Leitartikel

„Dornröschen“ im Salzburger Landestheater

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Nach zwei Jahren wurde Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Meisterwerk „Dornröschen“ im Salzburger Landestheater, nun mit neuer Besetzung, wieder aufgenommen. Die ausverkaufte Premiere, auch von vielen Kindern und Jugendlichen besucht, setzt den Erfolgskurs fort und hinterlässt begeisterte, aber auch nachdenkliche Besucher.

Das Märchen-Ballett von der schlafenden Königstochter stammt nicht, wie häufig angenommen, von den Gebrüdern Grimm. Die ursprüngliche Fassung geht auf den französischen Dichter Charles Perrault (1628-1703) zurück. Dessen Kunstmärchen „Die schlafende Schöne im Wald“ („La belle au bois dormant“) interpretiert Ballettdirektor Reginaldo Oliveira neu, mit viel Witz, Humor, Ideenvielfalt und künstlerisch-tänzerischer Präzision. Dabei interessieren Oliveira, neben der zauberhaften Ballettmusik und den typischen Märchenmotiven, auch die archaischen Fragen nach Gut und Böse, nach Zurückweisung und daraus folgender Rache, die dieses Märchen aufwirft.

Die sehnlichst erwartete Prinzessin Aurora („Morgenröte“) ist gerade zur Welt gekommen, und der Königspalast ist in heller Aufregung. Die fünf Feen (wunderbar komisch und gelenkig: Annachiara Corti, Elsa Le Breton, Chigusa Fujiyoshi, Gala Lara, und Anna Yanchuk) organisieren ein Fest, zu Ehren der kleinen Prinzessin.Doch dann erscheint die unheimliche Fee Carabosse (Valbona Bushkola) mit ihren Begleitern (Lucas Leonardo, Samuel Pellegrin). Sie hat die Gabe, zwischen Zeiten und Welten zu reisen, was den anderen Feen Angst einflößt. Auch das Publikum ist hingerissen von der Ausstrahlung dieser Fee und weiß nicht genau, ob man sie gut oder böse finden sollte. Valbona Bushkola besticht mit ihrer Ausstrahlung und Präsenz, mit Kraft, Strenge und absoluter Beherrschung ihres Körpers, inklusive Wutschreie, die für eine Tänzerin ungewöhnlich sind. Meisterklasse! Aus Wut darüber, nicht zur Feier eingeladen worden zu sein, verflucht Carabosse die junge Aurora (dargestellt von Michelle Berger, Theresa Eiser und Paulina Korobko, von der SIBA-Ballettschule) zu ewigem Schlaf. Und so wird aus Aurora an ihrem 16. Geburtstag das schlafende Dornröschen, das nach 100 Jahren Schlaf von einem mutigen Prinzen erlöst werden muss.

Dieser heißt Désiré (Sehnsucht), kraftvoll verkörpert von Ben van Beelen, und als er die erwachsene Aurora (grazil: Mikino Karube) entdeckt, verliebt er sich sofort in sie. Das Pas de deux im 2. Akt ist ein essentieller Moment, der durch die Figuren tief berührt.Mit einem langen Kuss weckt der Prinz nicht nur die Prinzessin, sondern öffnet seinen eigenen Horizont über die von Technik geprägte Realität seines Lebens, in der die Menschen nur nach Dingen jagen und ihre Blicke nicht vom Display ihrer Smartphones und Laptops heben können.Damit schafft Chefchoreograf Oliveira einen direkten Bezug zum Jahresthema des Salzburger Landestheaters: „Mensch vs. Maschine“, und man fragt sich dabei immer wieder, wie viel Maschine der Mensch braucht (und umgekehrt).Dieses Dilemma wird in der Inszenierung genial und plastisch dargestellt, auch durch das Corps de Ballett als „Wesen der Zukunft“ (Annachiara Corti, Elsa Le Breton, Chigusa Fujiyoshi, Gala Lara, Anna Yanchuk, Oliver Hoddinott, Lucas Leonardo, Samuel Pellegrin, Cassiano Rodrigues, Matteo Rondinelli, Quinn Roy). Immer wieder stellt sich die Frage nach Vergangenheit und Zukunft. Die Einzige, die zwischen den Welten wandert, ist die Fee Carabosse, als zentrale Figur.

Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. Dirigent Tobias Meichsner führt das Mozarteumorchester souverän über die Klippen der romantisch-modernen Musik Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840–1893). Die Musiker zeigten ihre hohe Qualität auch in den Solo-Passagen (Violine, Cello und Harfe).

Reginaldo Oliveira verbindet klassischen Spitzentanz mit modernen, ausdrucksstarken Bewegungen und schafft mit den farbenfrohen Kostümen von Matthias Kronfuss und dem Bühnenbild von Judith Adam einen Rahmen, der Träumen lässt, aber auch die Realität in dunklen Tönen vor Augen hält. Ungewöhnlich ist, wie das Märchen endet. Der offene Schluss hinterlässt Fragen, die zum Nachdenken anregen.

Weitere Vorstellungen sind 25.1., 21.2. und 8.3.26, bevor diese Produktion nach Palermo ins Teatro Massimo weiterzieht.

Text: Daniella Rieger-Böhm  /  Fotos: Salzburger Landestheater

1) Ben van Beelen und Mikino Karube bei ihrem ersten Zusammentreffen (© SLT / Tobias Witzgall)

2) Die Feen Annachiara Corti, Elsa Le Breton, Gala Lara, Anna Yanchuk, Chigusa Fujiyoshi (©SLT – Tobias Witzgall)

3) Valbona Bushkola als Carabosse kommt ungebeten zur Feier und bestraft Aurora mit einem ewigen Schlaf (©SLT – Tobias Witzgall)

4) Ben van Beelen als Désiré (©SLT – Tobias Witzgall)

5) Ben van Beelen und Mikino Karube im eindrucksvollen Pas de deux (©SLT – Tobias Witzgall)


Redaktion

Toni Hötzelsperger

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