Heiligenverehrung als Spiegel der Zeit – Die bayerischen Landespatrone vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit Von Dieter J. Weiß, Bayernbund
Der hl. Kilian als Patron der Mainfranken
„Wenn der Herr erscheint, nehmen Petrus Judea, Andreas Achaia und die übrigen Apostel ihre Königreiche mit sich zum Jüngsten Gericht, und unter ihnen führt Kilian die Teutonica Francia.“ In der Vorstellung des Verfassers geleiten die Apostel die ihnen anvertrauten Völker zum Jüngsten Gericht. Der Text ist der jüngeren Kiliansvita aus der Mitte des 10. Jahrhunderts entnommen. Im Anschluß an die Darstellung eschatologischer Vorstellungen, die einer Homilie Papst Gregors des Großen entsprechen, wird hier eine Vision entworfen, wie die Apostel die ihnen anvertrauten Länder dem Herrn zuführen. Dem Würzburger Märtyrer kommt die Funktion eines Patrons für die Bewohner seines Landes Franken zu. Der Kirchenvater Ambrosius hat als erster Heilige mit dem aus dem antiken Klientelwesen entlehnten Begriff Patron bezeichnet. Diese haben ihren Schutzbefohlenen auf ihrem Weg zum ewigen Heil und beim Jüngsten Gericht Beistand zu gewähren. Der Verfasser der Kiliansvita stellte sich den ostfränkischen Landespatron offenbar als eine Art Stammesführer vor.
Die bayerischen Bistumspatrone
Für Bayern finden wir in der Frühzeit des Herzogtums keinen vergleichbaren Landespatron, wohl aber besonders verehrte Bistumspatrone wie die hl. Bischöfe Emmeram in Regensburg, Rupert in Salzburg und Korbinian in Freising. Sie fanden zwar überregionale Verehrung, aber von förmlichen Landespatronen wird man nicht sprechen können. Ihre Popularität verdanken sie hagiographischen Lebensbeschreibungen, die in zwei Fällen der Freisinger Bischof Arbeo verfaßt hatte. Für die zahlreichen Kloster- und Stiftsgründungen im bayerischen Herzogtum des 8. Jahrhunderts bedurfte es aber weiterer Reliquien als die der Gründerbischöfe. Sie mußten zunächst aus Italien geholt werden, etwa Tertulinus nach Schlehdorf, Quirinus nach Tegernsee und Arsatius nach Ilmmünster. Diese Märtyrer wurden zu Patronen ihrer Kirchen und Umgebung. Daneben konnte sich kein Landespatron entwickeln, dafür verfügte Bayern über zu viele kirchliche Zentren.
Auch der von mehreren Klöstern als Gründer verehrte Herzog Tassilo III. blieb auf seine Stiftungen beschränkt, in denen das liturgische Gedenken an ihn gepflegt wurde. Am Beginn der für uns faßbaren Legenden stehen um 1065 die Notae Wessofontanae zur aus Wessobrunn. Wenn man den phantasievollen Schriftsteller Otloh von St. Emmeram als Verfasser annimmt, so kann man ihm die Erfindung der Jagdlegende, verbunden mit einer Vision der Himmelsleiter, zutrauen, ähnliche Erzählungen entstanden in Kremsmünster und Polling. Im 14. Jahrhundert breitete sich eine förmlich Tassilo-Renaissance mit Ausbildung von Gründungslegenden und der Anbringung von Stifterinschriften aus. Die Klöster versprachen sich dadurch einen Ansehensgewinn, doch entwickelte Tassilo sich nicht zu einem Landespatron.
Die Petrusverehrung Kaiser Ludwigs des Bayern
Der erste wittelsbachische Kaiser Ludwig der Bayer engagierte sich für die Verehrung des Apostelfürsten Petrus, um seine Romtreue gegenüber dem in Avignon und eben nicht in Rom residierenden Papst Johannes XXII. zu betonen. Gleichzeitig zielte dies wohl auf die Einrichtung eines bayerischen Landesbistums in München. Als Indiz dafür kann man die Förderung der Stadtpfarrei St. Peter werten, der Kaiser Ludwig eine bis heute erhaltene Petrusreliquie und ein verlorenes Missale schenkte. Außerdem sorgte er dafür, daß sein Papst Nikolaus V. dem Dechanten von St. Peter das Recht der Stellvertretung des Freisinger Bischofs für den Fall einer Sedisvakanz übertrug.
