Ein neues Zuhause für junge Menschen mit schweren Startbedingungen – Die Katholische Jugendfürsorge weiht in Marquartstein ein modernes pädagogisches Zentrum für Kinder und Jugendliche ein.
Wenn ein neues Zuhause mehr ist als nur ein Dach über dem Kopf, dann geht es um Zukunft. Um Kinder und Jugendliche, die in ihrem jungen Leben bereits schwere Erfahrungen gemacht haben – und um die Frage, wie sie den Weg ins Erwachsenenleben schaffen können, ohne auf der Strecke zu bleiben. Genau hier setzt das neue pädagogische Angebot der Katholische Jugendfürsorge (KJF) an.
Bei der Einweihung der neuen heilpädagogischen Wohngruppenplätze im ehemaligen Seniorenheim „Leopold“ stand eines im Mittelpunkt: die Verantwortung für junge Menschen, die fachkundige Begleitung brauchen. „Pädagogische Arbeit ist nötig, um Kindern und Jugendlichen echte Perspektiven zu eröffnen“, betonte Vorständin Barbara Igl in ihrer Begrüßung. Diese Verantwortung wolle die KJF ganz bewusst übernehmen. Ein besonderer Dank galt Christoph Cramme, der das Projekt von Beginn an begleitet hat. Er schilderte den langen Weg von der ersten Idee bis zur Fertigstellung der neuen Wohngruppen – ein Prozess, der Geduld, Ausdauer und viele Entscheidungen erforderte.
Doch die eindrücklichsten Worte kamen von einer Jugendlichen selbst. Hatidza kennt sowohl das frühere Zuhause im Schloss Niedernfels als auch die neuen Räumlichkeiten. Offen erzählte sie, wie das Leben früher im Schloss aussah und wie gut es sich heute im neuen Zuhause wohnt. Im Namen aller Kinder und Jugendlichen bedankte sie sich für einen Ort, an dem sie sich sicher und angenommen fühlen können.
Ein Schloss soll verkauft werden
Christoph Cramme arbeitet seit rund zehn Jahren in der Einrichtung – damals noch im Pädagogischen Zentrum Schloss Niedernfels, zunächst als Bereichsleiter der stationären Jugendhilfe. Eine der Wohngruppen, der „Zauberdrachen“, war unter dem Dach untergebracht – mit echtem Harry-Potter-Charme. Als Cramme später die Gesamtleitung übernahm, legte ihm der damalige Vorstand nahe, das Schloss zu verkaufen und für die Wohngruppen ein neues Domizil zu suchen. Eine Aufgabe, die zunächst kaum lösbar schien – schließlich verkauft man nicht alle Tage ein Schloss. Doch manchmal gibt es diese kleinen Wunder: Eines Tages klingelte das Telefon. Ein Herr Christian Schwarz meldete sich und sagte, er habe gehört, hier sei ein Schloss zu verkaufen.
Es folgte ein langer Weg voller Entscheidungen. Neubaupläne wurden entworfen, wieder verworfen, ein Strategiewechsel vollzogen. Der Landkreis Traunstein sowie die Gemeinde wurden frühzeitig eingebunden. Bürgermeister Andreas Scheck und der Gemeinderat begleiteten den Prozess, ebenso wie zahlreiche Partner aus dem regionalen Netzwerk. Nach vielen Monaten intensiver Beratungen kristallisierte sich schließlich ein neuer Standort heraus: Aus dem ehemaligen Seniorenheim „Leopold“ wurde ein modernes pädagogisches Zentrum für drei Wohngruppen mit jeweils acht bis neun Plätzen. Die Jugendlichen können zwischen Einzel- oder Doppelzimmern mit eigenem Bad wählen. Helle, großzügige Gemeinschaftsräume mit voll ausgestatteten Küchen prägen das Bild, die Zimmer sind komfortabel und gemütlich gestaltet.
Die Innenausstattung übernahm ein regionales Unternehmen aus Bernau. Ein besonderer Dank von Christoph Cramme ging an den Mitarbeiter Maximilian Dörner, der ihn und seine Partner beim Bemusterungstermin geduldig durch gefühlt 500 Farben und Oberflächen führte.
Grußworte der Gäste
Bei der Einweihung richteten Landrat Andreas Danzer und Bürgermeister Andreas Scheck ihre Grußworte an die Gäste. Danzer würdigte die wertvolle Arbeit der Katholische Jugendfürsorge und betonte die gute, verlässliche Partnerschaft aus Sicht des Landkreises – insbesondere mit den Mitarbeitern, die ihre Arbeit mit viel Herzblut leisten. Sein Dank galt auch der Gemeinde für ihre Offenheit gegenüber der Einrichtung. Bürgermeister Scheck zeigte sich erleichtert, dass nach zum Teil kontrovers diskutierten Entscheidungen – etwa zum Verkauf von Schloss Niedernfels und dessen neuer Nutzung – ein gutes Ergebnis erzielt worden sei. Es gebe keinen Leerstand im ehemaligen Seniorenheim, und von der gelungenen Sanierung profitierten nicht nur Marquartstein, sondern die gesamte Region.
Johann Sickinger vom Jugendamt Traunstein sprach von einer konstruktiven Zusammenarbeit aller Beteiligten. Das Ergebnis sei, dass die Kinder und Jugendlichen in Marquartstein bleiben können und hier ein verlässliches Zuhause auf Zeit finden. Auch die Finanzierung des Projekts kam zur Sprache. Christoph Cramme machte deutlich, dass weder das Pädagogische Zentrum Achental noch die KJF ein Vorhaben dieser Größenordnung allein hätten stemmen können. Möglich wurde es durch die Unterstützung von Stiftungen wie Sternstunden e.V., vertreten durch Natali Schmid, sowie der St. Antonius Stiftung, vertreten durch Alois Obermaier.
Natali Schmid bedankte sich für die offene Darstellung des langen Weges und betonte, wie wichtig ein verantwortungsvoller Einsatz der Spendengelder sei. Hier sei das Vertrauen der Spender gut aufgehoben. Alois Obermaier ergänzte, dass die Spende von 200.000 Euro ihren wahren Wert erst durch die Menschen entfalte, die damit arbeiten, leben und begleitet werden. Zum Abschluss führten die Gruppenleiterinnen die Gäste durch die neuen Räumlichkeiten – und machten damit sichtbar, was aus einer Idee, viel Ausdauer und gemeinsamer Verantwortung entstehen kann: ein Ort, an dem junge Menschen Halt finden und Zukunft wachsen darf.
Text und Fotos: Sybilla Wunderlich
Bild 1744 Hatidza
Bild 1748 + 1754 Christoph Cramme
Bild 1765 + 1769 der Gemeinschaftsraum der Gruppe Edelweiß









