Leitartikel

Neuer Dösdorfer Steg verbindet Aschau mit Wildenwart

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Sechs Jahre nach der Sperrung des Dösdorfer Steges über die Prien und der damit verbundenen Unterbrechung des „Grenzenlos Wanderweges“ zwischen Aschau und Wildenwart ist die Lücke endlich wieder geschlossen. Ein 160-Tonnen-Autokran hob die neue Stahlbrücke auf die Fundamente. 14 Tonnen Stahl wurden für das stählerne Bauwerk gebraucht, in dreieinhalb Metern Höhe überquert es künftig die Prien. Die Spannweite der Brücke beträgt 22 Meter. Damit kann in der Frasdorfer Gemeindeverwaltung ein wichtiges Kapitel abgeschlossen werden.

Vollkommen unerwartet war die alte Brücke kurz vor Weihnachten 2013 wegen Einsturzgefahr gesperrt worden. Mehrere Betonbrocken hatten sich aus dem Bauwerk gelöst, die Stahlarmierung musste auf ihre weitere Tragfähigkeit überprüft werden. Eine eingehende Untersuchung ergab, dass eine wirtschaftliche Reparatur des Bauwerks aus den 60-er Jahren des 19. Jahrhunderts nicht mehr möglich war. Die Gemeinde Frasdorf überprüfte mehrere Möglichkeiten für einen Neubau und entschied sich schließlich für die Stahlbrücke.

„150 Jahre, wie die letzte Brücke, wird sie vielleicht nicht halten“, so Olaf Hoffmeyer vom Frasdorfer Bauamt, „aber wir werden uns längere Zeit keine Gedanken über eine Erneuerung machen müssen. Die Bauausführung hat so lange gedauert, da der Stahlbrückenbauer ständig volle Auftragsbücher, damit keine Zeit für die Bauausführung hatte und erst im Herbst dazu gekommen ist. Versprochen war die Brücke auf Pfingsten!“

Der Weg von Dösdorf zur Prien ist ein Feldweg, der bei nassem Wetter für Tieflader und Autokräne nicht befahrbar ist. Deshalb musste der Untergrund für den Brückenschlag trocken sein und die Prien nach Möglichkeit Niedrigwasser führen. „Die Brücke kostet nach aktuellem Stand 117439 Euro“ ergänzt Kämmerer Andreas Oppacher. Die Brücke ist derzeit noch nicht freigegeben eine offizielle Abnahme muss noch erfolgen. Wann die Einweihung der Brücke erfolgt steht noch nicht fest.

Wann der Vorgänger des jetzigen Bauwerks genau gebaut wurde, ließ sich im Gemeindearchiv nicht mehr feststellen. Vermutlich wurde sie im Zusammenhang mit dem Ausbau der Geh- und Reitwege rund um Schloss Wildenwart durch Großherzog Franz V. von Modena-Este erbaut. Dabei wurde nur der Zement mit Fuhrwerken direkt an die Baustelle angekarrt und das sonstige Material Kies und Wasser direkt aus der Prien entnommen; jede beteiligte Behörde, vom Naturschutz bis zum Wasserbau, würde heute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Doch die Geschichte der Brücke reicht bedeutend weiter zurück: jahrhundertelang markierte der Prienfluss die Grenze zwischen den beiden Herrschaften von Wildenwart und Hohenaschau. Die Brücke bei Dösdorf war der Hauptübergang über den Prienfluss, die Geländeformation links der Prien an der Brückenstelle lässt auf eine alte Befestigung schließen. An der Dösdorfer Brücke wurden Missetäter, die von einer Herrschaft in die andere geflohen waren wieder zurück überstellt und der Herrschaft gegeben.

Und noch eine Geschichte gibt es zur Dösdorfer Brücke. Sie wurde aufgezeichnet von Johann Maier vom Kohlmann-Häusl in Wildenwart. Er hatte während seiner Studienzeit auf Empfehlung durch die Wildenwarter Hoheiten Prinzessin Hildegard und Prinzessin Helmtrud Zugang zum alten Wildenwarter Archiv und arbeitete fleißig daran. So entdeckte er die amüsante Geschichte vom „Brückenkrieg“ und schrieb sie auf. Der „Kohlmann-Herr“ (wie man Primizianten damals nach ihrem Hausnamen benannte) feierte 1927 Primiz in Frasdorf und baute nach dem zweiten Weltkrieg die Pfarrei Christkönig in Rosenheim auf, wo er lange Jahre als Pfarrer tätig war. Über Peter Donauer kam die Geschichte weiter zu Wolfgang Bude vom Aschauer Heimat- und Geschichtsverein, der sie schließlich veröffentlichte.

