Nach Rom auf Schusters Rappen – „Pilgern nach Rom – Geh mit Gott, aber geh!“ – Ein Zeitfenster von sechs Wochen hatte sich Wolfgang Schlemer (62) aus Breitbrunn am Chiemsee zu Beginn seiner Expedition gesetzt – maximal aber 60 Tage. Sein Projekt: Auf Schusters Rappen nach Rom, Distanz knapp 1000 Kilometer. Aber von vorne.
Die Initialzündung zu dem Vorhaben schlummert in Schlemer bereits seit seinem 14. Lebensjahr. Damals las er die Geschichte vom „Herr der Ringe“, in der Hobbit Frodo Beutlin nach Mordor wandert. Diese Faszination und der Wunsch, einmal gewisse Zeit weg von Zuhause zu sein, ploppte sporadisch auf. Da sich aus diversen Gründen, wie Familie und Arbeit, nie die Möglichkeit für dieses Vorhaben ergab, wählte er mit Perspektive auf seine Pension das Jahr 2025 für sich aus.
Im Gespräch mit den Samerberger Nachrichten erklärte der Wanderer, dass ihn die „Langsamkeit des Gehens“ und die daraus resultierende bessere Wahrnehmung der Umgebung bei seinem Vorhaben faszinieren. Auf die Frage nach seiner christlichen Motivation definierte Schlemer: „Gott ist da, wo Du auch bist. Man spricht täglich mit ihm. Somit entsteht eine Kombination aus Pilgern und Reisen“.
Da der letzte Arbeitstag bekannt war, ergab sich der Startzeitpunkt für die Wanderung automatisch. Als Weg hatte der Pensionist die direkte Route nach Süden – aber nicht über den Brenner – mit Ziel „Rom“ auserkoren. Trotzdem sollten es noch genügend Höhenmeter werden, nämlich stattliche 17.000. Für die gesamte Wegstrecke hatte sich der Familienvater ein Tagespensum von 25 Kilometern gesetzt und fünf Ruhetage eingeplant. Für die Bewältigung der Wegstrecke hatte der Spaziergänger im Vorfeld unzählige Fußmärsche in alle Himmelsrichtungen absolviert, um sein Schuhwerk geschmeidig zu machen. Auf die Frage, ob er denn einen „Plan B“ hatte, falls ihn die Wanderlust verlässt, nickte der Abenteurer wohlwollend. Sein Endziel würde er in letzter Instanz mit dem Zug ansteuern – riskieren wollte er auf keinen Fall etwas, als persönliche Blamage sah er einen Abbruch der Reise nicht.
Aber tatsächlich hatte er am Tag 23 sein persönliches Tief. Da hatte er sich mit seiner Familie zur einer „Auszeit“ in Ravenna getroffen. Nach einem gemeinsamen Badetag an der Adria schlich sich da kurzzeitig eine gewisse Lustlosigkeit ein, die ihn aber trotz Alledem nicht zum Aufhören bewegen konnte. Noch 350 Kilometer zum Ziel, aber kapitulieren war für den Pensionisten überhaupt keine Option – nicht wenn man schon so weit gekommen ist. Wichtig für eine Unternehmung dieser Art sei auf alle Fälle, sich mit einem entsprechend strukturierten Ablauf zu disziplinieren, Tagesziele zu setzen, aber auch je Lust oder Unlust mit mal mehr oder weniger Gehstrecke zu kompensieren, erklärt Schlemer seine Vorgehensweise. Es konnte schon auch mal passieren, dass auf der Tagesdistanz ewig keine Unterkunft zu finden war und somit aus den ansonsten üblichen 25 Kilometer schon gleich mal zehn mehr wurden.
Gewandert wurde in der Regel von Sonnenaufgang bis -untergang. Morgens gab es nach den ersten fünf Kilometer ein ordentliches Frühstück, ehe es ohne Pause an den Löwenanteil der Strecke ging, was in der Regel 15 Kilometer waren. Nach der angestrebten Mittagspause standen noch zwischen fünf und zehn Kilometer Restdistanz auf dem Programm, ehe das Nachtlager anvisiert wurde. Genächtigt habe er im Rhythmus „einmal im Bett und dreimal unter freiem Himmel“, was bedeutet, ohne Zelt oder Ähnliches, nur auf einer spartanischen Iso-Matte, erinnert sich der Abenteurer. Fürs Zimmer fragte er in den örtlichen Touri-Infos an oder buchte auch schon mal über ein gängiges Online-Portal. Das wohl proportionierte Gepäck war ein Rücksack mit um die zwölf Kilogramm, in dem etwas Kleidung, Ersatzschuhe, Schlafsack sowie Nahrung seinen Platz finden mussten. Zur eigenen Körperpflege – aber auch zum Waschen der Wäsche – schwörte der Wandersmann auf eine handelsübliche Kernseife, die schon seine Großmutter verwendete.
