Der von der UN ausgerufene Weltwassertag am Sonntag, 22. März, steht unter dem Motto „Where water flows, equality grows“ (Wo Wasser fließt, wächst Gleichberechtigung). Es erinnert daran, dass in vielen Teilen der Welt der mangelnde Zugang zu sauberem Trinkwasser vor allem Mädchen und Frauen betrifft.
Eine Situation, die in Deutschland kaum denkbar – und daher umso bemerkenswerter ist: Trinkwasser wird überwiegend aus Grundwasser gewonnen, muss selten aufbereitetet werden und steht geschlechterneutral jederzeit zur Verfügung. Abwasser wird gesondert gesammelt, für seine Reinigung sorgen Kläranlagen. Wie aufwendig dieses Verfahren abläuft, zeigt ein Beispiel aus dem Amtsbereich des Traunsteiner Wasserwirtschaftsamtes.
Landkreis – Auf den ersten Blick sieht das Häufchen aus wie dunkle Erde. Erde, um eine Blume einzutopfen vielleicht. Tatsächlich aber liegt entwässerter Klärschlamm in der Handfläche von Raymund Edfelder. Material, das in die Verbrennung geht. Aber eben auch ein letztes Überbleibsel aus Abwasser, das hier, in Bad Reichenhall, durch die Kläranlage geflossen ist.
Drei Reinigungsstufen sorgen für hohe Sauberkeit
Zweieinhalb Tage dauert die Reinigung an trockenen Tagen, bevor das geklärte Abwasser in die nahe gelegene Saalach fließt. 97 Prozent der Verunreinigung sind dann entfernt. Diesen hohen Grad an Sauberkeit macht ein komplexes Zusammenspiel von mechanischen, biologischen und chemischen Reinigungsverfahren möglich. Dafür, dass dieser Prozess innerhalb der zwei Hektar großen Anlage im Bad Reichenhaller Stadtteil Marzoll reibungslos funktioniert, sind Betriebsleiter Edfelder und sein Team aus elf Fachkräften zuständig. Fünf von ihnen gewährleisten im Wechsel die Bereitschaft rund um die Uhr. Auch am Wochenende.
Wie viel Abwasser jeden Tag die Kläranlage erreicht, hängt von der Witterung ab: Bei trockenem Wetter fließen fünf Millionen Liter zu: Abwasser von etwa 20.000 Einwohnern sowie 4.000 Einwohnerwerte von Brauerei, Krankenhaus oder auch der Therme. Dazu kommt Abwasser aus Teilen von Bayrisch Gmain, Hinterreit und Großgmain im Land Salzburg. Bei Regen oder Schneeschmelze steigt die Menge auf bis zu 29 Millionen Liter pro Tag. Denn dann wird zum überwiegenden Teil auch Niederschlagswasser aufgenommen.
Zwei Rechen halten Unrat zurück
In der Kläranlage angekommen, halten zunächst ein Grob- sowie ein Feinrechen Feuchttücher, Tampons oder auch Lebensmittelreste zurück. Dieser Unrat wird gespült, entwässert und zur Müllverbrennung nach Burgkirchen/Alz gefahren. Das vorgereinigte Abwasser pumpt ein Schneckenhebewerk zu einem Sand- und zu einem Fettfang. Im Sandfang sinken Sand und Steinchen auf den Boden. Sie werden aufgefangen, gewaschen und entsorgt. Im Fettfang dagegen schwimmen Öle und Fette oben auf. Eine ranzige, übelriechende Masse, die in einem Fettbunker gesammelt und letztlich zur Energiegewinnung für die Blockheizkraftwerke der Kläranlage verwendet wird. Betriebsleiter Edfelder hat sich an den unangenehmen Geruch längst gewöhnt. Mit einem kräftigen Ruck schließt er die schwere Tür des Fettbunkers, lacht und sagt, dass hier auch angelieferte Fette aus der Gastronomie lagern.
Klärschlamm wird verbrannt
Jetzt erreicht das Abwasser das Vorklärbecken mit einem Fassungsvermögen von 1,5 Millionen Litern Wasser. Hier schieben Räumschilde aufschwimmende und absinkende Teilchen in einen Trichter. Von dort erreichen sie zwei Faultürme, wo Faulgas entsteht, ein Gemisch aus Kohlenstoffdioxid und Methan. Dies dient als Brennstoff für die Blockheizkraftwerke. Was nicht verwendet wird, verlässt die Faultürme als flüssiger Klärschlamm. Eine Zentrifuge entzieht ihm nun noch etwa 28 Prozent Wasser – der Klärschlamm sieht nun aus wie dunkle Erde und ist bereit zur Verbrennung.