Bayerische Patrone in Regensburg
Auf die wohl erste Zusammenstellung bayerischer Landespatrone hat Alois Schmid hingewiesen. Der Regensburger Bischof Johann von Moosburg (1384-1409) forderte 1392 die Stiftsherren der Alten Kapelle in Regensburg auf, die Verehrung der hl. Dionysius, Emmeram, Koloman, Kastulus, Erhard, Wolfgang, Godehard, Rupert und Virgil sicherzustellen. Ihr Gedächtnis als Märtyrer, Bischöfe, Patrone und Apostel Noricums und Bayern sollte jeweils am Tag nach der Kirchenweihe begangen werden. Es ist wohl kein Zufall, daß Bischof Johann, ein unehelicher Sohn Herzog Stephans des Kneißels von Bayern und damit ein Urenkel Kaiser Ludwigs, die Verehrung bayerischer Patrone förderte. Und es ist sicher auch kein Zufall, daß dies gerade in Regensburg, der alten Metropole Bayerns und neben Salzburg sein sakraler Mittelpunkt, geschah. Hier war noch immer das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller bayerischen Gebiete lebendig. Die Märtyrer Dionysius und Emmeram weisen nach Regensburg, wo ihre Reliquien in der Abtei St. Emmeram verehrt werden, ebenso die Regensburger Bischöfe Erhard und Wolfgang. Der aus Irland stammende Wallfahrer Koloman, der 1012 das Martyrium bei Stockerau erlitten hat, wird im Benediktinerstift Melk und als österreichischer Patron verehrt. Der antike Märtyrer Kastulus wurde aus Rom nach Moosburg überführt, wo er seit 807 nachweisbar ist und später mit der Verlegung des Stifts nach Landshut transferiert wurde. Der Bischof von Hildesheim Godehard war Klosterschüler in Niederalteich und als Reformer Abt mehrerer bayerischer Klöster, bevor ihn Kaiser Heinrich II. zum Bischof von Hildesheim ernannte. Mit Rupert und Virgil werden die ersten Bischöfe von Salzburg genannt, allerdings fehlt der hl. Korbinian von Freising in diesem Verzeichnis. Märtyrerbischöfe und Märtyrer, Missions- und Reformbischöfe dominieren das Bild der über die Grenzen des wittelsbachischen Herzogtums hinaus verehrten Heiligen.
Der Landespatron Nikolaus von Tolentino
Von Seiten der Landesherren gab es bis zum Ende des 15. Jahrhunderts keine Bemühungen um einen eigenen Schutzheiligen. Erst im Jahr 1502 erklärte Herzog Albrecht IV. den Augustinereremiten Nikolaus von Tolentino zum bayerischen Landespatron, wie aus späteren Druckschriften hervorgeht. Der 1305 in Tolentino in den Marken verstorbene eifrige Prediger und Beichtvater erlangte durch zahlreiche Wunder Berühmtheit. Er wurde 1446 kanonisiert, worauf in der Münchner Augustinerkirche eine Bruderschaft zu seiner und des hl. Sebastian Verehrung eingerichtet wurde. Es paßt in die Zeit der Reformdiskussionen des ausgehenden Mittelalters, das Albrecht IV. keinen Bischof oder Klosterstifter, sondern einen asketischen Bettelmönch zum Landespatron erhob, obwohl er keinen Bezug zu Bayern aufwies. Wohl auch deshalb erreichte er keine große Popularität, galt aber noch in der Zeit Kurfürst Max Emanuels als Patron der bayerischen Armee. Auf Betreiben der Münchner Augustinereremiten scheint seine Verehrung Ende des 17. Jahrhunderts eine Renaissance erfahren zu haben.
Der Landes- und Stadtpatron Benno von Meißen
Erfolgreicher war Herzog Wilhelm V. mit der Etablierung des hl. Benno von Meißen (reg. 1066-1105/7) als Stadt- und Landespatron. Sein Vater Herzog Albrecht V. hatte die Translation seiner Reliquien aus dem zur Reformation übergegangenen Sachsen nach München erreicht, wo sie am 1. April 1576 feierlich empfangen wurden. Die Benno-Reliquien waren symbolisch aufgeladen, hatte doch Martin Luther nach der päpstlichen Kanonisation des Bischofs von Meißen 1523 massiv gegen dessen Verehrung polemisiert. Wegen dieser Vorgeschichte konnten sich die Wittelsbacher nun als Vorkämpfer des Katholizismus im Reich darstellen. Wilhelm V. war ein leidenschaftlicher Reliquiensammler. Am 16. Juni 1580 ließ er dessen Reliquien aus der Hofkapelle in die Frauenkirche überführen. Die Proklamation zum Landespatron wurde groß gefeiert. Auf Anregung des Stiftsdechanten der Frauenkirche Dr. Wolfgang Hannemann wurde das silberne Büstenreliquiar des hl. Benno geschaffen. Im Jahr 1601 wurde ein eigenes Festoffizium der für München zuständigen Diözese Freising für den Bennotag gedruckt. Dabei wurde Benno von Meißen als Heiliger der Gegenreformation inszeniert.
