Kultur

Lesung im Klosterhof Bayerisch Gmain

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Mit einer literarischen Hommage an den neuen Nobelpreisträger für Literatur begrüßte Dr. Andreas Färber die Gäste im Klosterhof. Im Mittelpunkt des Abends stand der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai, dessen Werk der Literaturwissenschaftler Reinhard G. Wittmann vorstellte, während der Schauspieler Thomas Loibl ausgewählte Texte des Preisträgers las.

Die Kulturbeauftragte Theresa Sax-Lichtblau dankte den beiden Referenten und zeigte sich überzeugt, dass sich Krasznahorkais Bücher besonders eindrücklich erschließen lassen „mit der Stimme von Thomas Loibl im Ohr“.

Wittmann ordnete den Literaturnobelpreis als eine Art Ritterschlag für Autoren ein. Vergeben wird er von der Schwedischen Akademie in Stockholm. In der offiziellen Begründung heißt es, Krasznahorkai werde für sein „fesselndes und visionäres Werk“ ausgezeichnet, das in apokalyptischen Szenarien zugleich die Kraft der Kunst bekräftige.

Loibl eröffnete die Lesung mit einem Text, den der Autor im Zusammenhang mit der Preisverleihung verfasst hat. Darin entfaltet Krasznahorkai einen weiten gedanklichen Bogen – von der Evolution des Menschen bis zur Gegenwart. Philosophisch und düster kreisen seine Überlegungen um Hoffnung, Engel „von einst“ und „neue Engel“, die Würde des Menschen und den Mangel an „Wissen, Schönheit und moralischem Gut“. Ausgangspunkt einer Reflexion über Rebellion wird eine scheinbar banale Szene: Ein Clochard überschreitet eine gelbe Linie an einer U-Bahn-Station – Symbol des Gesetzes – und gerät in Konflikt mit der Autorität.

Im Gespräch stellte Dr. Wittmann zentrale Werke des Autors vor. Der Roman „Satanstango“ gilt als Abgesang auf das Ungarn der späten kommunistischen Jahre, „Melancholie des Widerstands“ als schonungslose Anatomie der Trostlosigkeit. Typisch für Krasznahorkais Prosa sind lange, oft absatzlose Satzströme – eine Sprache von sinnlicher Intensität und zugleich düsterem Inhalt. Die inneren Monologe und Bewusstseinsströme der Protagonisten sind bei Krasznahorkai Komposition, Rhythmus und Klang.

Auch spätere Bücher wie „Der Gefangene von Urga“ (1993), „Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß“ (2005), „Seiobo auf Erden“ oder der Deutschland-Roman „Herscht 07769“ (2021) verbinden philosophische Fragen mit einer eigenwilligen, rhythmisch fließenden Erzählweise. In der jüngsten Satire „Zsömle ist weg“ führt Krasznahorkai schließlich eine Gruppe von Monarchisten vor, deren vermeintlicher König, eigentlich Onkel Joszi, sich dieser Rolle verweigert. Die Skurrilität wendet sich, als dieser in seiner armseligen Wohnung sagt: „Ich lege kein Holz mehr nach. Ich werde von nun an nicht mehr am Leben teilnehmen“. Hier mischen sich Becketts Absurditäten im Stile Joyces mit jenen von Kafka – auch Thomas Bernhard kommt einem in den Sinn.

Wie lebendig diese Literatur klingen kann, zeigte Thomas Loibl eindrucksvoll. Mit wechselnden Dialekten, präziser Mimik und feinem Gespür für Rhythmus ließ er die inneren Monologe und Bewusstseinsströme der Figuren hörbar werden – und machte deutlich, dass Krasznahorkais Prosa nicht nur gelesen, sondern auch erlebt werden will.

Bericht und Bilder: Brigitte Janoschka



Redaktion

Toni Hötzelsperger

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