Kultur

Oratorium in Reichenhall

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Bad Reichenhall.  Ein weiteres Sonderkonzert in der Reihe „Alpenbaroque“ fand mit dem Oratorium „Il Diluvio universale“ („Die große Sintflut“) von Michelangelo Falvetti (1642-1612) unter der Leitung von Tomislav Facini im Königlichen Kurhaus statt. Organisiert wurde es von der Andreas-Hofer-Gesellschaft unter ihrem Vorsitzenden Robert Schlegl, der in seiner Begrüßung auf den starken Schneefall am Nachmittag – parallel zum Thema Sintflut – Bezug nahm.

Sein Anliegen sei ist, „besondere Musik an besonderen Orten“ aufzuführen und diese in die Gegebenheiten des Kulturraums der Alpen einzubeziehen. Ein weiteres Anliegen Schlegls ist es, die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts aus Salzburg und anderen Regionen mit Bedeutung für den Salzabbau neu zum Leben zu erwecken und sie den Menschen nahe zu bringen. Dass dies kein leichtes Unterfangen ist, zeigen die bisherigen geringen Besucherzahlen in Bad Reichenhall. Wenig bekannte Werke lassen vielleicht für viele den Wiedererkennungswert vermissen. Dabei ist sowohl das historische Instrumentarium der „Capella dell’halla“ mit Gambe und Lirone (Annalisa Pappano), Violone (Kit Scotney), Theorbe (Langhalslaute) und Barockgitarre (Hans Brüderl), Zink und Renaissance-Blockflöten (Lilli Pätzold und Clement Gester), Violinen (Neza Klinar und Henriette Otto) und Viola (Jonathan Ponet), sowie Barockposaunen (Robert Schlegl und Cas Gevers) und Orgel (Franjo Bilic) eine besondere Augenweide, wie auch die historisch informierte Aufführungspraxis der Musik mit ihrer interpretatorischen Nähe zum Text (Libretto von Vincenzo Giattini) ein wahrer Ohrenschmaus ist – zum Beispiel, wenn Koloraturen das Fließen des Wassers oder Wellen symbolisieren, oder wenn Noahs Frau Rad in Liebe ihren Mann ansingt und – wie bei einem Ständchen – nur mit der Theorie begleitet wird.

Das Programm begann mit einem Werk des Renaissance-Komponisten Giovanni Gabrieli (1554-1612): Mit zwei Zinken, Viola, Violone und zwei Posaunen erklang „Canzon ll à 6“ quasi als Hinführung zu Falvettis Oratorium der Sintflut aus dem Jahr 1682. Als handelnde Personen fungierten hier die vier Elemente, Feuer (Tenor, Ivan Bingula), Wasser (Sopran, Anabela Baric, auch: die menschliche Natur), Luft (Sopran, Monika Cerovcec) und Erde (Bass, Tomislav Facini) in der Gestalt von Allegorien. Andere Personifikationen waren der Tod (Alt, Martina Borse), die göttliche Gerechtigkeit mit der hohen Countertenorstimme von Franko Klisovic und Gott (mit einer großen Bass-Stimme: Matija Bizjan). Noah und seine Frau Rad wurden vom Tenor Sinisa Galovic und der Sopranistin Monika Cerovcec gesungen – alle Sängerinnen und Sänger gehören dem Ensemble Antiphonus aus Zagreb an und bestachen durch hervorragende Stimmgebung und Klangfarbe. Ihr künstlerischer Leiter Tomislav Facini ist auch Chefdirigent des Chors des kroatischen Rundfunks und Fernsehens, ständiger Gastdirigent des Dubrovniker Sinfonieorchesters und Professor an der Musikakademie Zagreb.

Durch das Stilmittel der Allegorie werden in dem Oratorium abstrakte Begriffe in der Tradition der Mysterienspiele versinnbildlicht, wie etwa die Gerechtigkeit als Eigenschaft Gottes. Auf der rechten Empore des Saales befiehlt diese den Elementen, besonders dem Wasser, ihr zu Diensten zu sein, um das Böse zu bestrafen. Noah spricht demütig mit Gott, der auf der linken Empore durch den tiefen Bass von Matija Bizjan großartig charakterisiert wurde. Er beauftragt Noah, nach dem Ende der Sintflut die Welt wie ein zweiter Adam zu erneuern. Die menschliche Natur bittet den Tod um Gnade. Gott wird von Noah und Rad um Sanftmut und Freiheit (ein moderner Gedanke) angefleht, was schließlich die positive Wendung bewirkt: “Die weiße Taube bringt den Olivenzweig als Zeichen des Friedens und pfropft ihn auf Adams Baum, der in Noah lebendig ist“. Die Stimmung der Musik ändert sich in Zuversicht und Freude. Das Oratorium endet mit einer Chorfuge, in der die Menschheit gebeten wird, die Früchte des Lebens von den Zweigen des Friedens zu pflücken. Eine Botschaft, die über die Jahrhunderte hinweg bis in die heutige Zeit nichts an Bedeutung verloren hat.

Bericht und Fotos: Brigitte Janoschka

2312: Das Ensemble Antiphonus mit (von links) mit Franko Klisovic, Martina Borse, Monika Cerovcec, Anabela Baric, Tomislav Facini, Hans Brüderl (Theorbe), Matija Bizjan, Ivan Bingula und Sinisa Galovic

2309: Das Ensemble Antiphonus mit (von links) Franko Klisovic, Martina Borse, Monika Cerovcec, Anabela Baric, Tomislav Facini, Hans Brüderl (Theorbe), Matija Bizjan, Ivan Bingula und Sinisa Galovic

2293: Canzon für sechs Stimmen von Giovanni Gabrieli mit (von links) Lilli Pätzold (Zink) , Jonathan Ponet, Viola, Kit Scotney, Violone, Cas Gevers und Robert Schlegl, Posaunen, Clement Gester (Zink)

 


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Toni Hötzelsperger

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