Leitartikel

Erinnerungen an einen Wilderertod im Priental vor 100 Jahren

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Große Aufregung rief vor gut 100 Jahren im Aschauer Tal ein Wildererdrama hervor, das dem jungen und ledigen Holzknecht Martin Holzner sein Leben kostete. Persönliche Überlieferungen und Recherchen des Heimat- und Geschichtsvereins Aschau i. Chiemgau ergeben in der Gesamtbetrachtung das Bild, dass der unberechtigte Jäger, genannt Bojer-Martl vom freiherrlichen Jäger Hubert Hornberger angetroffen wurde. Als Holzner sein Gewehr auf den Jäger der Cramer-Klettschen-Verwaltung richtete, schoss dieser dem Wilderer in den Oberschenkel. Der Getroffene lief noch rund 500 Meter, stürzte auf die Felsen und verstarb an Verblutung. Aber es gab auch etwas abweichende Überlieferungen.

Der sonntägliche  Pirschgang  des Jägers Hubert Hornberger auf die Kampenwand endete somit in Notwehr. Als vor zwanzig Jahren zum 80. Todestag des Bojer-Martl eine Veröffentlichung im Oberbayerischen Volksblatt erfolgte, da meldete sich   Ludwig Bojer aus Frasdorf mit  folgender Stellungnahme: „1898 wurde Martin Holzner laut Geburtsurkunde in Aschau geboren. Er kam als Pflegekind zu meinen Großeltern Michael und Elisabeth Bojer. Michael Bojer verstarb 1916, die Pflegemutter 1924. Sie hatten in ihrer Ehe sechs Kinder. Donat erbte als ältester Sohn das Haus. Er übernahm das Haus 1919, 1921 wurde es verkauft.  1919 kam Martin Holzner aus dem Krieg zu seiner Pflegemutter zurück. Er wurde Holzarbeiter bei Baron Cramer-Klett. Aufgrund der damaligen Notlage ging er, wie so manch andere, zum Wildern. Sein Pech war, dass Jäger Hornberger zur Holzausweisung auf den Berg ging und dabei den Schuss hörte, der nicht dem Wild gedacht war, sondern der Verständigung mit einem Kameraden dienen sollte“.   „Warum kam der Jäger Martin nicht zu Hilfe?” fragt Ludwig Bojer. „Der Holzknecht verblutete in der Nähe des Abschussorts. Jäger Hornberger ging nach Hause zu seinem Sohn Toni und verständige wahrscheinlich die Forstarbeiter, die mit ihm und seinem Sohn hinauf gingen, um Martin zu bergen. Sohn Toni Hornberger war Jungjäger.” so der Bericht von Ludwig Bojer. Auch von der Fraueninsel kam eine Zuschrift, allerdings mit einer etwas anderen Version. Otto Holzmayer berichtete, dass es sich damals um keinen Notwehrschuss gehandelt habe. Holzmayer beruft sich auf die Niederschriften des Aschauer Barons Ludwig Benedikt Freiherr von CramerKlett in seinem Buch „Des Jägers Glück kennt kein Verweilen”. Darin hält der Baron Erinnerungen an den Förster Hornberger fest. Unter anderem heißt es wörtlich: „Um den Anruf des Försters auf etwa 100 Schritt kümmerte der Schütz Bojer-Martl sich kaum, sah kurz zu ihm hinunter und setzte, den Karabiner in beiden Händen haltend, seine Pirsch fort. Dass dem alten Jäger darob die Zornesader schwoll, wird keiner ihm verargen. Er wollte dem Wilderer knapp vorne an den Beinen vorbeischießen traf ihn aber so unglücklich tief am Oberschenkel dass er, in einer Mulde hineintaumelnd, binnen kürzester Frist verblutete. Der Förster hatte gemeint, es mit einer Wildschützengruppe aus den Nachbartal zu tun zu haben, die schon oft ihre Raubzüge über die Schneid herüber in sein Revier vorgetrieben hatte. Das Unglück aber wollte, dass sich diesmal ein paar Aschauer Burschen zu unlöblichen Tun zusammengeschlossen hatten und der Erschossene der Beliebteste unter ihner war.” – so der Auszug aus einer Niederschrift des Barons Ludwig Benedikt Freiherr von Cramer Klett.

