Alois Glück – Politik als Dienst am Gemeinwesen
Am 26. Februar jährt sich der Tod von Alois Glück zum zweiten Mal. In einer Zeit, in der Politik oft in Schlagworten, Aufgeregtheit und schnellen Feindbildern steckenbleibt, wirkt sein Stil wie aus einer anderen Epoche – und gerade deshalb so aktuell: leise Autorität, geduldiges Zuhören, präzise Sprache. Glück war keiner, der mit Lautstärke regierte. Er überzeugte mit Bildung, Erfahrung und der seltenen Fähigkeit, Gegensätze auszuhalten, ohne sie zu verschärfen.
Geboren am 24. Januar 1940 in Hörzing bei Traunwalchen, gehörte Alois Glück seit 1970 dem Bayerischen Landtag an – bis 2008, insgesamt 38 Jahre. Er prägte die CSU-Politik in mehreren Schlüsselrollen: als Staatssekretär im Umweltressort, als langjähriger Vorsitzender der CSU-Landtagsfraktion und schließlich von 2003 bis 2008 als Präsident des Bayerischen Landtags. Später stand er von 2009 bis 2015 an der Spitze des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Als er am 26. Februar 2024 in München starb, war die Anteilnahme weit über Partei- und Verbandsgrenzen hinaus groß.
Was viele an Alois Glück schätzten, war sein Blick für das, was nicht in Statistiken steht: der gesellschaftliche Zusammenhalt, die Verantwortung füreinander, die Kraft der kleinen Einheiten – Familie, Nachbarschaft, Verein, Dorfgemeinschaft. Seine Sozialpolitik war nicht abstrakt, sondern biografisch grundiert. Früh setzte er sich besonders für die Behindertenhilfe ein; private Erfahrungen machten das Thema für ihn zu einer Frage von Würde und Teilhabe, nicht von Zuständigkeiten. Und wer ihm zuhörte, merkte schnell: Da sprach ein Mann, der lebenslang lernte, nachdachte, abwog – ein Politiker, der sich nicht am schnellen Applaus orientierte, sondern am langfristig Richtigen.
Ein zweites Feld, auf dem Glück Maßstäbe setzte, war die Umwelt- und Landentwicklungspolitik. Er gilt als Pionier innerhalb der CSU, weil er Umweltfragen nicht als Randthema behandelte, sondern als Aufgabe „im Dienste des Lebens“. Für ihn war klar: Wer Heimat erhalten will, muss Natur, Landschaft und Lebensgrundlagen schützen – und gleichzeitig die ländlichen Räume als eigenständige Arbeits- und Wohnstandorte stärken.
Auch im Ruhestand blieb er ein gefragter Ratgeber. Nach Fukushima berief ihn die Bundesregierung 2011 in die Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“. Später arbeitete er im Rat für Nachhaltige Entwicklung mit. Und als Bayern nach dem Volksbegehren „Artenvielfalt“ politisch zu zerreißen drohte, bewies er am „Runden Tisch“ erneut seine Stärke: Polarisierungen abbauen, Interessen übersetzen, gemeinsame Lösungen ermöglichen – ohne Siegerpose, aber mit Ergebnis.
Genau hier berührt sein Wirken unsere Region unmittelbar. Alois Glück war ein beharrlicher Anwalt der ländlichen Räume – und zugleich ein Brückenbauer zwischen Staat, Kommunen, Wirtschaft und Bürgerschaft. Er hat die Idee einer partizipativen Dorferneuerung („Bottom-up“) politisch gestützt und immer wieder als Beispiel dafür genannt, wie Demokratie vor Ort Vertrauen schafft: indem Menschen beteiligt werden und das gemeinsame Gestalten wieder Sinn stiftet. Sein Satz, man könne „nur gestalten, wenn man eine Vorstellung von der Zukunft hat“, steht wie ein Leitmotiv über vielen seiner Beiträge.
Auch jenseits der Parlamente war Glück präsent, dort, wo Verantwortung konkret wird. Als Ehrenvorsitzender der Bergwacht Bayern unterstützte er die Modernisierung von Ausbildung und Einsatzstrukturen – ein Thema, das im Alpenraum nicht Theorie ist, sondern im Ernstfall über Leben und Tod entscheidet. Ebenso engagierte er sich für die Hospizbewegung und half, verlässliche Strukturen für schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen aufzubauen.
Für den Chiemgau und den Chiemsee hat sein Name zudem einen sehr konkreten Klang: Frauenwörth. Als Gründungsmitglied sowie Gründungs- und Ehrenvorsitzender des Freundeskreises Frauenwörth gehörte Alois Glück zu jenen, die in einer kritischen Phase nicht mit symbolischen Gesten zufrieden waren, sondern Lösungen möglich machten. Auslöser war die Sorge um die wirtschaftlichen Grundlagen der Abtei nach Veränderungen im Schulwesen und der Schließung des Internats. Gemeinsam mit dem damaligen Priener Bürgermeister Lorenz Kollmannsberger entstand 1994 der Freundeskreis; Glück leitete ihn 16 Jahre.
In seiner Rückschau beschreibt er die Leitplanken dieser Arbeit in zwei Worten: „klosterverträglich“ und „inselverträglich“. Gesucht waren Nutzungen, die wirtschaftlich tragen, aber zum Ort passen. Schritt für Schritt entwickelte sich daraus ein Seminarbetrieb mit Fremdbelegungen und Eigenveranstaltungen – verbunden mit erheblichen Investitionen, die ohne ein starkes Netzwerk aus Region, Kirche und verantwortungsbewussten Partnern aus der Wirtschaft nicht möglich gewesen wären. Dass sich Spenden in Millionenhöhe mobilisieren ließen, dass professionelle wirtschaftliche Strukturen aufgebaut wurden und dass daraus weitere Investitionen – bis hin zur Sanierung und dauerhaften Instandhaltung – überhaupt denkbar wurden: Das war nicht zuletzt das Ergebnis von Glücks Beharrlichkeit, seiner Glaubwürdigkeit und seiner Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen.
Alois Glück war verheiratet und Vater zweier Kinder. Sein Tod hinterließ eine Lücke – politisch, aber auch menschlich. Wer heute nach Orientierung sucht, findet in seinem Lebenswerk keine einfachen Parolen, sondern etwas Anspruchsvolleres: die Erinnerung daran, dass Demokratie mehr ist als Mehrheiten – nämlich eine Kultur des Respekts, der Verantwortung und des Miteinanders. Gerade im ländlichen Raum, den er wie kaum ein anderer verstand, bleibt diese Botschaft Auftrag und Vermächtnis.
Die Bayerische Akademie Ländlicher Raum informiert zum zweijährigen Todestag mit der Dokumentation des ersten Alois Glück Kolloquiums (u.a. mit Beiträgen von Beckstein, Magel u.a.) – siehe hier.
Bericht: Rainer Nitzsche – 1. Archiv-Foto: Hötzelsperger – 2. Archiv-Foto: Prof. Magel – Ehepaar Glück mit Prof. Magel
Beitrag auf Anregung von Prof. Dr. Holger Magel.





