Kultur

Buchtipp: Nelio Biedermann, Lázár

Veröffentlicht von Günther Freund

Lebensgeschichte einer ungarischen Adelsfamilie von den letzten Jahren des Habsburgerreichs bis zur Flucht in die Schweiz 1956. Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2025.

Zu Beginn des 20. Jh. kommt Lajos als Sohn des Barons Sándor Lázár im Waldschloss im südlichen Ungarn zur Welt, wo er seine Kindheit und Jugend verbringt. Seine Jugend fällt in die letzten Jahre des Habsburgerreichs, dessen Zusammenbruch das Ende einer ganzen Epoche markiert. Mit dem Zerfall der Monarchie verliert die Aristokratie ihre einstige Macht und Bedeutung. Auch das Leben der Familie Lázár verändert sich grundlegend. Lajos’ Mutter, die schöne Mária, ebenso wie der geistig erkrankende Onkel Imre, müssen lernen, auf viele überkommene Traditionen zu verzichten. Als Lajos in den 20er Jahren das Erbe seines Vaters antritt, scheint der Glanz der alten Zeit noch einmal aufzuleben. Doch schon bald werden seine Kinder Éva und Pista (ein sensibler Junge, der in seiner Kindheit mit Schatten spricht) von den Härten des totalitären Regimes erfasst. Holocaust, die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, und die Willkür der kommunistischen Herrschaft der Nachkriegszeit prägen ihre Biografien nachhaltig und mit der Flucht in die Schweiz 1956 findet die Familiengeschichte ein vorläufiges Ende. –

Mit seinem zweiten Roman legt der 22-jährige Autor, in der Schweiz aufgewachsen und aus einer ungarischen Adelsfamilie stammend, ein breit angelegtes Familienepos vor. Das Schicksal der Familie Lázár ist eng mit den politischen Umbrüchen des 20. Jh. verknüpft. Biedermann erzählt in klarer, konventioneller Sprache, eingängig und zugleich bildhaft; die Grenzen zwischen Fiktion und historischem Bericht verschwimmen. Neben den politischen Umbrüchen mit politischem Terror und Diktatur sowie dem gesellschaftlichen Wandel stehen die persönlichen Schicksale im Mittelpunkt: der Einfluss von Macht und Tradition, Sexualität und Leidenschaft, aber auch Menschlichkeit, Toleranz und Hoffnung. Ein intensives, berührendes Panorama einer untergehenden Gesellschaftsschicht, das geschichtsbewusste Leserinnen und Leser ebenso anspricht wie alle, die Freude an der Darstellung persönlicher Entwicklungen haben.

Buchprofile-Rezension von Günther Freund

Nelio Biedermann, Lázár, Roman, Rowohlt, 2025,  336 S., 24,00 €

ISBN/EAN: 9783737102261

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Redaktion

Günther Freund

1944 in Bad Reichenhall geboren, Abitur in Bad Reichenhall, nach dem Studium der Geodäsie in München 3 Jahre Referendarzeit in der Vermessungs- und Flurbereinigungsverwaltung mit Staatsexamen, 12 Jahre Amtsleiterstellverteter am Vermessungsamt Freyung, 3 Jahre Amtsleiter am Vermessungsamt Zwiesel und 23 Jahre Amtsleiter am Vermessungsamt Freyung (nach Verwaltungsreform mit Vermessungsamt Zwiesel als Aussenstelle). Seit 2009 im Ruhestand, seitdem in Prien am Chiemsee wohnhaft.

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