Gesundheit

Bürger für Schleching zur Versorgungslage

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Wie groß die Sorge um die Zukunft des Dorfes ist, zeigte sich am Mittwoch (12.11.) in Schleching deutlich. Mehr als 160 Bürgerinnen und Bürger sind der Einladung der kürzlich gegründeten Wählervereinigung „Bürger für Schleching“ gefolgt und füllten den Pfarrsaal bis auf den letzten Platz, um sich über zentrale Fragen der Gemeinde zu informieren – insbesondere über die langfristige Sicherstellung der medizinischen Versorgung, sowie über tragfähige Konzepte für den Dorfladen als wesentlichen Bestandteil der Nahversorgung und als sozialen Treffpunkt.

Martina Hammerl-Tiefenböck, Gemeinderätin und Vorsitzende der Wählergruppe „Bürger für Schleching“ sowie Mitinitiatorin des Abends, machte deutlich, dass ein Dorf neben Schule, Kindergarten und Kirche auch verlässliche Nahversorger braucht – wie die beiden Läden in Ettenhausen und Schleching und die verschiedenen Hofläden.
Andreas Nohl, Allgemeinmediziner und Hausarzt in Schleching, konnte zu Anfang seiner Ausführungen den Schlechingern aktuell die Angst nehmen: „Nein – er habe zwar das Rentenalter bereits erreicht, denke aber gegenwärtig nicht ans Aufhören. Dennoch werde auch für ihn der Tag kommen, an dem er seine Praxis übergeben werden müssen. Dem Landkreis Traunstein attestierte Andreas Nohl im Vergleich zum Durchschnitt im Freistaat derzeit einen guten und ausreichenden Versorgungsgrad mit Hausärzten. Doch seien gegenwärtig 34 Prozent der rund 140 Landärzte im Landkreis 60 Jahre oder älter und viele Landärzte stünden vor der Pensionierung. „Um die 50 Hausärzte in unserem Landkreis suchen für die nächsten Jahre einen Nachfolger für ihre Praxis. Und es ist nicht zu übersehen oder gar zu beschönigen: Wir haben bei uns einen eklatanten Mangel an jungen Ärzten und im Vergleich zu anderen Regionen offensichtlich Schwierigkeiten, jüngere Mediziner für unseren Landkreis zu begeistern. Zudem lässt sich eine für viele Mediziner angestrebte „Work-Life-Balance“ angesichts der hohen Belastung mit Arbeitszeiten von zwölf Stunden pro Tag mit Nacht- und Notdiensten auf dem Land nur schwerlich umsetzen“, so Andreas Nohl.

Die Dorfgemeinschaft ist gefragt
Ein Dorf müsse jedoch nicht tatenlos dabei zusehen, dass die medizinischen Säulen durch Ruhestand oder Krankheit ausfallen und es zu einer schmerzlichen Versorgungslücke komme. Der Schlechinger Hausarzt: „Eine Dorfgemeinschaft kann durchaus selbst Anreizsysteme schaffen, um eine ärztliche Nachfolge zu unterstützen. Sie kann beispielsweise Praxisräume zur Verfügung stellen, Zuschüsse für die Miete und Ausstattung einer Praxis gewähren oder Prämien ausloben. Es gibt Beispiele dafür, dass Gemeinden Stipendien für Medizinstudenten gewähren, wenn diese sich im Gegenzug verpflichten, nach ihrem Studienabschluss im Dorf zu praktizieren. Andere Dörfer stellen Ärzten und ihren Familien Baugrund zur Verfügung, um sie langfristig ans Dorf zu binden“, fügte Andreas Nohl hinzu. An die Adresse der Gemeinde gerichtet sagte Andreas Nohl: „Aufgaben wie die Verbesserung der Infrastruktur, um die Nutzung digitaler Technologien zu ermöglichen, sind ebenso notwendig wie der Ausbau der Verkehrsanbindungen, um die Attraktivität des Dorfes zu steigern. Besonders wichtig sei bei der Findung eines Arztes, die Bevölkerung einzubinden,“ so Andreas Nohl. „Die Bürger sollten nach ihren Wünschen und Bedürfnissen befragt werden. Eine enge Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde, den Bürgern und den Ärzten sowie den Gesundheitsakteuren ist entscheidend, um für unser Dorf eine nachhaltige Lösung zu finden.“

