Tourismus

Das Dorf Höhenmoos war vor 60 Jahren ein „Fenster zur Welt“

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Goethe-Institute in aller Welt waren und sind im Sinne ihres Namensgebers Helfer beim Erfahren von Kultur, Sprache und Informationen in Deutschland. Derzeit gibt es in 98 Ländern noch 159 Institute. Viele wurden schon aufgelöst, eine davon schrieb ganz im oberbayerisch-ländlichen Bereich in der damals noch selbstständigen Gemeinde Höhenmoos (seit 1978 Gemeinde Rohrdorf) ab 1961 Geschichte. Ort der unvergesslichen und vielfach geselligen Zusammenkünfte war der Gasthof Kreidl, das Institut selbst war im benachbarten Achenmühle. Nach dessen Auflösung im Jahr 1968 konzentrierte sich das Goethe-Institut auf den Haupt- und Schulort Prien a. Chiemsee am westlichen Chiemsee-Ufer.  Doch auch dort wurde das „Fenster zur Welt“ im Jahr 2011 zum Bedauern der Marktgemeinde und ihrer gastgebenden Bevölkerung geschlossen.

Was bleibt sind außergewöhnliche Erinnerungen an Achenmühle-Höhenmoos. Am meisten können darüber Karl und Maria Kreidl, die Wirtsleute vom gleichnamigen Gasthof erzählen. Immerhin ist das rüstige Wirts-Ehepaar mit 95 bzw. 87 Jahren zentraler Treffpunkt gewesen beim Unterricht tagsüber, beim Mittagessen, bei abendlichen Zusammenkünften und Musikveranstaltungen. „Das waren ganz schöne, aber auch ganz anstrengende Zeiten, denn wir hatten auch noch eine Landwirtschaft und in der Gastwirtschaft ohne Ruhetag fanden sich auch noch viele weitere Gäste und Vereine zum Essen und zum Stammtisch ein“.

Gästebuch ist wie Briefmarken- und Münzalbum aus aller Welt – Die sieben Jahre, die in Achenmühle und Höhenmoos Studenten aus aller Welt zu Gast waren, hat das Ehepaar Kreidl in einem sehenswerten Gästebuch festgehalten. „Die Studentinnen und Studenten waren immer mehrere Monate bei uns, bei den Nachbarn und bei den Nachbardörfern zu Gast, da entstanden natürlich viele freundschaftliche und persönliche Verbindungen, diese finden sich in den Eintragungen in herzlicher Weise wieder“ – so Karl und Maria Kreidl. Und wenn man die Ehre hat, einen Blick in das Gästebuch zu werfen, dann zeigt sich dieses wie ein internationales Briefmarken- und Münzalbum.   Ein spanischer Eintrag hatte folgenden Text. „Familie Kreidl, ich gehe fort, aber mein Herz bleibt hier. Herzlichen Dank. Und Motto von spanischer Heimat: `Iß, was gut ist, trink was klar ist und sprich, was wahr ist´“. Um Deutsch zu lernen kamen Leute aus aller Herren Länder der Welt, die Eintragungen mit zum Teil lieblichem Deutsch stammen von Alaska bis Singapur, aus allen Kontinenten der Welt und auch aus Ländern, in denen kein Schweinefleisch gegessen wird. „Pfannkuchen, Omelette und manchmal doch ein mehr oder weniger fettfreies Schweineres kamen auf den Tisch und ernteten viel Lob, wenn an den Abenden bis zu 100 junge Leute da waren“. Da diese sich nicht nur für Literatur und Sprache, sondern auch für Musik interessierten, gab es immer wieder Musikabende. Einer davon war im März 1964 mit dem Japaner Takayhi Yamazaki, er gab im Saal des Gasthofes ein Klavierkonzert und schrieb zum Dank auf das dabei gemachte Foto: „Mein liebes Herr Karl und meine liebe Frau Maria zur freundlichen Erinnerung“. Eine Extra-Feier gab es ein paarmal als zum amerikanischen Thanksgiving-Feiertag alle Studenten zum fröhlichen Zusammenkommen eingeladen wurden. „Die dabei entstandenen Freundschaften über weite Ländergrenzen hinweg haben bis heute Bestand, denn auch wir bekommen noch nach über 50 Jahren des Endes des Goethe-Institutes in Achenmühle von damaligen Studenten überraschenden Besuch, die inzwischen zum Teil Professoren sind und sich auf ihrer Fahrt von München nach Salzburg noch an ihren Höhenmoos-Aufenthalt erinnern. „Die freuen sich immer, wenn es unsere Wirtschaft noch gibt, außerdem haben wir noch mit einigen Studenten telefonischen und schriftlichen Kontakt, ganz besonders nach Japan“ – so Maria Kreidl dankbar und stolz. Derzeit würden sich Karl und Maria besonders darüber freuen, wenn sie wieder ihre Dorfwirtschaft für die Stammgäste und Ortsvereine öffnen dürften. „Bis das wieder wie vorher geht, müssen wir jeden Tag Spazierengehen und Warten, aber es wird schon wieder werden“ – so die Höhenmooser Wirtsleute.

Fotos/Repros: Hötzelsperger – 1. Ehepaar Karl und Maria Kreidl mit ihrem Gästebuch sowie Beispiele aus dem Gästebuch. 2.  Der Gasthof Kreidl in Höhenmoos.

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

1 Kommentar

  • Wie gerne erinnere ich mich an die Zeit, als es das Goethe Institut in Degerndorf noch gab. 11 Studenten wohnten in meinem Haus in Brannenburg und einmal im Monat habe ich dann im Talhotel am Bahnhof eine Tanzparty veranstaltet. Und natuerlich gab’s auch naechtliche Wolperdinger Jagden und feuchtfroeliche Abende auf der Schwarzlack. Auch mein Gaestebuch ist immer noch bei mir und Kontakte bestehen noch immer zu ehemaligen Studenten. Schoen war’s.

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