Der Bennobogen in der Münchener Frauenkirche
Die Verehrung bayerischer Heiliger erhielt einen architektonischen Höhepunkt in der Münchener Pfarr- und Stiftskirche zu Unserer Lieben Frau. Nach seinem Rücktritt ließ Herzog Wilhelm der Fromme 1604 den Bennobogen in Form eines vierseitig geöffneten Torbaus am Choreingang aufrichten. In seinen Nischen fanden Statuen von Heiligen der Bavaria Sancta Aufstellung, die Stiftspatrone Arsatius (aus Ilmmünster) und Benno sowie Sixtus (aus Schliersee) und Donatus, dazu die Patrone der Diözese Freising Korbinian und Sigismund sowie der Erzdiözese Salzburg Rupert und Virgil. Kurfürst Maximilian ließ 1622 das Kenotaph Kaiser Ludwigs des Bayern, das sich hinter dem Kreuzaltar befand, durch das Mausoleum von Hans Krumper zu einem Denkmal der Dynastie von imperialem Anspruch ausbauen. Zusammen mit dem überwölbenden Bennobogen waren damit das Haus und das Land Bayern mit den Reliquien und Statuen seiner Patrone und die römisch-katholische Kirche mit der Triumpharchitektur verbunden.
Maximilian I. sorgte auch für die wissenschaftliche Fundierung des bayerischen Heiligenhimmels, der in dem Werk der Bavaria Sancta des Jesuiten Matthäus Rader seine umfassende Darstellung erhielt. In vier 1615 bis 1628 erschienenen, großzügig mit Kupferstichen von Raphael Sadeler ausgestatteten Folianten werden die Viten aller mit Bayern in Zusammenhang stehenden Heiligen vorgestellt. Die terra Bavarica wurde dabei im Sinne des frühmittelalterlichen Stammesherzogtums, also einschließlich Österreichs, Salzburgs und Tirols, verstanden. Wenn auch der marianische Staatskult Kurfürst Maximilians die Verehrung der übrigen Heiligen überstrahlte, so bildeten der Kult der Landespatrone einen festen Bestandteil der Pietas Bavarica mit ihrer engen Verbindung von Frömmigkeit und Politik.
Der Hl. Cajetan von Thiene
Im Jahr 1672 erhielt Bayern mit dem hl. Cajetan von Thiene einen weiteren Landespatron. Für die Geburt des ersehnten Thronfolgers hatte das Kurfürstenpaar Ferdinand Maria und Henriette Adelaide von Savoyen die Errichtung einer Kirche gelobt, ein Jahr nach der Geburt Max Emanuels wurde 1663 mit dem Bau begonnen. Die Kirche und das Kloster wurden den der Kurfürstin aus ihrer Heimat vertrauten Theatinern übertragen. Der Kurfürst wollte mit der Berufung des noblen italienischen Priesterordens eine Klerikerreform in Bayern einleiten und gleichzeitig den Einfluß der Jesuiten zurückdrängen. Das Kurfürstenpaar setzte sich in Rom erfolgreich für Cajetans 1671 erfolgte Heiligsprechung ein. Ferdinand Maria bat am 12. Januar 1672 den Freisinger Fürstbischof Albrecht Sigismund um die Erhebung Cajetans zum Patron des Kurhauses wie des ganzen Landes. Der hl. Cajetan und die zweite Kirchenpatronin Adelheid waren auf dem im zweiten Weltkrieg (1944) untergegangenen Hochaltarretabel von Antonio Zanchi im Chorraum der Münchner Kirche dargestellt.
Noch heute kann am auf dem Cajetansaltar im südlichen Querschiff der Theatinerkirche die „Erhörung der Fürbitte des hl. Cajetan während der Pest in Neapel im Jahr 1656“ von Joachim von Sandrart sehen. Cajetan wurde als Seelsorger wie als Pestpatron, vergleichbar dem hl. Karl Borromäus, verehrt, und traf damit den Nerv der Zeit, die letzte große Pestepidemie hatte München Mitte des 17. Jahrhunderts heimgesucht, eine weitere sollte 1680 ausbrechen.