Kaum zu glauben: Zwischen Aschau und Wildenwart hätte es beinahe einmal Krieg gegeben. Dies ist Gerichtsunterlagen zu entnehmen, die in Kopie beim Aschauer Heimat- und Geschichtsverein aufbewahrt werden. Die gut 340 Jahre alten Dokumente stammen aus dem ehemaligen Hauptstaatsarchiv zu Landshut und waren dort in der Akte »Wildenwart« abgelegt. »Baron Schurfisches Hofmarkgericht gegen Graf Preisingisches Hofmarkgericht punkto jurisdiction de Anno 1660« so der Titel. Die Ursache zu der damals ernsten Kriegsgefahr bildete die Brücke über die Prien bei Dösdorf.
Das aus dem Priental kommende Flüsschen Prien war Grenzfluss zwischen Wildenwart und Aschau. Die Brücke als Verbindung zwischen den beiden Ländern hatte somit eine wichtige Funktion. Die Instandhaltung der Brücke war selbstverständlich mit Kosten verbunden. Beide Angrenzer wollten gleichermaßen die Weg- und Zollrechte, aber keine Verpflichtungen für den Unterhalt des Bauwerkes leisten. Im Jahr 1679 wurden erste Unterhandlungen geführt, die sich wiederum auf Aufschreibungen aus dem Jahre 1547 berufen. Darin heißt es unter anderem: »Zu Dösdorf in Wildenwarter Gericht gelegen fließt Wasser, die Prien genannt. Darüber hat es vor Jahren keine Prukh, sondern nur Steg gehabt. Dieselben Steg haben zween besützer der Dösdorfer höf dasselbs zu halben theil und die anderen nachbarn auch einen halben theil machen und unterhalten müssen«. Wie dramatisch sich schon damals eine hochwasserführende Prien auswirkte, kann den weiteren alten Aufzeichnungen entnommen werden. Da heißt es weiter: »Nachdem das wasser von den gepürgen vielmals anlauft, die steg oft weggetragen, die wiedermachung nur nachlässig geschechen hat Wolf Hofer als besitzer und gerichtsherr zu Wildenwart anstatt der Stege gute und nutze pruken gebaut«. Die Wichtigkeit der Brücke kann auch folgender Aufzeichnung entnommen werden: »Es sind auch etlich personen von der pruck gefallen, im wasser verdorben und auch frembde fürreisendt kauf- und andere leut kamen mit iren waren zu schaden«.
Mit dem Neubau der Brücke wollte der Wildenwarter Gerichtsherr, dass hierfür auch die zwei Dösdorfer Bauern auf Aschauer Seite ihren Obolus beitragen sollten. Diese trugen ihr Anliegen dem Probst zu Herrenchiemsee vor und wollten sich der Mitfinanzierung entziehen. Auch das angesetzte Verhör und die Verhandlung brachten kein zufrieden stellendes Ergebnis. Die Einbehaltung von Maut und Zoll, wie sie mit dem Jahr 1679 vereinbart wurde, ging immer schwieriger vonstatten. So heißt es einer Niederschrift: »Beim Übertritt über die Grenze werden sich aber die fremden fürreisend kaufleit und ander leut gedacht haben: der Himmel ist hoch und der Graf ist weit weg«. Statt dass sie pflichtgemäß beim Zöllner in Wildenwart oder Hohenaschau ihre Gebühren ablieferten, zogen sie als harmlose Reisende durchs Land und über die Brücke – und die Herrschaft war wieder um einige Kreuzer betrogen. Das ärgerte insbesondere den Aschauer Gerichtsverwalter Stefan Ziegler. Er stellte einen Wächter auf die Brücke, der gleich an Ort und Stelle Maut und Zoll erheben sollte. Da dies jedoch schon ein bejährtes Männlein war, nicht besonders flink auf den Beinen, stellte er für die Passanten kaum ein Hindernis dar. Den Aufzeichnungen zufolge ritt ihn ein Reiter eines Tages einfach nieder, als er nicht schnell genug aus dem Wege ging. Das steigerte den Zorn des Gerichtsverwalters. Er ließ quer über die Brücke einen