Brauchtum

Der Hungerbaum-Brauch: eine Erklärung

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Nicht oft findet sich ein alter Brauch in Form eines Hungerbaums. Hierzu gibt es folgende Erklärungen: „Der Hungerbaum (bairisch: Hungabam) ist ein uralter Brauch und geht auf die Zeit zurück, in der die Hochzeiten noch von den Eltern arrangiert wurden. Zu dieser Zeit war es üblich, dass Hoferben erst Heiraten durften bzw. konnten, wenn der Vater den Hof übergeben hat. Erst dann war der Hoferbe in der Lage durch den Ertrag des Hofes für seine Familie zu sorgen. Da die Übergabe des Hofes mit der Aufgabe des eigenen Lebens verbunden war, kam es oft dazu, dass insbesondere die Großbauern ihre Höfe erst im hohen Altem von 80 Jahren übergeben haben. Folglich waren die erstgeborenen Söhne bei Antritt des Erbes und damit der Möglichkeit zur Heirat ebenfalls bereits in einem fortgeschrittenen Alter. Obwohl die Hochzeit bereits zwischen dem Vater der Braut und dem Vater des Bräutigams vereinbart war, ist bei manchen Paaren keine Hochzeit zustande gekommen, da der Vater des Hoferben den Hof noch nicht übergeben wollte.

Meistens war der Vater der Braut mit einer Hochzeit noch nicht einverstanden und ließ die Hochzeit erst nach der Hofübergabe zu, die sich bis zu sieben Jahren oder länger ziehen konnte. In dieser langen Zeit alterte das Paar und die Liebe hungerte. Es gab keine Veränderung, es blieb alles beim Alten.  Dieser Umstand wird beim Hungerbaum symbolisch dargestellt durch das Behängen von altem Gerümpel. Der vertrocknete Baum bezieht sich dabei auch auf die Fruchtbarkeit des Paares bzw. der Braut, weil durch das lange Warten oft keine Nachkommen mehr möglich waren.  Um den Großbauern zur Hofübergabe zu motivieren, damit eine Hochzeit nach sieben Jahren Vereinbarung endlich ermöglicht wird, schmückten Verwandte der Braut, Nachbarn und Freunde des Paares nachts einen Hungerbaum. Die Beteiligten waren hierbei oft beflügelt durch den Vater der Braut, der seine Tochter sprichwörtlich nicht unter die Haube brachte. Der Hungerbaum galt entsprechend nicht dem jungen Paar, sondern dem Altbauern, der jegliche Veränderung an Haus und Hof nicht zuließ.

Da sich in den letzten Jahrzehnten auf den Höfen wie überall viel verändert hat, keine Hochzeiten mehr arrangiert werden und die Bauern froh sind, wenn eines der Kinder zumindest die Hofstelle als Erbe antritt, ist der Brauch fast in Vergessenheit geraten. In jüngster Zeit wird der Brauch wieder häufiger durchgeführt, wandelte jedoch seine ursprüngliche Bedeutung. Heute erhalten Paare, die länger als sieben Jahre zusammen sind und den Entschluss zu einer Hochzeit noch nicht gefasst haben, einen sogenannten Hungerbaum“.

Text nach Erzählungen und Überlieferungen von Marianne Spagl-Steindlmüller   – Foto: Hötzelsperger – Hungerbaum in Wildenwart

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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