Leitartikel

Pittenharter Erinnerungen an den Kampenwandkreuz-Bau

Mit einer Höhe von zwölf Metern ist es das größte Kreuz der bayerischen Alpen. Es wurde aus Eisen geschmiedet und hat ein Gewicht von rund 54 Zentnern, das Gedenkkreuz auf der Kampenwand. Vor 70 Jahren wurde es erbaut und ohne die heutigen technischen Möglichkeiten unter schwersten Bedingungen von einigen Helfern auf den 1664 Metern hohen Ostgipfel der Kampenwand gebracht und dort aufgestellt. Einer davon war Paul Kink, der kürzlich verstorben ist und zu dessen Ehren das Kampenwand-Kreuz leuchtete, wie die Heimatzeitung am 8. September berichtete. Dass mit Kink—wie im Artikel stand — der letzte Mit-Erbauer verstorben ist, war jedoch nicht richtig. Denn auch Sebastian Unterhuber (95) aus Aindorf in der Gemeinde Pittenhart war damals dabei und kann sich heute noch gut an die Strapazen erinnern.

„Ich habe den Bericht gesehen und wusste sofort, dass das nicht ganz stimmt, weil ich jemanden kenne, der auch beim Bau des Kreuzes dabei war und noch lebt”, erzählt Pittenharts Bürgermeister Josef Reithmeier. Dabei handelt es sich um Sebastian Unterhuber. Wir haben vor einigen Jahren zusammengearbeitet”, sagt Reithmeier. Er war Lehrling in der Zimmerei Simon Eder. Unterhuber, der eigentlich Bauer war, arbeitete als Zimmererhelfer. Beim Dacheindecken der Kapelle neben der Steinlingalm, also unweit des Kampenwand-Kreuzes, erzählte der Aindorfer dem heutigen Pittenharter Bürgermeister vom Bau des Gedenkkreuzes.

Sebastian Unterhuber — oder auch bekannt als Ripel Wast— wurde am 26. Januar 1925 in Aindorf geboren. Er wuchs dort mit fünf Geschwistern auf. Wie viele ande-re junge Männer musste auch der heute 95-Jährige seinen Kriegs-dienst leisten. Dabei verletzte er sich schwer, als ihn eine Kugel am Knie traf. Das Datum, an dem er wieder zurückkehrte, weiß er noch genau. „Das war der 8. Juli 1945.” Zuvor hatte er drei Monate in Bad Kreuznach unter freiem Himmel verbracht. Auch zu Essen h-be es nur wenig gegeben. Mit dem Zug war er anschließend nach München gekommen und dann nach Bad Endorf. Von dort machte er sich zu Fuß auf den Weg in die Heimat. In Almertsham bei Höslwang versorgte ihn eine Bäuerin mit Kaffee und Butterbrot, etwas, das ihm noch gut in Erinnerung ist. „Mit Tränen in den Augen”, so Unterhauser, sagte sie dem Kriegsrückkehrer, dass sie ihm keinen Zucker anbieten könne. Schließlich nahm ein Milch-lastwagenfahrer Unterhuber mit nach Pittenhart.

Rund vier Jahre später war Unterhuber einer von mehreren Helfern, unter anderem aus Pittenhart und Höslwang, die bei den Transport- und Aufbauarbeiten des Kampenwand-Kreuzes mithalfen. Viele Monate sind sie jeweils am Samstag mit den Fahrrädern nach Aschau gefahren und dann zu Fuß auf die Steinlingalm gegangen. „Dort haben wir immer übernachtet.” Am Sonntag sind sie mehrmals am Tag auf den Gipfel, haben Sand, Wasser und Zement hinaufgebracht. Auch die einzelnen Kreuzteile mussten nach oben kommen. „Brutal anstrengend” sei dann vor allem die Rückfahrt mit dem Fahrrad von Aschau nach Pittenhart gewesen, sagt Unterhuber.

Die Idee, ein Kreuz aus Eisen für die Gefallenen des Zweiten Welt-kriegs auf der Kampenwand zu errichten, entstand, als Franz Schaffner sen. 1948 mit seinem Sohn und seiner Tochter eine Bergtour hinauf zum Ostgipfel machte. Das dortige Holzkreuz, das zu Beginn der 20er Jahre für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges aufgebaut worden war, war inzwischen erheblich beschädigt gewesen. Wieder daheim in Höslwang, erzählte Schaffner seinem Nachbarn Josef Hell, bekannt als Schmied Sepp, von der Idee. Hell wiederum betrieb eine Schmiede. Man entschied sich für das Material Eisen, das ihnen wesentlich haltbarer als Holz erschien. Zusammengefasst findet man die Hintergrundgeschichte in einer Broschüre, die die Gemeinden Aschau und Höslwang zum 50. Jahrestag der Einweihung des Kampenwand-Kreuzes im August 2001 herausgebracht haben. Ein solches Exemplar bewahrt Pittenharts Altbürgermeister Hans Spiel immer noch auf. Kein Zufall, handelt es sich doch beim Schmied Sepp um seinen Onkel, bei dem er selbst einmal gearbeitet hat.

An die 2000 Arbeitsstunden sollen Josef Hell und Helfer für die Herstellung des zwölf Meter großen Denkmals gebraucht haben. Im Sommer 1949 waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Beim Gaufest des Chiemgau-Alpenverbandes in Prien am 15. August 1949 nahm man das Kreuz auf einem Wagen beim Festzug mit. Dann wurde es mit der Eisenbahn nach Niederaschau transportiert und von dort die einzelnen Teile zunächst mit Mulis, dann mit einer Seilwinde bis zum Gipfel gebracht. Letztendlich wurde das Kreuz vor Ort zusammengeschweißt und am 24. September 1950 — ähnlich wie beim Maibaumaufstellen — aufgestellt. Die Einweihung erfolgte am Sonntag, 26. August 1951. Bereits am 19. Januar 1951 ernannte die Gemeinde Höslwang und am 26. Januar 1951 die Gemeinde Hohenaschau Josef Hell stellvertretend für alle Mitwirkenden zum Ehrenbürger.

Jährlich findet eine Gedenkmesse für die Opfer des Ersten und Zweiten Weltkrieges aus dem Chiemgau auf der Kampenwand statt — unterhalb des Kreuzes an der Kapelle neben der Steinlingalm. Ausgerichtet wird diese im Wechsel von Gemeinden aus dem Chiemgau. Auch Sebastian Unterhuber ist jedes Jahr mit dabei und freut sich, das mächtige Kampenwand-Kreuz zu sehen, zu dem er einen so besonderen Bezug hat.

Bericht und Foto: Christina Aicher, Trostberger Tagblatt

Bildunterschrift: Mit Sebastian Unterhuber (Mitte) aus Pittenhart lebt noch einer der Mit-Erbauer des Kampenwand-Kreuzes. Er erinnert sich noch gut an die Strapazen. Auch Bürgermeister Josef Reithmeier (rechts) und Alt-Bürgermeister Hans Spiel kennen die Entstehungsgeschichte des Denkmals.

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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