Corona-Krise

Aktuelles Corona-Tagebuch von Karl Stankiewitz

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

In jener Zeit, als rebellisch gewordene Stadtbürger gegen den Kapitalismus kämpften, widersetzte sich die ideologisch stramme SPD-Sektion Altstadt-Lehel hartnäckig der am idyllischen Thierschplatz.geplanten U-Bahn-Station: Begründung: Dadurch wäre dort Wildwuchs von Konsum und Kommerz zu erwarten. Ganz so schlimm ist es dann, wie oft bei derlei Ängsten, doch nicht gekommen.

Vier Locations für Speis und Tank und Z’ammhocken sind es dann geworden, alle.direkt am U-Ausgang Ost, alle mit exotischen Namen und Angeboten. Das hat einen kosmopolitischen, um nicht zu sagen komischen Flair in unser braves Vorstädtchen gezaubert. Gottlob blieb, einen Steinwurf entfernt, der „Tattenbachhof“ erhalten, in dessen „Altdeutscher Weinstube“ einst Chorsänger der Staatsoper nach der Vorstellung ihre Gesangskünste solo und gratis dargeboten hatten.

Am 15. März 2020 war Schluss mit Essen und trinken und mit lustigerst recht. Am Thierschplatz hatte monatelang nur noch die systemrelevante Apotheke auf, und der 115 Jahre alte Schnitterin-Brunnen plätscherte ungehemmt weiter. Langsam aber hob sich Corona-Söders Eiserner Vorhang. Erst öffneten wieder „Pepenero“ der Italiener und „Sitar“ der Inder, beide reklamierten noch einige der eh ungeliebten Parkplätze als Freischrankflächen hinzu.

Am 18. Mai wurden sämtliche Freischankflächen Bayerns, Biergärten inklusive, wieder freigegeben. So durfte auch das „Ca Ba Lu“ seine Tische und Stühle erneut neben die Rolltreppe der U-Bahn stellen. Obwohl Kneipen wie eben diese noch gar nicht an der Reihe waren. Doch der clevere Jungwirt, den die Gäste nur als Mike kennen, drängelte sich flugs in die bevorzugte Abteilung Restaurants, indem er Snacks zu seinen Cocktails servierte, und zwar „Best Burgers in Town“.

Obendrein könnte die kleine Kneipe mit einem Traditiönchen locken, so es denn das aktuelle Jungvölkchen interessieren würde. Haus Nr. 5 am Thierschplatz war nämlich in den fröhlichen 1970er-Jahren ein Ort, den man heute Hotspot nennen würde. In der ersten Helmuth-Dietl.-Serie „Münchner Gschichten“ hatte Charly Häusler, der windige Stenz vom Lechl, seine Oma dort ausquartiert, nach Neu-Perlach, um ihre Wohnung in einen Shop zu verwandeln: „Tscharlies Tscchiens“.

Seit diesem Wochenende nun stehen auch die speiselosen Bars und Diskotheken (sowie Mannschaftssport) auf dem staatlichen Phasenplan. Deshalb durfte auch der Nachbarladen den Vollbetrieb wieder aufnehmen. Eigentlich wollten Joe und Ashni den Neustart laut Aushang mit einer „Big Party“ feiern. Wegen der neuen Viren-Welle begnügten sie sich spontan mit „Soft Opening Hours“ für Stammgäste („Famiglia“) und Andere, „vom Studenten über den Bauarbeiter bis hin zum Anzugträger“. Natürlich achten die beiden „Baristen“, wie sie sich bezeichnen, ganz streng auf Masken und Abstände zwischen den Hockern rund um den Tresen. Diese Bar hat gleich zwei fremdartige Namen: „Celento & Stenz“ sowie „Bussi Uschi“. Mit dem einen sollen Mittagsgäste amgesprochen werden, mit dem anderen junge Nachtschwärmer.

Jetzt warten nur noch die Betreiber von Clubs und Discos auf das erlösende Wort aus der Staatskanzlei, die ja ebenfalls im Lehel residiert. Die Zeit drängt, Freischankflächen sind bald nicht mehr gefragt. „Winter is coming,“ sinnierte der Landesvater vor Medienmenschen, der bei dieser Klientel extra zurückhaltend ist: „Nur Alkohol, keine Speisen, unglaublich laute Musik, Singen, Schreien im Zweifelsfall, auf engstem Raum – große Vorsicht und Vernunft sind da sicher nur ganz schwer durchsetzbar.“ Wirte, wartet noch ein Weilchen, will Söder wohl sagen. Aber wie tröstet sich doch der Monaco Franze, ein anderer Dietl-Held, in der vollen Tanzbar: „A bisserl was geht immer.“

So weit die kleine Geschichte vom Wirken der Corona-Mikrobe in einem gastronomischen Mikrokosmos der großen Stadt München.

Bericht: Karl Stankiewitz

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Samerberger Nachrichten

Beiträge und Fotos sind urheberrechtlich geschützt!