Leitartikel

Interview mit Bgm. Christoph Schneider aus Neubeuern

Seit Dezember 2019 steht Christoph Schneider (Unabhängige Neubeurer) an der Spitze des Neubeurer Rathauses. Rund um den Jahrestag seines Dienstantritts haben die Samerberger Nachrichten in den vergangenen Jahren regelmäßig mit ihm gesprochen – als Zwischenbilanz und Ausblick zugleich. Weil ein Termin im Dezember 2025 aus Zeitgründen nicht zustande kam, wurde das Gespräch nun am Rande des Neubeurer Faschings nachgeholt – in einer Phase, in der das Kulturdorf gerade besonders stark im Jubiläumsmodus ist: 125 Jahre Faschingsgesellschaft prägen den Winter 2026.

Bürgermeister Christoph Schneider beim Krönungsball in der Beurer Halle.

Gleichzeitig rückt die Kommunalwahl im März näher. Schneider geht dabei in einer für Neubeuern ungewöhnlich klaren Ausgangslage in die Wochen vor dem Wahltag: aktuell ohne Gegenkandidaten und mit offen bekundetem Rückhalt aus mehreren Gruppierungen im Ort. Im Interview spricht er darüber, was diese Konstellation politisch bedeutet – und wo er trotz guter Entwicklung die größten Herausforderungen sieht.

Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem die Finanzen nach einem intensiven Investitionszyklus, die Weiterentwicklung des neuen Gewerbegebiets in Heft („Silicon Heft“), Hochwasserschutzmaßnahmen sowie offene Zukunftsprojekte wie Biomasseheizwerk und die Perspektiven rund um das alte Rathaus. Ein Gespräch über Rückenwind, reale Baustellen – und darüber, warum in Neubeuern „eigentlich nur noch ein Schuh drückt“.

In Neubeuern drückt eigentlich nur noch ein Schuh

SN: Ein wenig später als in den Vorjahren, aber noch rechtzeitig um Ausblick auf 2026 zu halten: Wie geht es Dir aktuell in Deinem Amt, was sind die Themen in Neubeuern?

 Schneider: Wer Neubeuern kennt und auf die runde Jahreszahl blickt, der weiß, dass es bis Mitte Februar eigentlich nur ein Thema gibt: Der Krönungsball Anfang Januar hat das Leben im Ort verändert. Der Fasching regiert die Gemeinde und im Jahr 2026 in jeglicher Hinsicht: Wir feiern 125 Jahre Faschingsgesellschaft Neubeuern und das macht das alles noch intensiver als es ohnehin schon immer war. Gerade unmittelbar vor unserem Interview fand ein beeindruckender Jubiläumsball statt, der aufzeigt, dass sich vieles andere in dieser Zeit erstmal hinten anstellen kann.

SN: Du spielst sicher auch auf die Kommunalwahl 2026 an. In Neubeuern gibt es solange der Fasching regiert wohl kaum einen richtigen Wahlkampf.

 Schneider: (lacht) Ja, das ist tatsächlich für die Parteien und Gruppierungen nicht leicht im Moment, Versammlungen oder Aktionen zu planen. Der Fokus liegt gerade beim Wagenbauen, bei der Kostümbeschaffung und anderen Dingen. Wobei es aktuell ja ohnehin danach aussieht, dass wir nach 2014 und 2019/2020 ohnehin eine besondere Situation haben, was die Wahl angeht.

SN: Das liegt an dem Umstand, dass Du nicht nur offiziell keinen Gegenkandidaten hast, sondern auch mächtig viel Rückhalt aus den Gruppierungen!

Schneider: Das ist richtig und das freut mich persönlich sehr. CSU, Freie Wähler, SPD/Grüne und auch die Beurer Bürgernähe haben ihre Mitglieder und Sympathisanten aufgerufen mich bei der Wahl zu unterstützen. Das ist wirklich toll, weil ich nicht nur den Eindruck habe, dass das keine losen Lippenbekenntnisse sind, sondern von vielen Gemeinderäten und Meinungsmachern innerhalb der Gruppierung ernst gemeint ist. Das gibt mir bei allen Themen, die so aufschlagen, schon auch kräftig Rückenwind. Der Umstand ist ja auch im Hinblick darauf, dass ich keine eigene Fraktion habe und keiner der bestehenden Gruppen angehöre, politisch eher ungewöhnlich.

Christoph Schneider bei der Besichtigung des neuen Gewerbegebiets Heft.

SN: Wie sieht es mit dem Gemeinderat aus? Sind da Veränderungen zu erwarten?

Schneider: Ja, da sieht es tatsächlich nach einem gewissen Umbruch aus. Einige Räte kandidieren nach mehreren Perioden nicht mehr. Ein Viertel des Gemeinderats steht nicht mehr auf den Listen. Dazu sind einige amtierende Gemeinderäte nicht mehr so weit vorne wie bei der letzten Wahl, sodass wir schon mit Veränderungen auf 5-6 Positionen rechnen können. Aber das ist der Lauf der Zeit. Bei aller Herausforderung geeignete Leute als Kandidaten zu finden, ist das aber schon auch wieder irgendwie gelungen. Da stehen schon einige Leute auf den Listen, mit denen ich gerne arbeiten würde. Aber wer das ist, verrate ich Dir jetzt nicht (lacht).

