Leitartikel

Analyse zum Thema “Leben mit dem Wolf”

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Beitrag des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern: „ Leben mit dem Wolf – Was haben wir gelernt?“  –   Eine Situationsanalyse des Wildbiologen Prof. Wolfgang Schröder

Auf Einladung des Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK) in Benediktbeuern, hielt der weltweit anerkannte Wildbiologe Prof. Wolfgang Schröder einen interessanten und kurzweiligen Vortrag zum Thema „Leben mit dem Wolf: Was haben wir gelernt?“ Als emeritierter Professor der LMU München  weiß Dr. Schröder um den impulsgebenden Kontakt zwischen Zuhörer und Referent, weshalb er über das Medium eines Videovortrages nicht gerade begeistert war; dass er sich dennoch dazu bereit erklärt hat, verdient ein großes Dankeschön, denn die Ausführungen waren für alle Beteiligten von großem Interesse und lieferten manch brisante Aussage.
Dass ein Videovortrag jedoch auch ungeahnte Vorteile mit sich bringt, zeigte die Zusammensetzung der etwa 100 köpfigen Zuhörerschaft, die aus mehreren Ländern bis hinüber in die USA zugeschaltet war. Der Video-Vortrag kann übrigens auf der Heimseite des ZUK abgerufen werden.

Gesetz der Wildnis

Prof Schröder gab eingangs einen umfassenden Überblick über seine Studien zu Wölfen im fernen Kanada. So wurde im Yukongebiet versucht, durch eine Reduktion der Wölfe (450 Abschüsse in den Jahren 1982-1989) den Bestand von Karibus und Elchen zu erhöhen. Dies ist auch gelungen, jedoch nur kurzzeitig, denn innerhalb von 3-4 Jahren war der Wolfsbestand wieder angestiegen- und zwar kurzfristig sogar höher als zu Beginn der Bejagung. Der Wildtierbestand hat in Folge abgenommen und das frühere Gleichgewicht zwischen Beutegreifer und Beutetier hat sich wieder eingestellt.  „Das Gesetz der Wildnis lässt sich eben nicht aushebeln“, so Schröder.

Beim Blick auf die Deutschlandkarte ist der Begriff Wildnis aber etwas anders zu sehen. Die Ausbreitung des Wolfes von Nordosten her erfolgte trittbrettartig von Truppenübungsplatz zu Truppenübungsplatz. Dort darf noch am ehesten von Wildnis gesprochen werdeb, denn die Tiere werden in Ruhe gelassen und Beute steht ausreichend zur Verfügung. Irgendwann ist allerdings auch dort der Zeitpunkt gekommen, neue Territorien zu erschließen und dieses irgendwann geht beim Wolf sehr schnell. Bei 30% Reproduktionsrate müssen sich die Jungtiere bald neue Territorien suchen. Prof Schröder verwies in diesem Zusammenhang auf eine Deutschlandkarte, die die potentielle Eignung für neue Wolfsterritorien zeigt. Für Almbewirtschafter beim ersten Blick ein Riesenschreck, ist doch der oberbayerische Alpenraum als bestgeeignetes Gebiet markiert. Aber es geht hier erst einmal nur um die Ansprüche des Wolfes, und da ist diese Aussage sehr wohl verständlich – vom Miteinander ist hier noch keine Rede.

Dilemma Wolfsschutz

Ein Exkurs in die Vergangenheit zeigte auf, wie sich der Blick auf den Wolf im Laufe der Zeit gewandelt hat. Früher Mythos und Gottheit wandelte er sich ab der Sesshaftwerdung des Menschen, die ja nur durch Weidetierhaltung ermöglicht wurde, hin zur Bestie. Heute, mit der Verstädterung der Menschen und der Entfremdung von der Landwirtschaft wird der Wolf überwiegend als zu schützendes Tier gesehen und hat auch rechtlich diesen Status.

Sehr treffend bezeichnet Schröder den Wolfsschutz in der EU als Dilemma, speziell in diesen Ländern, in denen der Wolf im Anhang IV, also dem strengsten Schutzstatus der FFH Richtlinie verortet ist. „Ein Leben mit dem Wolf in Harmonie ist in unserer Kulturlandschaft nicht möglich“, so der Referent. „Wölfe sind schlau und werden von mal zu mal dreister, wenn man ihnen keine Grenzen aufzeigt.“ Und dies ist eben aktuell in den Anhang IV- Ländern der Fall. Polen, Griechenland oder die Slowakei führen den Wolf beispielsweise als geschützte Art in Anhang V, wodurch flexiblere Reaktionen beim Umgang mit dem Wolf möglich sind, denn natürlich gibt es auch dort Probleme und Übergriffe bei Weidetieren.

Konflikte mit der Weidetierhaltung sind bei Anwesenheit großer Beutegreifer immer gegeben, daran ist nicht zu rütteln. Beim Vergleich der Schadenspotentiale steht der Wolf unangefochten an erster Stelle, gefolgt von Bär und deutlich abgeschlagen dem Luchs.
Dem gegenüber stehen Herdenschutzmaßnahmen, wobei Schröder hier die Behirtung als beste Maßnahme bezeichnet, gefolgt von Hunden und dem Aufstallen oder nächtlichen pferchen. Eine Garantie vor Übergriffen und Schäden bieten aber auch all diese Aktionen nicht.

Aber auch für den Wolf birgt das Leben in der Kulturlandschaft Gefahren. 100 Wölfe wurden laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) im Jahr 2020 überfahren. Und neben sehr wenigen legalen Tötungen gibt es sicherlich auch eine hohe Dunkelziffer illegaler Tötungen. Das Problem der Hybridisierung wurde zwar nicht angesprochen, besteht aber aus Sicht der Berichterstatterin in dicht besiedelter Kulturlandschaft ebenfalls.

Handeln statt warten

Der Titel des Vortrages lautete „Leben mit dem Wolf: was haben wir gelernt?“  Hierauf eine Antwort zu finden, ist schwierig. Vielmehr müsste es lauten, „was kann und soll man daraus lernen“, und da gäbe es einiges, das sich vor allem die Politik baldmöglichst zu Herzen nehmen sollte:

  • Eine Rückkehr des Wolfes kann nur zusammen mit einer Regulierung einhergehen.
  • Die momentane Situation gleicht einem Experiment mit offenem Ausgang – und zwar zu Lasten der Weidewirtschaft.
  • Eine Regulierung des Wolfes ist auch der Art selbst dienlich.
  • Herdenschutzmaßnahmen sind sinnvoll und hilfreich, aber nicht überall möglich.

Professor Schröder hat seinen Vortrag nicht auf das Klientel der Almbauern abgestellt, jedoch waren einige in der Zuhörerschaft vertreten. Aus diesem Grund schließen wir ein Interview an, in dem uns Dr. Schröder dankenswerterweise einige zielgerichtete Fragen beantwortet.

Bericht und Foto: Susanne Krapfl / Almwirtschaftlicher Verein Oberbayern

 

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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