Ein gepflegtes Erscheinungsbild war ihm sehr wichtig und Voraussetzung, um mit eventuellen Weggefährten überhaupt erst ins Gespräch kommen zu können. Dadurch wurde er stets wohlwollend behandelt und es ergaben sich immer wieder angenehme Erlebnisse. So erhielt er von einer Bäuerin im Gattertal fast eine Rundum-Versorgung. Zuerst wurde der „Wandersbursch“ von der Gastgeberin zum Kaffee mit Apfelstrudel eingeladen. Im Verlauf des Besuchs bot sie ihm die Möglichkeit zur Übernachtung an, wozu noch ein Abendessen und Frühstück zählte. Ganz wie bei „Muttern Dahoam“, schwelgt der Wanderer noch jetzt.
Die Behältnisse für das überaus wichtige Wasser zum Trinken konnte sich Schlemer aus den Weg begleitenden Bächen oder öffentlichen Wasserhähnen in den Ortschaften zapfen. Es gab auch unangenehme Begleiterscheinungen, wie eine penetrante Nervenzündung, die sich schleichend nach der halben Wegstrecke auf Höhe von Venedig einstellte. Betroffen war da die linke Schulter, was das Tragen des Rucksacks ziemlich erschwerte. Da war guter Rat teuer, letztlich verschaffte eine selbst gebastelte Schiene Abhilfe und die Entzündung egalisierte sich sukzessive. Irgendwann stand ein blitzblauer kleiner Zeh zur Behandlung an, den er sich scheinbar irgendwo gebrochen hatte, sinniert der Fussgänger. Beim zu strengen bandagieren wäre die Gliedmaße fast schwarz geworden, aber nach ein paar Tagen war das auch wieder vorbei, schmunzelt der Erzähler. Und eine „Dauerbaustelle“ war natürlich seine Achillessehne, die sich immer erst nach einer gewissen Strecke des Eingehens wieder beruhigte.
Mit dem Wetter hatte Schlemer während seiner Wanderschaft fast immer Glück, meist waren es tagsüber 25 Grad, Nachts hat er ab und an mal gefroren und einmal hat es sogar geregnet. VorVerletzungen blieb er im Großen und Ganzen auch verschont. Da er sich die Wege vom Internet rausgesucht hat, konnte es schon mal sein, dass ein vermerkter Steig gar nicht mehr vorhanden war und so manche Strecke somit abenteuerlich wurde. Da landete man schon mal im Dornengestrüpp oder rutsche vom vorgegebenen Weg ab, erinnert sich Schlemer. Bei einer unvorhergesehenen Aktion hat er sogar seine für ihn so wichtige Schulterschiene verloren. Auf 2600 Höhenmeter versuchte er ein andermal bei strömenden Regen Schutz zu finden. Ein Wanderer, der schon vor ihm angekommen war, hatte sich ebenfalls in der Hütte verschanzt und sorgsam von innen verschlossen. Man konnte sich verständigen und so fand auch er Unterschlupf. Zudem brauchte er auch schon dringend Ladestrom für das unverzichtbare Mobiltelefon. Schließlich landete der Abenteurer wohlbehalten am 42. Tag an seinem Zielort, dem Petersplatz in Rom. Glücklich und zufrieden resümierte Schlemer für sich: Es war eine tolle Erfahrung, aber nochmal wird er sich diese Expedition in der Form wahrscheinlich nicht mehr antun!
Wer noch detaillierter über seine Unternehmung erfahren möchte, empfiehlt Wolfgang Schlemer am Freitag, 23. Januar um 20 Uhr seinen Vortrag „Pilgern nach Rom – Geh mit Gott, aber geh!“ in der Breitbrunner Chiemseehalle.
Bericht/Fotos: Tschali Wastl / Privat – Die Fotos zeigen den Breitbrunner Wolfgang Schlemer beim Start seiner Pilgerreise “Dahoam” in Breitbrunn (rechts) und der Ankunft sichtlich zufrieden im knapp 1000 Kilometer entfernten italienischen Rom am Petersplatz (links).
Einige Etappen der Wanderschaft:
Kirchdorf in Tirol (2. Tag)
Pass Thurn (4. Tag)
Krimmeler Tauern (6. Tag)
Brunneck (8. Ta.g)
Grödner Joch (10. Tag)
Passo Valparola (11. Tag)
Belluneser Dolomiten (12.Tag)
Treviso (16. Tag)
Venedig (17. Tag)
Bosco Mesola (21. Tag)
Provinz Ravenna (25. Tag)
Mercator Saraceno (26. Tag)
Lago di Montedoglia (29. Tag)
Citta de Castello (32. Tag)
Cerqueto (35. Tag)
Prima Porta Rom (42. Tag)