SN: Blicken wir nochmal kurz auf 2025, wie fällt Dein Fazit aus?

Schneider: Das Jahr hat sich sehr anstrengend angefühlt, wenngleich das Ergebnis dann doch wieder gut war. Wir sind ja als Gemeinde in einer gewissen Aufholjagd – so nenne ich das ab und an – und haben diese unter den inneren und äußeren Umständen entsprechend gut gemeistert. 2025 war aber irgendwie ernüchternd, dass die Anstrengungen einfach nicht aufhören. Nach den Corona-Jahren, den vielen Baustellen, hat uns 2024 ja ein Hochwasser heimgesucht, 2025 war es dann eine undurchsichtige Situation bei der Gewerbesteuer. Erstattungen und Nachzahlungen sind ab Mitte des Jahres nur noch so ins Rathaus geflogen. Für eine Gemeinde am Ende des Investitionszyklus wirklich nicht leicht, da hat der Schuh bei einer hohen sechsstelligen Gewerbesteuererstattung schon sehr gedrückt. Das Positive überwiegt dann aber schon: Wir haben wohl eines der komfortabelsten Rathäuser im ganzen Landkreis, wir haben einiges an richtungsweisender Bauleitplanung abgeschlossen und den Spatenstich für die Erschließung des Gewerbegebiets gefeiert. Da darf man auch bei aktuell leerer Kasse und weltpolitisch verrückten Nachrichten doch auch mal vorsichtig optimistisch nach vorne blicken.

Blick auf Neubeuern

SN: Dann tun wir das doch. Was ist bis zum Ende der Amtszeit noch alles geboten?

 Schneider: Wir versuchen im Gemeinderat wirklich noch ein wenig was abzuarbeiten. Bei uns wird vor der Wahl tatsächlich nicht taktiert und Entscheidungen auf das nächste Gremium vertagt, sondern wir haben uns bei einer Klausurtagung im November schon nochmal auf die letzten Jahre eingeschworen und uns vorgenommen so viel wie möglich noch zu thematisieren und auch für das nächste Gremium vorzuarbeiten. Da geht es jetzt natürlich darum, finanziell Stabilität zu schaffen, die Kommunalwahlen vorzubereiten, die ein oder anderen Entscheidungen im Hinblick auf das Bauen in der Gemeinde (Stichwort: Umgang mit dem Bauturbo usw.) zu treffen, aber auch beim Thema Hochwasserschutz für den Bereich Holzham, Hepfengraben und der Hohenaustraße weiterzuarbeiten und auch für die Umnutzung bzw. Entwicklung des alten Rathauses mit umgriff Ideen zu entwickeln und zu diskutieren. Und ja das Thema Biomasseheizwerk ist natürlich auch noch eins, wo wir jetzt endlich den Durchbruch feiern wollen. Also da gibt es noch ein wenig was zu tun.

SN: Und was ist dann ab Mai noch Thema?

 Schneider: Als Bürgermeister ohne Gegenkandidat ist das jetzt irgendwie blöd, da ein Ausblick zu geben. Auch wenn man weiß, dass man ab Mai mit ziemlicher Sicherheit wieder das Rathaus führt, bin ich mir nicht sicher, ob es mir jetzt da groß zusteht einen Ausblick zu geben. Wir wissen ja auch nicht, wie sich das Gremium genau zusammensetzt, wer 2. Bürgermeister wird und vieles mehr. Ich kann nur sicher sagen, dass ich davon ausgehe, dass es in Neubeuern wieder Leute gibt, die sich ab dem ersten Tag in die kommunale Arbeit einbringen werden und sich Gedanken um ihren Ort machen. Ich würde das natürlich gerne weiterbegleiten, Gremium und Verwaltung führen und an einigen Dingen weiterarbeiten: Ich sehe die Entwicklung des Gewerbegebiets in Heft als vorrangige Aufgabe. Alles andere kommt dann mit einer verbesserten finanziellen Situation in Neubeuern fast von allein, da bin ich mir sicher. Wir haben glaube ich sechs Jahre bewiesen, dass wir in Neubeuern viele Probleme lösen können, wenn man zusammen an einem Strang zieht. Für alle offenen Punkte, die noch so durch die Gemeinde schwirren, bin ich zuversichtlich, dass man Lösungen finden wird früher oder später.

Christoph Schneider im Gespräch

SN: Das heißt, dass ihr Euch ein gewisses Selbstbewusstsein in den letzten Jahren erarbeitet habt.

