Kultur

Premiere “Manhattan Project” in Salzburg

In den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters feierte Stefano Massinis Drama „Manhattan Project“ eine umjubelte Premiere und stellt die Frage, ob Frieden aus dem Schrecken entstehen kann. Die Inszenierung beleuchtet den Wettlauf um die Atombombe, das moralische Dilemma der beteiligten Wissenschaftler und verbindet politische Geschichte mit ethischer Zuspitzung.

Die Geschichte der ersten Atombombe auf die Bühne zu bringen, unternahm Heinar Kipphardt 1964 mit dem Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“. Im Zentrum steht das „Manhattan-Project“, der Tarnname des US-Atomforschungsprojekts zur militärischen Nutzung der Kernenergie ab 1942. Dem Physiker Oppenheimer oblag die wissenschaftliche Leitung dieses Geheimprojekts. Kipphardt legt den Fokus auf dessen spätere Distanzierung davon während der McCarthy-Ära. Auch der Oscar-prämierte Film „Oppenheimer“ von 2023 stellt dies in den Mittelpunkt.

Das Drama „Manhattan Project“ von Stefano Massini (*1975) zieht das Thema anders auf. Vier ungarisch-jüdische Wissenschaftler, im amerikanischen Exil angekommen, werden Anfang der 1940er-Jahre auf höchster politischer Ebene verpflichtet, im Wettlauf um die Entwicklung der Atombombe Nazi-Deutschland, das mit Hochdruck daran arbeitet, zuvorzukommen. Robert Oppenheimer (beeindruckend: Britta Bayer) wird als Mensch mit selbstquälerischem Hang zur Sinnsuche charakterisiert, der allein in der Logik Sicherheit findet. Massinis Tour de Force durch Physik, Politik und Ethik breitet das Dilemma aus, in dem sich die Physiker befinden: Darf man eine monströse Vernichtungswaffe entwickeln, um weiteres Massensterben im Krieg zu verhindern? Kann der Frieden aus dem Schrecken entstehen?

Die Salzburger Inszenierung bietet kein Illusionstheater, die „vierte Wand“ bleibt offen. Dialoge werden episch aufgebrochen, also wie in einem Roman „erzählt“, mit Rückblenden, ironisierenden Kommentaren und leitmotivisch eingesetzten Metaphern. In diesem narrativen Strom schlüpfen die Darsteller der vier Ungarn übergangslos in andere Rollen. So changiert Axel Meinhardt überzeugend zwischen dem Physiker Wigner und dem Banker Sachs, während Marco Dott mühelos von Leó Szilárd zu Vannevar Bush, dem Koordinator des „Manhattan Projekts“, wechselt. Fabian Lichottka verkörpert den eloquenten Paul Erdös und Luca-Noél Bock den aufbrausenden Edward Teller. Gleichzeitig lassen sie so unterschiedliche Figuren wie den Physiker Lyman Briggs oder die Psychiaterin Jean Tatlock lebendig werden.

Die Regie von Claus Tröger (Dramaturgie: Sarah Henker) verzichtet weitgehend auf technische Effekte und präsentiert Massinis komplexes Dokumentardrama als kurzweilig-rasantes Sprechtheater im besten Sinne. Das Bühnenbild von Erich Uiberlacker und die Kostüme von Vanessa Habib stellen sich ganz in den Dienst der Aussagen des Stücks.

Alle fünf Darsteller meistern die enorme Textdichte mit Bravour. Das Premieren-Publikum zeigt sich nach zweieinhalb Stunden fast überrascht, als das Stück bereits zu Ende ist. Enthusiastischer Beifall und Bravo-Rufe beweisen zudem, dass das Landestheater mit dieser absolut empfehlenswerten Produktion den Nerv der Zeit getroffen hat.

Das Stück läuft bis einschließlich 24. Februar.

Näheres unter: www.salzburger-landestheater.at.

Text: Helmut Rieger – Fotos: Christian Krautzberger (Landestheater Salzburg)


Redaktion

Toni Hötzelsperger

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