So etwas hat die Stadt Rosenheim noch nicht erlebt: Da kommt so ein bis dato ziemlich unbekannter Geschäftsmann aus München daher, legt mit 96.000 DM ganze 6.000 DM mehr auf den Tisch als die mitbietende Stadt und schnappt ihr so ein begehrtes Grundstück südwestlich der Prinzregentenstraße vor der Nase weg. Sein Name: Thomas Gillitzer. Das alles geschah am 7. Juni 1893, das Areal wurde in den Folgejahren mit ansprechenden Wohn- und Geschäftshäusern bebaut und ist bis heute als Gillitzer-Block bekannt, nach wie vor das Herzstück der Stadt.

Dabei hätte der gebürtige Gastwirtssohn aus der Oberpfalz den Rosenheimern schon bekannt sein können. Schließlich investierte er bereits 1883 in ein architektonisches Schmuckstück bei Rosenheim: Gemeinsam mit seiner Frau Rosa erwarb Gillitzer das Gut Innleiten, nordöstlich von der Stadt am rechten Innufer gelegen. Das Ehepaar besaß damals noch zwei Kaffeehäuser in München, doch die Gillitzers wollten sich längerfristig in Rosenheim niederlassen. Deshalb fuhren sie in den folgenden Jahren regelmäßig nach Innleiten, um den Gutsbetrieb und das Gebäude auf Vordermann zu bringen.

Es ist ihnen gelungen: Mittlerweile ist Gut Innleiten mit dem „Gillitzerschlössl“ im Mittelpunkt ein echter Blickfang für Ausflügler, die dort allerdings nur vorbei- und nicht hineingehen können. Denn die Anlage ist in Privatbesitz und für Besucher nicht zugänglich. Der Weiler besteht bis heute aus nur wenigen Häusern zwischen ehemaligen Altwasserarmen des Inns und wird noch immer geprägt durch das stimmungsvolle Ensemble der Bauwerke, die Thomas Gillitzer damals errichten ließ.

Zu seinen Lebzeiten war das noch anders. Die Familie Gillitzer lebte 20 Jahre hier am Inn, in dieser Zeit wurde der Fischzuchtbetrieb ausgebaut und die Obstbaumplantagen so erweitert, dass sie zu einer der größten Apfelplantagen Bayerns wurde. Das war dem Besitzer noch nicht genug: Das Herrenhaus wurde aufgestockt und im Stil eins Jagdschlösschens mit einer neubarocken Fassade versehen. Das ehemalige Gutshaus unterhalb des Schlosses im Stil einer ländlichen Villa bekam sogar ein Uhrtürmchen. Zusätzlich ließ Gillitzer Anfang des 20. Jahrhunderts südlich der Straße noch ein Palmenhaus errichten, eine weitere Attraktion für die Rosenheimer, die damals in Scharen nach Innleiten pilgerten. Das Gut wurde im 19 Jahrhundert zur echten Touristenattraktion, die Tore waren für die Allgemeinheit stets geöffnet. Gillitzer sonnte sich sichtlich in dem Interesse an Innleiten. Das wurde in der Öffentlichkeit noch gesteigert, als im Mai 1898 Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig III., dem Gut einen Besuch abstattete und die „Augsburger Allgemeine Zeitung“ deshalb ausführlich über den Betrieb an den Ufern des Inns berichtete.

Im Mittelpunkt des Interesses, damals wie heute, war das Schlösschen, in dem der Inhaber Gillitzer gerne seinen Wohlstand zur Schau stellte. So richtete er im zweiten Stock der Villa ein Museum ein, das damals den Zeitungsreporter ins Schwärmen brachte. „Auch das Museum, welches den 2. Stock der Villa einnimmt, kann von Jedermann auf Verlangen besichtigt werden“, schrieb er in seinem Artikel. „Es befinden sich dort in verschiedenen Sälen Collektionen von Waffen und Geräthen aus China, Japan, von den Südseeinseln, dann Jagdtrophäen der seltensten Art.“

Doch Reichtum ist vergänglich und im Falle von Gillitzer ging das seinerzeit besonders schnell. Der einst so erfolgreiche Unternehmer hatte plötzlich kein geschäftliches Geschick mehr, viele seiner Projekte floppten, er machte hohe Verluste, was schließlich in einer Zwangsversteigerung von Gut Innleiten gipfelte. Über mehrere Besitzerwechsel erwarb Friedrich Freiherr von Fircks das Gut dann im Jahr 1928. Sein Fokus lag auf der Forellenzuchtanstalt, die er zu einer der größten Oberbayerns ausbaute.

Nach von Fircks Tod führten zuerst seine Tochter samt Schwiegersohn, dann der Enkel den Betrieb fort. 1977 wurde das übrig gebliebene Schlössl dann wieder verkauft. Ingenieur Karl Tannert kaufte das in die Jahre gekommene Schloss, das 1983 unter Denkmalschutz gestellt wurde, um es vor dem Verfall zu retten und sicherte die Substanz soweit es ging. Die derzeitigen Bewohner versuchen das Schloss als Mittelpunkt der landschaftlichen Idylle vor den Toren Rosenheims nun wieder in den prunkvollen Zustand wie zu Zeiten Gillitzers zu versetzen. Bei allen Veränderungen hier am Innufer – das Schlösschen hat seinen barocken Charakter und seinen baulichen Charme behalten und erstrahlt wieder in altem neuen Glanz. Und wenn man es heute als Besucher auch nicht mehr betreten darf, so bleibt es doch ein kleiner Blickfang am Wegesrand bei einem Ausflug von Stephanskirchen über Schlossberg nach St. Leonhard.

Text: af

Fotos: Privat / re – Historische Fotos: Stadtarchiv Rosenheim

Beitrag entstand in Kooperation mit dem Wendelstein Anzeiger – www.wendelstein-anzeiger.de

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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