Jäger-Sohn hielt Erinnerungen fest

Ludwig Hornburger, Sohn des Jägers Hubert Hornburger hat auf Wunsch von Wolfgang Bude für den Heimat- und Geschichtsverein Aschau im Jahr 1995 seine Erinnerungen ausführlich festhalten lassen. Dabei wurde Folgendes niedergeschrieben: „Mein Vater stieg eines Sonntags im Jahre 1920 mit dem Steiner Franzl, einem Postboten, hinauf auf die Kampenwand, um für diesen Holz auszuweisen, denn während der Woche konnte dieser für derartige Dinge keinen freien Tag bekommen. Nachdem er damit fertig war, ging mein Vater weiter in Richtung Branden-Alm/Huber-Alm. Er steckte den Schlüssel in die Tür der Brandner-Alm und wollte gerade aufsperren, da hörte er aus der Nähe der Huber-Alm plötzlich Schüsse. Er wandte sich sofort ab und rannte hinauf zur Huber-Alm. Da er dort nichts sah, lief er in Richtung Steigwandl weiter, von wo aus er in die sogenannte Goß schauen konnte. Von dort machte er einen Mann aus, der auf die Gemsen hinüber schoss. Er riss sein Gewehr von der Schulter und forderte den Wilderer auf, sofort die Waffe wegzuwerfen. Dieser dachte gar nicht daran, sondern drehte sich sofort um und feuerte auf meinen Vater einen Schuss ab, der jedoch Gott sei Dank über seinen Kopf hinwegpfiff. Daraufhin erwiderte mein Vater das Feuer. Er wollte sein Gegenüber kampfunfähig machen und zielte deshalb auf die Beine. Der Wilderer warf seine Waffe weg, lief erst ein Stück auf Vater zu und bog etwa 60 Meter vor ihm rechts hinter die Huber-Alm ab. Im ersten Moment dachte mein Vater, er habe ihn verfehlt. Er eilte zum ursprünglichen Standort des Schützen, einem kleinen Schneefeld, um das Gewehr sicherzustellen. Als er dort ankam, bemerkte er Blutflecken, die auf eine Verletzung hinwiesen. Er folgte der Spur etwa 300 Meter und sah den Wilderer liegen. Das Gesicht war mit einer Maske, in der nur Schlitze für Augen und Mund geschnitten waren, verdeckt. Er trug eine Kotz´n, einen Umhang, wie ihn die Holzknechte benutzten und eine Mütze. Der Verletzte gab keinerlei Lebenszeichen von sich. Mein Vater, der einen Trick vermutete, traute sich nicht näher heran, sondern wartete eine Zeit lang, bevor er sich der Gestalt näherte. Er fühlte den Puls und erkannte am matten Glanz der geöffneten Augen, dass der Mann tot war. Der Schuss hatte ihm, wie sich später zeigte, tragischerweise die Beinschlagader am Oberschenkel zerrissen. Mein Vater veränderte nichts, sondern eilte hinunter nach Aschau, um den Zusammenstoß sofort der Polizei und der Staatsanwaltschaft zu melden“. Wie es weiter in den Aufzeichnungen heißt, hatte der wildernde Bojer-Martl nach seinem ersten Schuss nochmals durchgeladen, erst der Treffer des Jägers hinderte ihn, die leere Patrone vom ersten Schuss wurde bei den Nachforschungen gefunden.

Da der Bojer-Martl sehr beliebt war, kam es zu besonderen Situationen. So holten seine Freunde den Leichnam vom Friedhof, um ihn daheim aufzubahren, sie widmeten ihm ein eigenes Lied und die Jägers-Familie musste einschließlich der Schulkinder Schmähungen hinnehmen. Später errichteten Freunde dem Bojer-Martl ein Marterl auf der Kampenwand, die Segnung nahm Monsignore Dr. Röck vor.

Repros:  hö  – Stolzer Trachtler und Jäger Martin Holzner – Martin Holzner mit seinen Freunden – Martin Holzner mit Freundin Kathi –  Jäger mit seinen drei Söhnen aus zweiter Ehe – Marterl bei Huber-Alm – Ranzen des Wilderers mit Blutspuren

 

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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