Ähnlich bewertet Dr. Florian Detsch die Situation der medizinischen Nahversorgung in Schleching. Auch er habe zwar gegenwärtig noch nicht die Absicht, sich auf die Suche nach einem Nachfolger für seine zahnärztliche Praxis im Dorf zu machen. Dennoch werde er sich auch in den kommenden Jahren mit der Frage befassen müssen, wie sich seine Zahnarztpraxis angesichts der auch von seinem Kollegen Andreas Nohl skizzierten unübersehbaren Herausforderungen auch in Zukunft fortführen lasse.
Dorfladen 2.0: mit neuen Modellen in die Zukunft

Dass sich Mut zum Risiko auszahlen kann, zeigt das Beispiel der Tiroler Nachbargemeinde Schwendt. Jürgen Kendlinger, Bürgermeister der 940-Seelen-Gemeinde, stellte auf der Versammlung das Konzept des dortigen Dorfladens vor. Nachdem der Laden von den ursprünglichen Betreibern aufgegeben wurde, überzeugte der Bürgermeister seinen Gemeinderat, völlig neue Wege zu gehen, um die Nahversorgung auch weiterhin sicherzustellen. Der Laden wurde mit Überwachungskameras und einem besonderen Kassensystem ausgestattet, so dass er den Kunden nunmehr an sieben Tagen die Woche von morgens um 06.30 Uhr bis abends um 22.00 Uhr zur Verfügung steht. Werktags werden die Kunden vormittags persönlich bedient, ab Mittag und in den Abendstunden sowie am Wochenende ist der Dorfladen individuell mit der persönlichen Bankkarte zu betreten; in dieser Zeit kann der Kunde ausschließlich mit der Bankkarte bezahlen. Bürgermeister Jürgen Kendlinger sieht sich nach über einem Jahr bestätigt: „Unsere Bürger wissen es zu schätzen – das neue System funktioniert ohne einen auffälligen „Schwund“. Und mit der Möglichkeit, bei uns noch spät am Abend und insbesondere an den Wochenenden in aller Ruhe vor der Tür einkaufen zu können, haben wir einen Nerv getroffen“.

Christine Zaiser, Beirätin im Dorfladen Schleching, erläuterte, dass steigende Energiepreise und regelmäßige Mindestlohnerhöhungen dazu führen, sich mit neuen Modellen für die Zukunft des Dorfladens auseinandersetzen zu müssen. Gleichzeitig bleibe es eine dauerhafte Herausforderung, ausreichend Personal zu finden. Trotz dieser Rahmenbedingungen sei es Ziel, weiterhin Öffnungszeiten mit persönlicher Bedienung anzubieten, um den Dorfladen als sozialen Treffpunkt zu erhalten. Ergänzend solle ein attraktives Einkaufsangebot für Einheimische und Gäste durch die erweiterten Öffnungszeiten mit Selbstbedienung geschaffen werden. „Für diese Weiterentwicklung seien sowohl finanzielle Mittel als auch die kontinuierliche Unterstützung der Bevölkerung durch Einkäufe vor Ort notwendig,“ betonte Zaiser.

Thomas Müllinger, der den Informationsabend moderierte, zog das Fazit, dass das große Interesse an medizinischer Nahversorgung und einem funktionierenden Dorfladen deutlich zeige, wie lebendig das Dorf sei. Zugleich machte er klar, dass es gemeinsames Engagement brauche, um eine gute Versorgung auch künftig sicherzustellen.

Bericht und Foto: Martina Hammerl-Tiefenböck, 1. Vorsitzende Bürger fü Schleching   – Allgemeinarzt Andreas Nohl und Martina Hammerl-Tiefenböck

 


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Toni Hötzelsperger

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