Schrankenbaum legen. Für einen jüngeren »Wachter« stellte er ein Wachthäusl aus Holz auf, aber nicht am rechten Prienufer auf dem Grund der Dösdorfer, sondern am linken Ufer der Prien, auf dem Boden des Freiherrn von Schurf zu Wildenwart. Zugleich bewaffnete er ihn mit einem mächtigen Spieß und einem »Wachtgewöhr«. Das geschah im September 1679, also nur kurze Zeit nach der Errichtung der Brücke. Infolge der kalten Nächte zündete sich der »Wachter« vor seinem Wachthäusl ein Feuer an. So konnte kein Reisender den »Staat« Aschau mehr betrügen.
Der Bau des Wachthäusls durch die Aschauer auf seinem Territorium erzürnte den Freiherrn von Schurf mächtig. Er sandte ein geharnischtes Schreiben an seinen Nachbarn, Johann Maximilian Graf von Preising. Antwort bekam er allerdings keine. Da griff er zur Selbsthilfe: Mit seiner ganzen »Heeresmacht«, bestehend aus einigen alten Gerichtsdienern und Jägern, schwer bewaffnet mit Spießen, zog sein Verwalter gegen die Dösdorfer »Bruggen«. Als der Aschauer Wachter die siegschreiende Kriegsmacht ausrücken sah, verließ er fluchtartig das fremde Gebiet und suchte auf dem Grund und Boden seines Herrn Schutz. Die Wildenwarter kümmerten sich nicht um den Flüchtling, sondern stürmten in ihrer Begeisterung das Wachthüttl. Darin fanden sie das Wachtgewehr, einen »ganz guten Heleparten«. Das Hüttl trugen sie zur hochgehenden Prien und warfen es in die reißenden Fluten. Die erbeutete Waffe brachten sie ins Schloss Wildenwart. Alsdann veranstalteten sie in der Wirtstafern (heute Schlosswirtschaft) eine Siegesfeier. Der Aschauer Wachter machte Meldung bei seiner Herrschaft, doch Graf Preising bewahrte ruhig Blut. Er befahl keinen Gegenangriff, sondern wandte sich an den allergnädigsten Kurfürsten von Bayern. Dieser erließ einen scharfen Amtsbefehl an den Angreifer und befahl die Wiederherstellung des Wachthüttls und die Auslieferung des Wachtgewehrs. Die Bitte des Kurfürsten war aber vergeblich, der Streit ging weiter. Der Briefwechsel wurde fortgesetzt. Wie es in den Niederschriften weiter heißt, kam es aber zu keinen neuen Resultaten, die Streitsache schlief ein, »weil andere größere Sorgen den friedlichen Nachbarverkehr wieder hergestellt hatten«. Seither herrscht zwischen der Aschauer und Wildenwarter Bevölkerung trotz mancher Grenz- und Gesellschaftsveränderungen sowie nach politischen und territorialen Reformen eitel Sonnenschein. Dank der fleißigen Gerichtsschreiber können wir heute schmunzelnd auf diese »ernste« Angelegenheit früherer Tage zurückblicken.

Bericht: Heinrich Rehberg

Fotos: Ewald Reich

Eine Brücke über die Prien schwebt ein: 14 Tonnen Stahl wurden für das stählerne Bauwerk gebraucht, in dreieinhalb Metern Höhe überquert es künftig die Prien zwischen Dösdorf und Öd. Die Spannweite der Brücke beträgt 22 Meter.

Ein 160-Tonnen-Autokran hob die neue Stahlbrücke auf die Fundamente.

14 Tonnen Stahl wurden für das stählerne Bauwerk gebraucht, in dreieinhalb Metern Höhe überquert es künftig die Prien zwischen Dösdorf und Öd. Die Spannweite der Brücke beträgt 22 Meter.

Die alte Brücke über die Prien, Teil des Wanderweges zwischen Aschau – Wildenwart und Prien. Eine eingehende Untersuchung ergab, dass eine wirtschaftliche Reparatur des Bauwerks aus den 60-er Jahren des 19. Jahrhunderts nicht mehr möglich war.

Abbruch der alten Brücke

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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