Kultur

Erinnerungen an den Sedantag

„Wir sind schon so weit nach Frankreich marschiert, viel Staub, viel Durst, wenig zu essen, eine Schinderei für die Infanterie“, schrieb der 24-jährige Josef Staffner, Infanterist im königlich bayrischen Leibregiment im September 1870 in einem Feldpostbrief an seine Eltern in Sonnhart. „Weil wir das Leibregiment sind, glauben alle, dass wir das Doppelte leisten müssen, wie die anderen“. Ausführlich schreibt er über den bisherigen Weg der bayerischen Armee über Weissenburg und Wörth „hinein ins Frankreich“, und seine Begegnungen mit preußischen Truppen auf den Straßen. „Vor vier Jahren haben wir noch aufeinander geschossen, heute kämpfen wir miteinander gegen den Franzmann. Gebe Gott, dass dies der letzte Krieg sein wird und wir nach unserem Sieg in Zukunft mit den Franzosen genauso vertraut verkehren dürfen, wie heute mit den Preußen“. Er schließt seinen Brief mit dem Hinweis und der „allerletzten Neuigkeit“, dass es den Preußen gelungen sei „Napolium in Sedan einzufangen“.

Josef Staffner wurde 1846 in Nußdorf geboren, schon den Krieg von 1866 machte er in voller Länge mit und als stolzer Angehöriger des Leibregiments war er 1870/71 in Frankreich mit dabei. Bei der Schlacht von Sedan am 1. September stand das Leibregiment in den Brennpunkten der Kämpfe und musste einige Verluste hinnehmen. Für die militärischen Leistungen bei Sedan am 1. September 1870 erhielt der Kommandeur des III. Bataillons Major Joseph Graf von Ioner-Tettenweiß den höchsten bayerischen Orden, das Ritterkreuz des Militär-Max-Joseph-Ordens.

Zum Gedenken an die Einnahme der Festung Sedan, verbunden mit der Gefangennahme des französischen Kaisers Napoleon III und dem Großteil der französischen Armee wurde der 2. September am ersten Jahrtag der Schlacht im Jahr 1871 zum Feiertag erklärt. Alle Veteranenvereine im gesamten Deutschen Reich begingen den „Sedanstag“ mit flammenden Reden und viel Marschmusik an Kriegerdenkmälern und Gedenkstätten. Knapp 50 Jahre lang, von 1871 bis 1918, bestand dieser nationale Feiertag und erinnerte an den Sieg von Sedan und die spätere Reichsgründung 1871 in Versailles. Naheliegender wäre eigentlich der 18. Januar, der Tag der Kaiserproklamation gewesen, doch diesen Vorschlag aus kirchlich-evangelischen und liberalen Kreisen hatte Kaiser Wilhelm I. abgelehnt. So erhielt der Sedanstag nie den offiziellen amtlichen Charakter eines Nationalfeiertags, da der Kaiser ihn nie offiziell zum Feiertag erklärte. Er war vor allem ein Feiertag des kaisertreuen Bürgertums, des Adels sowie des Militärs, der preußischen Beamtenschaft und der ländlichen Bevölkerung gewesen, nicht oder kaum einer der Arbeiterschaft.

Der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober hat also nicht nur den 17. Juni zur Erinnerung an den blutig niedergeschlagenen Volksaufstand in der DDR sowie den Verfassungstag der Weimarer Republik am 11. August, dem Tag der Unterzeichnung der Verfassung des Deutschen Reichs, zum Vorläufer, sondern auch den Sedanstag am 2. September. Der wurde jedoch schon vor über 100 Jahren, am 27. August 1919, durch die Weimarer Republik wieder abgeschafft, weil er nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg als nicht mehr als zeitgemäß angesehen wurde.

Der weitere Lebensweg von Josef Staffner ist gut belegt: Nach dem Krieg rüstete er wie die meisten bayerischen Soldaten ab, kehrte ins Zivilleben zurück und zog aus dem Inntal nach Bachham in die Gemeinde Wildenwart. Hier heiratete er 1884 die Wastltochter von Elperting Anna Höhensteiger (1862-1929). Beide bauten sich ein Haus und eine Bäckerei auf, dazu kam noch eine kleine Landwirtschaft. Drei Generationen versorgte die Bäckerei, verbunden mit einem Kramerladen, die Bachhamer mit allem, was man so zum Leben auf dem Dorf braucht. Voller Stolz ließ sich Josef Staffner auf den wenigen erhaltenen Fotografien mit den Orden, Ehrenzeichen und Erinnerungsmedaillen von Anno 1866 und 1870/71 ablichten. Josef Staffner förderte die Gründung und den Aufbau des Wildenwarter Veteranenvereins und wurde – wie alle Feldzugteilnehmer von 1866 und 1870/71 – bei der Vereinsgründung 1907 zum Ehrenmitglied ernannt. Aus der Ehe mit Anna Höhensteiger gingen viele Kinder hervor, sieben davon erlebten das Erwachsenenalter. Alle Staffner Kinder waren hervorragende Musiker und ein paar der älteren traten vor dem Ersten Weltkrieg als Tanzmusikanten in der Region auf. Schon früh mussten die Buben aus dem Haus, mit 13 Jahren begann nach der Schulzeit bereits das Arbeitsleben. Nach dem Ersten Weltkrieg verteilte sich die Familie durch Heirat übers ganze Land: die älteste Tochter Kreszenz heiratete nach Willing und wurde dort Wirtin, Josef kaufte seinem Vater 1913 das Anwesen in Bachham ab und betrieb zeitlebens die elterliche Bäckerei, Johann Baptist ging zur Reichsbahn nach Kaufbeuren, Sebastian heiratete in eine Fischerei in Osternach ein, Elisabeth heiratete nach München und wurde Bedienung im Platzl. Die beiden jüngsten Söhne Markus und Anton fingen als Musikanten, Plattler und Volksschauspieler am Platzl an, zusammen mit Ludwig Schmid-Wildy und Michl Lang; Markus spielte einige Nebenrollen in Filmen wie zum Beispiel „Quax der Bruchpilot“ mit Heinz Rühmann und betrieb ab Januar 1947 eine Volkssängerbühne mit dem Namen „Rund um Oberbayern“ im Münchner Märzenkeller. Er zählte mehrere Mitglieder des ehemaligen Platzl-Ensembles zu seinen Interpreten. Seine Karriere nahm nach einem Autounfall des Ensembles in der Schweiz ein jähes Ende. Anton fiel im zweiten Weltkrieg als Soldat im Osten.

Josef Staffner senior verstarb 1929 im Alter von 83 Jahren; noch im gleichen Jahr verstarb auch seine Ehefrau Anna, sie wurde nur 67 Jahre alt.

Bericht und Repros: Heinrich Rehberg

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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