 Schneider: Ich bin eigentlich kein Fan davon permanent über die Vergangenheit – egal ob gut oder schlecht – zu reden, weil die Wählerinnen und Wähler eigentlich fast nur noch interessiert, was morgen passiert. Fakt ist aber, dass wir gut gearbeitet haben. Es ist nicht alles toll, was die Gemeinde betrifft, aber wir haben aufgeholt, kluge Entscheidungen getroffen und wirtschaftlich investiert und auch bei kleineren Fehlern oder falschen Einschätzungen immer zusammengehalten. Das wäre auch der Wunsch für die Wahlen im März. Egal wer hineinkommt, den Spirit aus der Zeit von 2020 bis 2026 zu halten – da würde die Gemeinde schon noch lange davon profitieren.

SN: Nimm uns ein wenig mit auf die Reise ins neue Gewerbegebiet. Hier wurde ja vom ehemaligen Landtagsabgeordneten Klaus Stöttner das „Silicon Heft“ ausgerufen.

 Schneider: (lacht) Ja, der Begriff wurde von Stöttner so ausgesprochen und irgendwie ist da auch was dran. Wir haben 5,5 Hektar Gewerbegebiets- und Mischgebietsflächen im Vorjahr ausgewiesen und dank der Familie, die Grundstückseigentümerin ist, wird hier auch in Eigenregie schnell erschlossen und es entstehen auch schon erste Gebäude. Bereits Mitte des Jahres wird das Gewerbegebiet fertig erschlossen sein, was wir kommunal nie geschafft und aktuell wohl auch nicht hätten finanzieren können. Das Gewerbegebiet Heft soll eine Mischung aus Handwerkerhöfen und IT-Zentrum werden. Das bedeutet, dass auf der einen Seite Handwerksbetriebe aus Neubeuern und den umliegenden Gemeinden Flächen erwerben können, auf der anderen Seite bemühen wir uns alle, dass Neubeuern neben dem bodenständigen und beständigem Handwerk auch ein kleiner aber feiner Wirtschaftsstandort wird.

SN: Das bedeutet was?

Schneider: Das wir neben Firmen wie Paolo Sandro, Zeiss Optotechnik, Paromed, ORCA und Projekt Pro auch noch andere Unternehmen finden, die gut nach Heft passen. Der Software-Bereich ist unglaublich spannend und dynamisch. Da gibt es gerade in der Region viele innovativen Gründer und Firmen, die man an Orten bündeln sollte. Heft mit der Anbindung an die A8 am Inntaldreieck gelegen hat da ein wahnsinniges Potenzial. Das bringen wir selbst auch noch zu wenig zur Geltung.

Bürgermeister Christoph Schneider führt den Landrat und die Bürgermeister der Nachbargemeinden durchs neue Rathaus.

SN: Wie meinst Du das?

Schneider: Neubeuern hat sich nie groß als Gemeinde definiert, die ein Gewerbe- oder Wirtschaftsstandort ist. Das sollten wir künftig aber bei allen anderen Schwerpunkten etwas mehr tun. Natürlich sind wir da mit anderen Gemeinden nicht zu vergleichen, aber brauchen uns auf der anderen Seite sicher nicht zu verstecken. Mit einer besseren Anbindung an den ÖPNV sind wir schon sehr attraktiv. Wir haben Bürgerinnen und Bürger, die in der Region gut vernetzt sind, viel Gastronomie, mehrere Bäcker, einen Metzger, einen EDEKA, eine tolle Anbindung an die Autobahn, auch jetzt schon deutlich mehr erfolgreiche Firmen am Ort als der ein oder andere von außen denkt. Das fängt mit der kleinen Wäscherei an und hört mit dem mittelständischen Softwarekonzern auf.

Im Bereich der Wohnraumschaffung haben wir auch mächtig aufgeholt und Angebote entwickelt. Da wird aktuell gut nachverdichtet, Leerstände wie am Auerhof oder der alten VR Bank beseitigt und jetzt auch noch die genossenschaftliche Wohnform ausgebaut. Wohnen und Arbeiten ist bei uns an einem wunderschönen Ort möglich.

Rathauseinweihung im Frühjahr 2025

SN: Dann ist ja in Neubeuern eigentlich alles gut….

 Schneider: Wenn das Thema mit den Finanzen nicht wäre. Hier müssen wir noch auf der Hut sein und schauen, dass wir das hinkriegen. Die Steuerschätzung für 2026 ist nicht so schlecht, aber natürlich noch Nachwehen der Investitionen da. Wenn wir das bis in den Sommer ohne Schaden hinkriegen, dann gebe ich Dir aber recht. Dann haben wir eine tolle Gemeinde, die mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern, einer tollen ehrenamtlichen Basis, einer wieder sehr intakten Infrastruktur in hervorragender Lage und mit einem wunderbaren Ortsbild optimistisch in die Zukunft blicken kann.

SN: Vielen Dank für das Gespräch.
Vieles ist in Bewegung – der entscheidende Punkt bleibt die finanzielle Handlungsfähigkeit. Ob damit „der letzte drückende Schuh“ gelöst wird, wird sich im weiteren Jahresverlauf zeigen.

Weitere Informationen: Zur persönlichen Website von Bürgermeister Christoph Schneider geht es hier.

 

 

 

 


Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

Beiträge und Fotos sind urheberrechtlich geschützt!