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Dokumente in Sütterlinschrift im Bauernhausmuseum Amerang entziffert

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Eine vergilbte Feldpostkarte aus dem ersten Weltkrieg, auf der nur wenige Worte zu entziffern sind. Das ist die einzige Erinnerung, die Silvia Linder aus Berglern von ihrem Großvater Ignaz hat. „Liebe Kathi, ich habe Deinen Brief erhalten“, schrieb er aus dem Krieg an seine Frau. Mehr kann die Familie nicht entziffern. Kein Wunder, denn die Karte ist in Sütterlinschrift geschrieben, sie ist vergilbt, die Tinte ist schon verblasst. Aus diesem Grund ist Silvia Linder in die Sütterlin-Sprechstunde ins Bauernhausmuseum Amerang des Bezirks Oberbayern gekommen. Dort sitzen mit Ingeborg Knöferl und dem Historiker Niklas Hertwig zwei Experten in Sachen Sütterlin.

„Meine Mutter lebt noch, und sie kann sich nicht mehr an ihren Vater erinnern“, erzählt Silvia Linder. „Er starb, als sie fünf Jahre alt war. Deshalb ist es mir so wichtig, dass sie jetzt erfährt, was er damals aus dem Krieg an seine Frau geschrieben hat.“  Sütterlin ist eine Schreibschrift, die im Jahr 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums von Ludwig Sütterlin entwickelt wurde. Viele ältere Menschen kennen sie noch heute, weil sie sie in der Schule lernten. Doch die meisten können sie heute nicht mehr entziffern.

Deshalb kamen zur „Sütterlin-Sprechstunde“ viele Besucher mit ihren alten Schriftstücken. Bei Silvia Linder war es eine Postkarte, ein Verein brachte eine alte Rechnung, und andere hatten so genannte „Übergabedokumente“ dabei. Das waren notarielle Schriftstücke, um die Hofübergabe zu regeln.

Ingeborg Knöferl und Niklas Hertwig vom Bauernhausmuseum Amerang nahmen sich viel Zeit. Bei Silvia Linder konnten sie zunächst wenig helfen. „Die Schrift ist verblasst und die Karte sehr vergilbt, hier müssen wir die neue Technik zu Hilfe nehmen“, erläutert Hertwig. Also wird die Karte eingescannt, das Dokument wird mit Fotoprogrammen bearbeitet – vielleicht hilft das ja. „Das Bauernhausmuseum hat noch weitere Experten zur Hand. Wir schauen, wie wir helfen können“, verspricht Hertwig.

Viele Dokumente nimmt Ingeborg Knöferl wortwörtlich unter die Lupe. Mit ihr vergrößert sie die Buchstaben, weil selbst eine Expertin wie sie nicht immer alles lesen kann. „Die Übergabedokumente sind aus dem 18. Jahrhundert. Da gab es die Sütterlinschrift noch nicht, es existierten viele unterschiedliche Buchstabenformen.“ Da bleibt also den Experten nur eines: Sie lesen die Dokumente laut und Wort für Wort vor. So etwa den Übergabevertrag eines Notars vom 1. April 1885. Hier wurde der lebenslange Austrag des Bauers und der Bäuerin geregelt. Und wir erfahren, dass die Bauern sehr bescheiden waren. Jährlich erhielten sie den 3. Teil der Obsternte und beide jeweils pro Quartal eine Mark. Außerdem hatten sie lebenslanges Wohnrecht. Die Tochter und ihr Verlobter mussten für standesgemäße Kleidung sorgen, für Wäsche, Stiefel und Schuhe. Außerdem mussten sie die Wohnung putzen und im Krankheitsfall für ärztliche Hilfe aufkommen. „Solche Dokumente sind Teil unserer bäuerlichen Kultur und auch für die Nachkommen sehr interessant“, erklärt Niklas Hertwig. Oft werden die Dokumente per Zufall entdeckt. Manch ein Besucher hatte im Museum Übergabedokumente dabei, die er auf dem Dachboden gefunden hatte. Auch diese Schriftstücke aus dem Jahr 1750, mit Siegeln versehen, sind auf dem vergilbten Papier kaum mehr zu lesen. Doch hier gibt es ebenfalls Abhilfe. „Wir werden diese Schriftstücke unseren Fachleuten weiterleiten“, verspricht Hertwig. So dürfen sich die Besitzer schon jetzt auf spannende Erkenntnisse aus vergangenen Jahrhunderten freuen.

Bericht und Fotos: Bauernhausmuseum Amerang

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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