Zwischen Nähe und Distanz: Richard Wagner und Franz Liszt – Nike Wagner erlaubt einen persönlichen Blick in die Familiengeschichte
Warum haben Richard Wagner und Franz Liszt, trotz ihrer engen Verbindung und gemeinsamen Größe, kein gemeinsames Denkmal erhalten – so wie Goethe und Schiller? Dieser Frage widmete sich Nike Wagner, Urenkelin Richard Wagners und Ur-Urenkelin Franz Liszts, bei einer Tafelrunde des Richard-Wagner-Ortsverbands. Eingeladen vom Vorsitzenden Scott Brahier, gewährte sie nicht nur musikhistorische Einblicke, sondern auch einen persönlichen Blick in die Familiengeschichte.
Die Beziehung zwischen Wagner und Liszt war vielschichtig – künstlerisch, freundschaftlich und familiär. Liszt wurde durch Wagners Ehe mit Cosima, seiner Tochter, zum Schwiegervater. Eine Verbindung, die auch psychologische Dimensionen hatte: Wagner war etwa im selben Alter wie Liszt. In Briefen und Biografien zeigten sich zahlreiche Gemeinsamkeiten, aber ebenso markante Unterschiede, so Nike Wagner.
Beide Komponisten waren nahezu gleich alt, europaweit präsent und außerordentlich erfolgreich. „Sprengte der eine die Konzertsäle, so sprengte der andere die Opernhäuser“, sagte Nike Wagner. Über vier Jahrzehnte habe ihre Freundschaft Bestand gehabt – geprägt von Nähe und Bewunderung, aber auch von Schweigen, Entfremdung und Tabus.
Liszt sei eine „Lichtgestalt“ gewesen, gefeiert und verehrt, während Wagner als „Leidender und Kämpfer“ erschien. In Paris feierte Liszt Triumphe, Wagner dagegen scheiterte dort. Auch religiös unterschieden sie sich: Liszt war tief im Katholizismus verwurzelt, komponierte Kirchenmusik und empfing niedere Weihen. Wagner hingegen setzte sich zwar mit dem Christentum auseinander, wollte sich jedoch nicht kirchlich binden.
Unterschiede zeigten sich auch in Herkunft und Lebenswelt. Liszt bewegte sich in adeligen Kreisen, Wagner im bürgerlichen Milieu. Liszt galt als kosmopolitisch, Wagner wurde zunehmend deutschnational, antifranzösisch und antisemitisch. Dennoch verband sie die Musik. Liszt förderte Wagner großzügig, führte 1849 den „Tannhäuser“ in Weimar auf und organisierte Wagner-Wochen, während dieser im Schweizer Exil lebte und auf Liszts Unterstützung angewiesen war. „Liszt war der Gebende, Wagner der Nehmende“, fasste Nike Wagner zusammen.
Diese Asymmetrie erkläre auch, warum ein gemeinsames Denkmal nie entstand. Liszt habe großes Verständnis für Wagners Werk gezeigt, doch das Verhältnis blieb unausgewogen. Nach dem Bruch wegen Cosimas Trennung von Hans von Bülow herrschte zehn Jahre Schweigen, erst die Musik führte sie wieder zusammen.
Nun könnte man die meisten Fakten in den Biographien der beiden und in den Briefwechseln nachlesen. Durch die authentische Bewertung der Hintergründe durch Nike Wagner allerdings erhielten die Informationen in ihrem Vortrag eine andere Qualität. Dass Liszt nach seinem Tod in Bayreuth zunehmend verdrängt wurde und er „in meiner Jugend dort keine Rolle spielte “, bedauerte Nike Wagner. Die französische Seite der Familie (Cosima hatte eine französische Mutter) existierte in Bayreuth für sie praktisch nicht. Selbst den 200. Geburtstag Liszts im Jahr 2011 habe die Wagner-Familie unbeachtet verstreichen lassen, weshalb Nike Wagner ihren Cousinen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier gegenüber nur mit Fassungslosigkeit reagieren konnte. Dabei war herauszuhören, dass das Wagner-Imperium dem „Gebenden“ Franz Liszt durch die Würdigung seiner Kompositionen mehr zurückgeben hätte können – aus Dankbarkeit für eine Freundschaft und Unterstützung Richard Wagners.
Dass die Stadt Bayreuth jedoch 150 Jubiläumsveranstaltungen angeboten hat, ist nicht mit einer Feierlichkeit der Wagners vergleichbar, befand Nike Wagner indirekt, denn die Aktivitäten der Stadt blieben in ihrem Vortrag unerwähnt. Auch daraus konnten die Besucher auf ihre innere – offene – Haltung und diejenige ihrer Cousinen – beschränkt auf einen Teil der eigenen Familie – schließen.
Ein bedeutender Vortrag hinsichtlich des Verständnisses für die aktuelle Familie Wagner.
Bericht und Foto: Brigitte Janoschka