Der Hl. Johannes von Nepomuk
Auch ein weiterer Landespatron stammte weder aus Bayern noch hatte er hier gewirkt, doch entwickelte sich Johannes von Nepomuk nicht nur in Böhmen und Österreich, sondern in ganz Oberdeutschland zu dem Modeheiligen des 18. Jahrhunderts. Er war um 1350 in Pomuk an der Ostseite des Böhmerwalds geboren worden, stieg zum Generalvikar des Prager Erzbischofs auf und geriet in dieser Funktion in Konflikt mit König Wenzel von Böhmen, der ihn grausam foltern und am 20. März 1393 in der Moldau ertränken ließ. Später erzählte man in Prag, er habe das Beichtgeheimnis der Königin verteidigt. Nach der Schlacht am Weißen Berg wuchs seine Verehrung, bis er 1721 selig und 1729 heiliggesprochen wurde. Weil Königin Sophie eine Tochter des Herzogs Johannes II. von Bayern-München war, wurde er in Bayern besonders verehrt, Kurfürst Karl Albrecht erhob ihn am 14. Mai 1729 zum bayerischen Landespatron. Wenig später errichteten die Brüder Cosmas Damian und Egid Quirin Asam ihm zu Ehren eine Kirche in der Münchener Sendlingerstraße und schufen damit ein eigenständiges Zentrum für seine Verehrung. Seine Allgegenwart auf Brücken, in Kapellen und auf Altären im ganzen Land ist seiner Bedeutung als Brückenheiliger zu verdanken.
Die Verehrung bayerischer Patrone in Rom und Jerusalem
Im 19. und 20. Jahrhundert gerieten die bayerischen Patrone, die vom Landesherrn und nicht der kirchlichen Hierarchie ernannt worden waren, bis auf den hl. Benno in dieser Funktion in Vergessenheit. Dies wird auch damit zusammenhängen, daß der Theatinerorden und die Augustinereremiten in der Säkularisation aus München verschwanden. Im Zug der religiösen Erneuerung des 19. Jahrhunderts konzentrierten sich die bayerischen Bistümer auf die Verehrung ihrer Diözesanpatrone, alles aber wurde von einer intensivierten Marienverehrung überstrahlt. Gleichzeitig verstärkten sich gemäß den modernen technischen Möglichkeiten die Verbindunglinien von Bayern in die Welt hinaus, im kirchlichen Bereich in die bedeutendsten Wallfahrtsorte und Zentren der katholischen Christenheit, nach Rom und Jerusalem.
In Rom wurde nach der italienischen Besetzung des Kirchenstaats ein neues Stadtviertel östlich des Vatikans angelegt. Hier befindet sich die zum Goldenen Priesterjubiläum Papst Leos XIII. 1888 gestiftete Pfarrkirche San Gioacchino ai Prati di Castello. Der Neorenaissancebau wurde 1898 den Redemptoristen anvertraut, die Finanzierung erfolgte über einen weltweiten Spendenaufruf, wobei die teilnehmenden Nationen jeweils eine Kapelle einrichten durften. Die bayerische Kapelle stiftete der offenbar wohlhabende Pfarrer von Kraiburg Prälat Joseph Krandauer, der den Redemptoristen und Kirchenmaler Max Schmalzl (1850-1930) mit der Ausmalung beauftragte. Dieser von Frau Angelico beeinflußte Spätnazarener erzeugte die Illusion einer Renaissancekapelle. Nach Vorarbeiten in seinem Heimatkloster Gars am Inn führte Frater Max 1904 seine Entwürfe in Rom aus. Für die Auswahl der dargestellten Heiligen und ausgewählter Szenen aus ihrem Leben stützte er sich wahrscheinlich auf die zweibändige Bavaria Sancta des Freisinger Theologieprofessors Magnus Jocham. Den Hinweis auf diese Bayernkapelle wie die Photoaufnahmen verdanke ich Michael Hetz.
Das große Thema bildet die Christianisierung Bayerns. Das zentrale Fresko über dem Altar zeigt die Stiftung des Bamberger Domes durch Kaiser Heinrich II. und im Hintergrund Kaiserin Kunigunde – die Träger des Dommodells in bayerischer Pagentracht –, flankiert von den Bischöfen Wolfgang von Regensburg und Kilian von Würzburg, darüber Burkard von Würzburg und Abt Pirmin für die Diözese Speyer. Zu Seiten des Rundbogenfensters über dem Altar knien die Äbtissinnen Walburga von Eichstätt und Erentrudis von Salzburg. An der rechten Wand flankieren Korbinian von Freising und Benno von Meißen die Taufe Herzog Theodos durch Bischof Rupert von Salzburg, darüber stehen Ulrich von Augsburg und Emmeram von Regensburg. Im Bogenfeld ist Tod der Crescentia Höss von Kaufbeuren dargestellt. Im Zentrum der linken Seitenwand ist die Predigt des historisch nicht gesicherten Maximilian von Lorsch vor dem römischen Statthalter gemalt, flankiert von Willibald von Eichstätt und Valentin von Passau, darüber die Bischöfe Virgilius und Gebhard von Salzburg. In der Lünette ist eine Szene aus dem Leben des als zweiten Apostel Deutschlands verehrten Petrus Canisius zu erkennen. Den Eingang zur Kapelle flankieren die hl. Florian und Bonifatius.
