beiden jetzigen Spielleiter Georg Hanslmeier (als Postbote) und Richard Schwarzenbeck.

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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