Leitartikel

Nußdorf: Projekt “Haus am Steinbach”

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Mehr als zwei Jahre lang stand das ehemalige Seniorenheim „Haus am Steinbach“ in Nußdorf am Inn leer. Seit der Schließung im Herbst 2023 war das große Gebäude am Hang vor allem eines: ein sichtbarer Stillstand. Nun zeichnet sich eine neue Perspektive ab – und sie ist eine grundlegend andere als das, was das Haus bislang war. Bei einer Pressekonferenz im Sitzungssaal der Gemeinde Nußdorf stellten der Verein „Zukunft trotz Handicap e. V.“, der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising, Landrat Otto Lederer (CSU) und Nußdorfs Erste Bürgermeisterin Susanne Grandauer (CSU/FWG) ein Vorhaben vor, das aus dem Leerstand einen inklusiven Lebensort machen soll.

Der Impuls kam eher zufällig. Vertreter des Vereins „Zukunft trotz Handicap“ mit Sitz in Höhenkirchen-Siegertsbrunn wurden im März 2025 auf das leerstehende Gebäude aufmerksam. Es folgte eine Besichtigung – und schließlich die Entscheidung, sich um den Erwerb der Immobilie zu bemühen. „Wir haben nicht zuerst gefragt, was schwierig ist, sondern was möglich sein könnte“, sagte die Vereinsvorsitzende Andrea Hanisch. Geplant ist, das Haus zu einem inklusiven Wohn- und Lebensraum für 31 erwachsene Menschen mit körperlicher, geistiger oder mehrfacher Behinderung umzubauen. Wohnen soll hier nicht Endpunkt sein, sondern Ausgangspunkt für ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit Arbeit, Lernen und Gemeinschaft. Hanisch formulierte es mit einem Satz, der das Projekt trägt: „So selbstbestimmt wie möglich, so unterstützt wie nötig.“ Für seine Projekte „Kleiner Wirtebrief“ und „Kleiner Kitabrief“, die Menschen mit kognitiven Einschränkungen neue berufliche Perspektiven eröffnen, wurde der Verein Zukunft trotz Handicap e. V. vom Bundesarbeitsministerium mit dem Deutschen Fachkräftepreis 2024 ausgezeichnet.

Als Betreiber konnte rasch die Caritas gewonnen werden. Der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e. V. wird den laufenden Betrieb übernehmen. Regionalmanagerin Petra Schubert betonte, dass es sich nicht um ein klassisches Heim handle, sondern um eine Wohnform mit Assistenz und klarer Tagesstruktur. Die Bewohner sollen tagsüber in Förder- oder Lehrwerkstätten eingebunden sein oder einer vergleichbaren Beschäftigung nachgehen – eine Voraussetzung, die auch für die Finanzierung über den Bezirk relevant ist. „Für uns ist das ein wirkliches Leuchtturmprojekt“, sagte Schubert.

Ein Herzstück des Konzepts ist ein öffentlich zugängliches Tagescafé, das im Haus entstehen soll. Es ist bewusst als Treffpunkt für den Ort gedacht. Menschen mit Behinderung sollen dort im Service, an der Theke und in der Küche ausgebildet werden und arbeiten. Vorgesehen ist unter anderem die Qualifizierungsmaßnahme „Kleiner Wirte- und Hotel-Brief“. „Das ist keine Beschäftigungstherapie“, sagte Hanisch, „sondern echte Teilhabe am Alltag.“ Begegnung statt Abschottung, Offenheit statt Sonderwelt – dieses Café soll die Haltung des Projekts nach außen tragen.

