Leitartikel

Dekanatskantor verabschiedet sich von Rosenheim

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Viereinhalb Jahre war Johannes Eppelein evangelischer Dekanatskantor in Rosenheim. Jetzt packt er seine Koffer und zieht weiter. In der Kreisstadt Lahr im Westen Baden-Württembergs wartet eine neue herausfordernde Aufgabe auf den 33-jährigen: eine „A-Kantorenstelle“. Darauf freut er sich schon sehr. Warum und weshalb ihm der Abschied von Rosenheim dennoch schwer fällt, erzählt er im Interview.

Frage: Herr Eppelein, nur noch wenige Tage bis zum Umzug nach Lahr. Was wird Ihnen aus Ihrer Zeit in Rosenheim am meisten fehlen?
Antwort: Privat die wunderschöne Landschaft mit Bergen, Gipfeln und Seen. Da war ich in meiner Freizeit sehr viel und gerne unterwegs. Dann natürlich auch die vielen lieb gewonnenen Menschen. In den vier vergangenen Jahren sind gute Freundschaften entstanden. Dementsprechend bewegend war meine Verabschiedung letzten Sonntag beim Gottesdienst in der Erlöserkirche. Beruflich habe ich vor allem die Arbeit mit den verschiedenen Chören sehr genossen. Da hat meine Arbeit gute Früchte getragen, wenn ich das Niveau betrachte, auf dem sich die Chöre heute befinden.

Frage: Warum zieht es Sie dann überhaupt aus Rosenheim fort?
Antwort: Ich bin von meinem Studium her ein Diplom-A-Kirchenmusiker (heute: Master-Abschluss), das ist der höchste kirchenmusikalische Hochschulabschluss. Dafür ist ein intensives, tiefgreifendes, sechsjähriges Studium nötig, das einen für die künstlerisch-musikalische Arbeit qualifiziert. Die Kantorenstelle in Rosenheim ist eine B-Kantorenstelle, auf die man sich auch schon mit einem B-Diplom (heute: Bachelor-Abschluss) bewerben kann. Der Schwerpunkt der Tätigkeit hier liegt pauschal gesagt eher im musikalisch-pädagogischen Bereich. Diese Chance habe ich damals frisch aus dem Studium gerne ergriffen, zumal es kaum A-Kantorenstellen gibt. Jetzt freue ich mich aber natürlich, dass meine Bewerbung in Lahr Erfolg hatte und ich diese neue Herausforderung annehmen darf.

Frage: Was bedeutet dieser Aufstieg konkret?
Antwort: Das fängt schon mal bei meiner Kirche dort an. Die Stiftskirche in Lahr wurde im 13. Jahrhundert erbaut und ist mit 800 Sitzplätzen das größte Kirchengebäude der Stadt. Auch die Orgel ist ziemlich genau doppelt so groß wie die Orgel der Erlöserkirche in Rosenheim. Der evangelische Glaube spielt in Lahr insgesamt eine wesentliche größere Rolle als hier in der Region. In Rosenheim sind nur gut 10 Prozent der Bevölkerung evangelischen Bekenntnisses, in Lahr dagegen sind die Protestanten mit rund 35 Prozent Anteil sogar die größte Religionsgruppe in der Bevölkerung. Damit stehen beispielsweise auch mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, die mitunter auch in meine Arbeit fließen.

Frage: Von ihren vier Jahren bei uns in Rosenheim waren zwei durch die Corona-Pandemie geprägt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Antwort: Diese Zeit brachte viel Distanz mit sich, eigentlich der Tod für Gottesdienst und Chorarbeit, die in hohem Maße auf Präsenz angewiesen ist. Aber ich glaube sagen zu können, dass wir es dennoch geschafft haben, im Rahmen des Möglichen immer wieder kleine musikalischen Ausrufezeichen zu setzen. Ich habe sogar den Eindruck, dass das Gemeinschaftsgefühl zumindest im „harten Kern“ der Gemeinde und den Chören in den vergangenen 22 Monaten gewachsen ist. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Frage: Sowohl evangelische als auch katholische Kirche haben immer weniger Mitglieder. Ist Musik eine Möglichkeit, um das Interesse am Glauben wieder zu steigern?
Antwort: Auf alle Fälle, Musik ist niederschwellig. Es gibt Menschen, die haben erst einmal mit dem Glauben gar nichts am Hut, aber durch ihre Zeit in den Chören finden sie nach und nach auch (wieder) einen Zugang zum Inhalt der gesungenen Texte.

Frage: Muss sich Kirchenmusik wandeln, um zeitgemäß zu bleiben?
Antwort: Ja, das tut sie aber auch fortwährend seit 1500. Die stilistische Bandbreite der Kirchenmusik war nie größer als heute. Gerade bei den Kinder- und Jugendchören sind natürlich auch Lieder in populäreren Musikstilen gefragt. Was mich hier in Rosenheim sehr gefreut hat, ist, dass zuletzt schon einige Mitglieder aus den von mir ins Leben gerufenen Kinder- und Jugendchören in den Erwachsenen-Chorgewechselt haben. Da singen sie nun auch Musik mit, die hunderte Jahre alt ist, zuletzt beispielsweise das „Weihnachtsoratorium“ von Johann Sebastian Bach, und stellen fest, dass auch diese Musik mitreißend und ganz gar nicht verstaubt ist, ganz ohne E-Gitarre und Schlagzeug.

Frage: Kehren Sie Rosenheim mit Ihrem Wegzug endgültig den Rücken?
Antwort: Beruflich ja. Privat habe ich mir aber vorgenommen, jedes Jahr zumindest eine Woche in dieser schönen Region Urlaub zu machen und Freunde und Bekannte zu treffen. Andersherum werden mich vielleicht auch manche in Lahr besuchen.

Frage: Steht bereits fest, wer Ihre Nachfolge bei uns in Rosenheim antritt?
Antwort: Ja, die Stelle ist ab März wieder besetzt. Es kommt ein Kantoren-Ehepaar aus Straubing.

Das Interview führe Karin Wunsam von www.innpuls.me   / Fotos  zeigen den Johannes Eppelein auch einmal vor seiner neuen Wirkungsstätte – der Stiftskirchein Lahr

 

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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