Leitartikel

Dialekt-Untersuchung an bayer. Gymnasium

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Dialekt, Rechtschreibung und Grammatik  –  Der Einfluss bairischer Mundart auf den Gebrauch von <das>/<dass> bei Schülerinnen und Schülern der 5. Jahrgangsstufe am Gymnasium  –  von Peter Walleitner

Ist Bairisch sprechen im Schulalltag ein Nachteil in der Schule? Eine Untersuchung am Gymnasium in Oberbayern kommt zu einem anderen Ergebnis. Dialekt erweist sich nicht als Hindernis, sondern als mögliche Ressource für die Rechtschreibsicherheit.

Im Rahmen einer Zulassungsarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde untersucht, ob die Dialektkompetenz bairisch sprechender Schülerinnen und Schüler der 5. Jahrgangsstufe mit der korrekten Schreibung von das und dass zusammenhängt. „Höhere Dialektkompetenz geht in dieser Stichprobe tendenziell mit einer geringeren Fehlerquote einher“, erklärt Peter Walleitner. Das sei „ein konsistenter Hinweis darauf, dass Dialekt im Deutschunterricht auch eine Ressource sein kann“.

Die Unterscheidung von das und dass gilt als besonders fehleranfällig. Beide Formen klingen gleich, erfüllen jedoch unterschiedliche grammatische Funktionen. Artikel und Pronomen werden mit einfachem s geschrieben, die Subjunktion mit Doppel-s. Entscheidend ist nicht die Aussprache, sondern das Verständnis der Satzstruktur.

Insgesamt wurden 86 Aufsätze ausgewertet. Von 329 Vorkommen waren 68,7 Prozent korrekt, 31,3 Prozent fehlerhaft. Besonders häufig wurde das anstelle von dass geschrieben. Dieser Fehlertyp machte 84,5 Prozent aller Fehler aus. Der umgekehrte Fall war deutlich seltener. „Unsicherheiten entstehen vor allem dort, wo eine syntaktische Analyse erforderlich ist“, so Walleitner.

Ergänzend schätzten 85 Schülerinnen und Schüler ihre Dialektkompetenz selbst ein. Gefragt wurde nach aktivem Sprechen, passivem Verstehen und dem Sprachgebrauch im Elternhaus. Das Ergebnis zeigt eine klare Tendenz: Alle berechneten Zusammenhänge zwischen Dialektkompetenz und Fehlerrate sind negativ. Je höher die Dialektkompetenz, desto geringer die Fehlerquote. Besonders deutlich ist der Unterschied im familiären Umfeld. Bei Kindern ohne dialektsprechendes Elternhaus lag die Fehlerrate bei 39,2 Prozent, bei dialektgeprägtem Elternhaus bei 23,7 Prozent.

Eine Kausalität lässt sich daraus nicht ableiten, die statistischen Effekte sind insgesamt schwach. Dennoch widersprechen die Daten der Annahme, Dialekt könne ein Bildungshemmnis sein.

Lange dominierte die Vorstellung, allein die Standardsprache sei für schulischen Erfolg entscheidend. Dialekt wurde teils als Defizit betrachtet. Heute hat sich die Sichtweise gewandelt. Dialekt gilt zunehmend als Bestandteil innerer Mehrsprachigkeit und als Ausdruck regionaler Identität. Seit 2009 wird das Bairische im UNESCO-Atlas der gefährdeten Sprachen als „vulnerable“ Sprache geführt. Auch der bayerische Lehrplan greift Dialekt über mehrere Jahrgangsstufen hinweg als Gegenstand sprachlicher Reflexion auf.

Walleitner betont die praktische Konsequenz: „Dialekt sollte nicht als Fehlerquelle problematisiert, sondern als Ausgangspunkt für Sprachreflexion genutzt werden.“ Wer bewusst zwischen Dialekt und Standardsprache unterscheiden könne, entwickle ein geschärftes Sprachbewusstsein.

Die Erhebung zeigt zugleich, dass Bairisch im Alltag vieler Jugendlicher weniger präsent ist, als häufig angenommen wird, aber dennoch weiterhin eine Rolle spielt. Von den 86 befragten Schülerinnen und Schülern gaben 53,5 Prozent an, im Alltag (fast) nie Bairisch zu sprechen, 19,8 Prozent sehr selten und 17,4 Prozent manchmal. Lediglich 7,0 Prozent sprechen häufig und 2,3 Prozent (fast) immer Dialekt. Im schulischen Kontext ist der Unterschied noch deutlicher: Mit Lehrkräften wird nahezu ausschließlich Hochdeutsch gesprochen (84,9 Prozent), mit Mitschülerinnen und Mitschülern ebenfalls überwiegend (70,9 Prozent). Mischformen aus Bairisch und Hochdeutsch treten unter Gleichaltrigen immerhin noch bei 23,3 Prozent auf, gegenüber nur 15,1 Prozent im Gespräch mit Lehrkräften. Dialekt ist also nach wie vor präsent – aber vor allem außerhalb des Klassenzimmers.

Die Untersuchung leistet damit einen differenzierten Beitrag zur Dialektdiskussion in Bayern: Dialektkompetenz erweist sich nicht als Risiko, sondern als Ressource – als Ausgangspunkt und Potenzial für Sprachreflexion, kontrastives Lernen und sprachliche Sicherheit in der Standardsprache.

Auch interessant: Wer sich weiter mit bayerischen Dialekten beschäftigen möchte, dem sei DaBay empfohlen – die erste Dialekt-App für ganz Bayern, entwickelt von Dr. Philip Vergeiner und Prof. Dr. Lars Bülow (LMU München), der auch Walleitners Zulassungsarbeit betreut hat. Die kostenlose Web-App dokumentiert, wie Dialekt in Bayern heute gesprochen wird und wie er sich verändert. Mitmachen unter: dialektapp.bayern.

Genauere Informationen zur Zulassungsarbeit können der vollständigen Zusammenfassung von Peter Walleitner im Anhang entnommen werden.

Anhang: Zusammenfassung Studie – Grafiken

Foto: Autor Peter Wallneitner

 

 



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Toni Hötzelsperger

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