Gefeierte Uraufführung – Was war das Salzburger Ballhaus? Ein ab 1625 errichtetes Gebäude am Mirabell-Garten, das allen Gesellschaftsschichten als Halle für Ballspiele diente. Es wurde zeitgleich mit dem Dom und den Festungsanlagen rund um die von Pest und Krieg bedrohte Stadt erbaut.
Anlässlich des 400-jährigen Jubiläums beauftragte man John von Düffel (*1966) mit einem Stück, das sowohl das Ballhaus als auch dessen Architekten in den Mittelpunkt stellt. Von Düffel verwebt die (fiktive) Geschichte mit seiner eigenen Fassung von Shakespeares „Sommernachtstraum“. Santino Solari (herrlich komödiantisch: Gregor Schulz) erholt sich gerade von einem Burnout. Er ist unzufrieden mit der Realisierung des von ihm konzipierten Ballhauses, da der Immobilienhai Egeus (Maximilian Schmiedl, mit breitem Wienerisch; da lugte ein gewisser „Mörtel“ um die Ecke!) an Material gespart hat.
Das Verwirrspiel beginnt, als sich Egeus‘ Tochter Hermia (Sophie Borchhardt) der vom Vater forcierten Verheiratung mit Demetria (Naomi Kneip), der Staatssekretärin des Fürsterzbischofs, widersetzt, da sie den Hochzeitsplaner Lysander (Aaron Röll) liebt. Das Quartett der Verliebten wird komplettiert durch den „schönen Heleno“ (Maximilian Paier), der vergeblich Demetria umwirbt. Als ob das nicht genügte, mischt Kobold Puck alles auf. Ein herrliches Solo hatte Nikola Jaritz-Rudle noch vor der ersten Szene, als sie, im Puck-Kostüm, das Publikum zu einem „Warming-Up“ einlud: Augen schließen, Hände in die Höhe, nach unten, tief in die Taschen, Handy herausholen und auf leise stellen! Der schalkhafte Einstieg wirkte: keine einzige akustische Störung an diesem Abend!
Im Auftrag von Feenkönig Oberon soll Puck der schlafenden Feenkönigin Titania Liebestropfen in die Augen träufeln. Diese bewirken, dass sie sich in das erste Wesen verliebt, das sie bei Aufwachen sieht. Das Pas de deux des Feenpaares durch Valbona Bushkola und Ben van Beelen: ein ästhetischer Hochgenuss. Von Düffel erweitert Shakespeares Idee und lässt seinen Puck das Liebeselixier reihum verteilen, umschwirrt von den Elfen des großartigen Ballettensembles. Santino Solari wird in diesen Wirbel gezogen, doch zusätzlich eröffnet sich ihm die magische Welt der Phantasie und Poesie: „In diesem Raum der Freiheit will ich leben, in einem Spiel, das größer ist als unser Sein.“
So wird das Ballhaus zu einem Ort der Träume. Der „Spuk“ ist fast vorbei, wären da nicht die Handwerker, welche das Dramolett „Pyramus und Thisbe“ zum Besten geben. Schon im Original ist dieses Spiel im Spiel urkomisch, doch die Regie setzt noch eins drauf. Gregor Schulz als Thisbe reißt das Premierenpublikum zu Lachsalven und Beifallsstürmen hin. Auch Christoph Wiesche als sächselnder Zettel, Georg Clementi als Squenz aus Tirol und Matthias Hermann als schwäbelnder Schnauz zeigen sich als begnadete Komödianten und strapazieren die Lachmuskeln.
Unbedingt erwähnenswert: die sportlichen Einlagen. Larissa Enzi überzeugte als martialische Tennis-Trainerin, und der Salzburger Sportverein „Novo Capoeira“ brachte die Zuschauer 30 Minuten vor Beginn der Vorstellung mit einer Darbietung des afro-brasilianischen Mixes aus Kampfkunst, Tanz und Musik in Stimmung. Von Düffels Auftragsstück ist eine mitreißende Hommage an die 400-jährige Geschichte des Theaters am Mirabell-Garten und gleichzeitig eine augenzwinkernde Verbeugung vor dem „Barden“ aus Stratford-upon-Avon. Das zeigt auch die Schluss-Szene, wenn Solari Shakespeare im Original zitiert: „We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep.“ Das ist zwar aus dem „Sturm“, passt aber zum Thema.
Die Inszenierung von Carl Philip von Maldeghem (Dramaturgie: Christina Piegger) macht aus dem Stück eine witzig-spritzige Revue voller Überraschungen, ein spartenübergreifendes, rundum gelungenes, höchst amüsantes Gesamtkunstwerk aus Sprech- und Tanztheater. Die Musikauswahl (etwa Gershwins „Summertime“, mit Ella und Satchmo) zeigt Witz und Geschmack, ebenso die Ausstattung von Thomas Mika (grandios: der Garten-Pool) sowie die Choreographie von Reginaldo Oliveira und Kate Watson. Eine Inszenierung, die das Premierenpublikum zurecht bejubelte und die das Zeug hat, zum Renner der Saison zu werden.
Text: Helmut Rieger – Fotos: Salzburger Landestheater
- Schauspiel, Akrobatik und Tanz: (v.l.) Gregor Schulz, Larissa Enzi, Valbona Bushkola, Ben van Beelen
- Verkleidet als Thisbe, zitiert Solari (Gregor Schulz) Shakespeare im Original. Nikola Jaritz-Rudle als Puck lauscht im Hintergrund.