In der Kuppel thront auf Wolken die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben, Engel in Levitengewändern präsentieren ihr Stab und Mitra sowie eine Königskrone, Zeichen der geistlichen und weltlichen Herrschaft. Damit findet sich in Rom die umfangreichste Darstellung der bayerischen Patrone, wobei Bayern im Umfang des Königreichs einschließlich Frankens, der Pfalz und Schwabens, verstanden wird. Zusätzlich halten die Heiligen aus dem Raum des späteren Österreich die Erinnerung an das frühmittelalterliche Stammesherzogtum wach.
Eine weitere, wenige Jahrzehnte später entstandene Bayernkapelle gibt es im Heiligen Land. In Jerusalem wurde ab 1900 auf dem von Kaiser Wilhelm II. gestifteten Grund am Berg Zion eine Basilika errichtet, die wie das zugehörige Benediktinerkloster den Namen Dormitio führt, weil nach Jerusalemer Tradition hier die Gottesmutter entschlafen sein soll. Die 1910 konsekrierte Kirche wurde im Beuroner Stil ausgeschmückt. Auf der rechten Seite des Zentralraums befindet sich die Bayernkapelle, in deren Apsismosaik die Gottesmutter mit dem Jesusknaben auf einem mit weiß-blauen Rauten geschmückten Sessel thront. Von der linken Seite nähern sich ihr die Diözesanpatrone von München-Freising Korbinian, Passau Valentin, Augsburg Ulrich und Regensburg Wolfgang, rechts kniet der von Eichstätt Willibald, gefolgt von den anderen fränkischen Heiligen Kilian für Würzburg und Kaiser Heinrich II. für Bamberg, Speyer fehlt. Während Mittelalter und frühe Neuzeit eine viel größere Breite an Heiligentypen aufwiesen, finden wir hier eine Konzentration auf Diözesanbischöfe.
Maria als Patrona Bavariae
Im Zentrum des in Rom umgesetzten Programms wie in Jerusalem thront die Jungfrau Maria als Patrona Bavariae. Gläubige aller Zeiten haben die Gottesmutter mit unterschiedlichen Namen und Titeln geehrt, variierende Eigenschaften betont und ihr gehuldigt. In Bayern kulminierten ältere Verehrungsformen unter Kurfürst Maximilian I., der zunächst seine Residenz, dann seine Hauptstadt und das ganze Land unter den Schutz der Patrona Baioariae stellte. Dieser altertümliche Titel hatte auch politische Implikationen, bezog er doch das ganze frühmittelalterliche Herzogtum mit ein. 1638 ließ er auf dem Münchner Schrannenplatz nach römischem Vorbild die Mariensäule aufrichten.
Die offizielle Bestätigung des Titels Patrona Bavariae und die Einführung eines eigenen Festes erwirkten aber erst König Ludwig III. gemeinsam mit seiner Gemahlin Königin Marie Therese von Papst Benedikt XV. am 16. April 1916. Der populäre Festtag wanderte mehrfach, im Jahr 1970 wurde er auf den 1. Mai verlegt. In das Festoffizium wurde das Distichon, das zeitweilig am Sockel der Mariensäule stand, aufgenommen, das die Patronage Mariens über Bayern zum Ausdruck bringt – in der Übersetzung von Benno Hubensteiner: Jungfrau Maria, erhalte Deinen Bayern das Sach und den Herrn, die Ordnung, das Land und den Glauben – Rem, regem, regimen, regionem, religionem, / Conserva Bavaris, Virgo Maria, tuis.
Bericht: Prof. Dr. Dieter Weiß / Fotos: Fritz Lutzenberger, Bayernbund – Weiß-Blaue Rundschau
Prof. Dr. Dieter Weiß ist Historiker und Inhaber des Lehrstuhls für Bayerische Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte mit besonderer Berücksichtigung des Mittelalters an der LMU München sowie langjähriges Mitglied des Landesvorstandes des Bayernbunds und Autor der Weiß-Blauen Rundschau. Seine Beiträge vereinen fundierte Forschung, klare Sprache und einen wachen Blick für bayerische Geschichte.