Bakterien bauen Dreck ab
Das Abwasser läuft von den Vorklärbecken zur biochemischen Weiterverarbeitung in vier Belebungsbecken: Dank zugesetzter Druckluft können hier bestimmte Bakterien und andere Mikroorganismen leben und gezüchtet werden. Betriebsleiter Edfelder nennt sie „die kleinen Arbeiter“, denn sie bauen den Dreck im Abwasser ab. Aus den vier Becken fließt das Abwasser anschließend zusammen. Ihm wird eine gelbe Flüssigkeit zugesetzt: Eisen(II)-chlorid bindet das restliches Phosphat, ehe das Abwasser ins Nachklärbecken gelangt, dem letzten Schritt der Abwasserreinigung. Hier werden die gezüchteten Bakterien vom sauberen Wasser getrennt. Das nun zu beinahe 100 Prozent saubere Wasser fließt in die Saalach. Und damit zurück in den Kreislauf.
Regelmäßige Kontrollen sichern Standard
Damit der hohe Standard der Reinigung eingehalten bleibt, kontrolliert das Team die Anlage streng. Dazu gehört die Untersuchung von Proben im eigenen Labor sowie, zur Qualitätssicherung, durch ein externes Labor. Grundsätzlich gilt: Lässt eine Kläranlage Wasser in ein Gewässer ab, braucht die Kommune, als Betreiber, eine wasserrechtliche Erlaubnis. Diese gilt üblicherweise über einen Zeitraum von 20 Jahren. Während dieser Zeit übernimmt die zuständige Fachbehörde die regelmäßigen Überprüfungen – im Falle von Bad Reichenhall ist es das Traunsteiner Wasserwirtschaftsamt. Zudem bewertet die Behörde den Wirkungsgrad der Kläranlage: Die Werte des Zulaufwassers werden mit denen des geklärten Wassers verglichen. In seinem Zuständigkeitsbereich, in den Landkreisen Altötting, Berchtesgadener Land und Traunstein, überwacht das Wasserwirtschaftsamt insgesamt 55 kommunale Kläranlagen.
Trennung von Trinkwasser und Abwasser ist unerlässlich
Ein Bewusstsein für die Notwendigkeit unterschiedliche Wasserqualitäten strikt zu trennen, gab es bereits vor rund 4000 Jahren. Die ältesten bekannten Kanalisationen wurden unter anderem im Tal des Euphrat gefunden. Vorreiter der flächendeckenden Abwasserbeseitigung in Europa war die Stadt Wien im 18. Jahrhundert. Das heutige Wissen um die Reinigung von Abwasser gibt es erst etwas mehr als 100 Jahre. Dass auch die Sauberkeit von Trinkwasser unerlässlich ist, wies der britische Mediziner John Snow im Jahr 1854 nach: Er zeigte in London den Zusammenhang auf zwischen verunreinigtem Trinkwasser und dem Ausbruch von Cholera.
Bericht und Bilder:WWA Traunstein
Belebungsbecken: Die Kläranlage Bad Reichenhall verfügt über vier Belebungsbecken. Foto Wasserwirtschaftsamt Traunstein
Entwässerter Klärschlamm: Der Klärschlamm wird mit Hilfe einer Zentrifuge entwässert. Es verbleibt eine Restfeuchte von etwa 70 Prozent. Foto: Wasserwirtschaftsamt Traunstein
Fettpartikel im Fettfang: Der Fettfang ist eine lange Rinne, in die das Schmutzwasser fließt. Fett- und Ölpartikel aus Haushalten, Gewerbe und der Gastronomie schwimmen oben. Sie werden abgezogen, im Fettbunker gesammelt und letztlich zu Strom gemacht.
Foto: Wasserwirtschaftsamt Traunstein
Grobrechen: Der Grobrechen hält größeren Unrat zurück. Ein weiterer, feinerer Rechen separiert kleinste, lediglich Millimeter große Inhaltsstoffe.
Foto: Wasserwirtschaftsamt Traunstein
Probennahme: Betriebsleiter und Abwassermeister Raymund Edfelder zeigt die Stelle der Probennahme. Foto: Wasserwirtschaftsamt Traunstein
Rechengut: Der von den Rechen aussortierte Abfall wird gespült, gepresst und schließlich zur Müllverbrennung gefahren. Foto: Wasserwirtschaftsamt Traunstein
Übersicht: Die Übersichtsaufnahme zeigt im Vordergrund das Vorklärbecken, es folgen die vier Belebungsbecken. Im Hintergrund ist eines der beiden großen Nachklärbecken zu sehen. Foto: Wasserwirtschaftsamt Traunstein