Zu den Investitionskosten gibt es noch keine abschließenden Zahlen. Rolf Gärtner, Vorstandsmitglied des Vereins, sprach von einem Kaufpreis in einer Größenordnung von rund drei Millionen Euro. Das Gebäude sei technisch allerdings in einem altersbedingt schlechten Zustand, insbesondere die gesamte Elektrik müsse erneuert werden. Klarer ist bereits das Finanzierungsmodell für die Bewohnerplätze. Der Bezirk finanziert die laufenden Kosten für Wohnflächen von etwa 15 Quadratmetern pro Person. Im „Haus am Steinbach“ sollen es rund 30 Quadratmeter inklusive Bad sein. „Wir wollen, dass sich die Menschen hier wie in einem kleinen Apartment einrichten können“, sagte Hanisch. Die Mehrkosten übernimmt der Verein. Zusätzlich leisten die Bewohner einen einmaligen Beitrag von 120.000 Euro als zinsloses Darlehen, der ihnen ein lebenslanges Wohnrecht sichert. Verlässt jemand die Einrichtung, wird dieser Anteil zurückerstattet oder an eine andere berechtigte Person mit vergleichbarem Unterstützungsbedarf übertragen. „Es ist kein Spekulationsobjekt“, betonte Andrea Hanisch. Die laufenden Kosten für Betreuung, Wohnen, Verpflegung und Reinigung rechnet die Caritas über die üblichen Tagessätze mit dem Bezirk ab.

Hanisch betonte, dass das Projekt ausdrücklich nicht auf finanziell privilegierte Bewohner zugeschnitten sei. „Es soll nicht darauf ankommen, wie gut jemand gestellt ist“, sagte sie. Der Verein wolle gezielt versuchen, Plätze zu ermöglichen, auch für Menschen mit geringeren finanziellen Möglichkeiten. Dazu habe man Kontakt zu verschiedenen Stiftungen, die sich eine Kostenübernahme für einzelne Plätze vorstellen können. Das Interesse ist bereits groß. Der Verein richtet sich vor allem an Angehörige junger Erwachsener mit Behinderung, die für ihre Kinder eine Perspektive jenseits des Elternhauses suchen. Für die geplante Auftaktveranstaltung am 27. Februar in den Räumen der „meine Volksbank Raiffeisenbank eG“, Tegernseestraße 20, in Rosenheim stehen nur 60 Plätze zur Verfügung, Interessierte werden gebeten, sich vorab beim Verein zu melden. So erreichen Interessenten den Verein „Zukunft trotz Handicap e. V.“: a.hanisch@zth-ev.de oder unter der Rufnummer 0170 / 964 6050.

Auch wirtschaftlich hat das Projekt eine Dimension: Nach Angaben der Caritas könnten am Standort langfristig 60 bis 70 Arbeits- und Teilzeitarbeitsplätze entstehen. Angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege wird sogar darüber nachgedacht, perspektivisch Mitarbeiterwohnungen anzubieten, um Fachkräfte langfristig zu binden. Landrat Otto Lederer bezeichnete das Vorhaben als „wichtige Ergänzung im Portfolio der Einrichtungen für Menschen mit Behinderung im Landkreis Rosenheim“. Der Landkreis werde das Projekt im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützen.

Bürgermeisterin Susanne Grandauer sprach von einem großen Gewinn für Nußdorf. „Es ist gut, dass wieder Leben in dieses Haus kommt – und dass es einer sozialen Nutzung zugeführt wird“, sagte sie. Gerade eine Dorfgemeinschaft wie Nußdorf biete beste Voraussetzungen für Integration. Das Projekt könne Vorbildcharakter haben und weit über die Gemeindegrenzen hinauswirken. Noch ist vieles offen: Zeitplan, Umbaukosten, Details der Umsetzung. Doch eines ist seit der Pressekonferenz klar geworden: Das „Haus am Steinbach“ soll kein Ort des Stillstands mehr sein, sondern ein Ort, an dem Teilhabe gelebt wird – mitten im Ort und mitten im Alltag.

Bericht und Foto: Volkhard Steffenhagen 

Gemeinsam vor dem „Haus am Steinbach“: Rolf Gärtner (Zukunft trotz Handicap e. V.), Petra Schubert (Caritas), Andrea Hanisch (Zukunft trotz Handicap e. V.), Bürgermeisterin Susanne Grandauer und Landrat Otto Lederer stehen für den Schulterschluss von Verein, Träger, Gemeinde und Landkreis bei der geplanten inklusiven Neunutzung des Gebäudes.

 



Redaktion

Toni Hötzelsperger

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