Land- & Forstwirtschaft

Bauernpräsident Walter Heidl im Interview

75 Jahre nach der Gründung des Bayerischen Bauernverbandes haben wir bei Bauernpräsident Walter Heidl nachgefragt, was er mit diesem Jubiläum verbindet, wie sich die Herausforderungen für die bayerische Land- und Forstwirtschaft im Laufe der Jahrzehnte verändert haben und in welcher Rolle er den Verband heute sieht.

Vor 75 Jahre wurde der BBV gegründet. Was bedeutet für Sie das Jubiläum persönlich?

Der zweite Weltkrieg und die Diktatur der Nationalsozialisten haben unfassbares Leid gebracht. Um das Feld nicht dem Chaos und dem Hunger zu überlassen, musste gemeinsam angepackt werden. Und in dieser Situation haben die Bäuerinnen und Bauern sehr schnell einen eigenen Verband gegründet. Ihre wichtigste Aufgabe war es, die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Was mich beeindruckt: Nach Jahren der Zersplitterung der Interessenvertretung in der Weimarer Republik, der Nazi-Diktatur und der Zwangsmitgliedschaft der Bauern im Reichsnährstand ist es den 22 Gründungsmitgliedern gelungen, am 7. September 1945 eine freie, parteipolitisch unabhängige und gemeinsame Bauernorganisation zu gründen.

Haben sich die Herausforderungen für die Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten geändert?

Unser Jubiläum fällt in eine Zeit mit neuen, ganz anderen Herausforderungen. Die Corona-Pandemie führt uns allen vor Augen, wie fragil unser Leben in Wohlstand und Sicherheit ist. Und wie wichtig die Arbeit und die Leistungen der Land- und Forstwirtschaft auch im Jahr 2020 sind. Bäuerinnen und Bauern stellen mit ihrer täglichen Arbeit die Versorgung mit hochwertigen und regionalen Lebensmitteln sicher. Aber Landwirtschaft vor unserer Haustür ist keine Selbstverständlichkeit. Sie zu erhalten und weiterzuentwickeln ist unsere Aufgabe als Bauernverband. Und es ist zugleich unsere größte Herausforderung.

Was macht diese Aufgabe so herausfordernd?

Anfang der 1950er-Jahre war ein Viertel der Bevölkerung in der Land- und Forstwirtschaft tätig, heute sind es in Deutschland noch 1,4 Prozent aller Erwerbstätigen. Das heißt nicht nur, dass ein rasanter Strukturwandel auf dem Land und in unserer gesamten Gesellschaft stattgefunden hat, sondern auch, dass es immer schwerer wird, politische Mehrheiten für diese kleiner gewordene Berufsgruppe zu organisieren. Während zum Beispiel mit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ in Bayern zusätzliche Auflagen für die Landwirtschaft auf den Weg gebracht wurden, werden andere Probleme wie zum Beispiel der Flächenverbrauch oder die Handelsdeals zulasten von Umwelt- und Verbraucherschutzstandards nicht wirklich angepackt. Schlicht deswegen, weil man sich dafür mit den wirklich Mächtigen anlegen müsste, mit der Industrie, mit Kommunen oder Tausenden von Wählerinnen und Wählern. Und damit auch mit Steingarten- und Mähroboter-Besitzern oder mit Verbrauchern, die ihr Geld lieber für die nächste Fernreise als für Lebensmittel ausgeben.

Welche Rolle kommt dabei dem Bayerischen Bauernverband zu?

Der Bauernverband steht als Partner an der Seite seiner Mitglieder und gibt Hilfestellung bei persönlichen Entscheidungen. Mit unserer politischen Arbeit versuchen wir aber auch die Rahmenbedingungen für die Arbeit auf den Feldern und im Stall im Sinne der Bauernfamilien zu beeinflussen. Es ist auch an uns, den eigenen Blick auf Land- und Forstwirtschaft weiterzuentwickeln sowie den Blick von Politik und Gesellschaft auf uns und unsere Arbeit zu verändern. Wir brauchen aber auch einen fairen Ausgleich für hohe Kosten bei Umweltauflagen oder beim Tierwohl, damit wir unsere Lebensgrundlagen und unsere Höfe für kommende Generationen erhalten können. Dafür und genau dafür arbeitet dieser, unser Verband seit inzwischen 75 Jahren. Ich sage das nicht nur als Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, sondern auch als stolzer Opa von zwei Enkelkindern: Es geht um die Zukunft unserer Bauernfamilien. Um den Erhalt unserer bayerischen Kulturlandschaft. Und unser „Essen aus Bayern“!

Bericht und Foto: Bayerischer Bauernverband

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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