Rio im Inntal, Glitzer auf dem Parkett und eine Bühne als Zeitmaschine: Zum 125-jährigen Jubiläum holte die Faschingsgesellschaft Neubeuern nicht nur das aktuelle Prinzenpaar ins Rampenlicht, sondern auch die Stars vergangener Jahre – mit Originaltänzen, Originalbesetzungen und Momenten, die man nicht proben kann: Gänsehaut, Stolz und echtes Miteinander.

Ein Gruppenbild, das schwer zu toppen ist: Da wurde es noch einmal stiller – nicht, weil die Musik aufhört, sondern weil der Moment Gewicht bekommt: Prinzenpaare von Jahrzehnten versammeln sich für ein Gruppenfoto. 50 Jahre auf einer Bühne, in einem Bild. Da merkt man erst, was 125 Jahre bedeuten: nicht nur eine Zahl, sondern Generationen von Menschen, die Zeit investieren, sich lächerlich machen dürfen, schön sein wollen, proben, scheitern, wiederholen, auftreten – und irgendwann später mit einem Lächeln zurückkommen, um noch einmal Teil davon zu sein. Dieser Jubiläumsball hat die Erwartungen nicht „übertroffen“, weil er größer war als sonst. Sondern weil er gezeigt hat, was Neubeuern im Kern kann: ein Dorf so zu mobilisieren, dass daraus ein Abend wird, der wie ein Rausch wirkt – und trotzdem präzise gebaut ist.

Es beginnt nicht mit einem Satz, sondern mit einem Geräusch: dem ersten Aufschlag der Musik, dem Klatschen, dem Aufatmen im Saal. Die Beurer Halle ist voll, warm, erwartungsvoll – und sie sieht an diesem Abend nicht aus wie Oberbayern, sondern wie ein Karnevals-Set aus Rio. Felsen, Wasserfall-Licht, Dschungelgrün. Und über allem: eine weiße Figur als „Cristo Redentor“-Statue, bewusst als Dekoration gesetzt – wie ein stiller Wächter über der fünften Jahreszeit.

125 Jahre Faschingsgesellschaft Neubeuern: Ein Jubiläumsball wie ein Rausch aus Erinnerung, Musik und Mut

Was dann folgt, ist kein gewöhnlicher Ball. Es ist eine Inszenierung über das, was einen Ort zusammenhält: Tradition, die nicht staubt, sondern tanzt. Und eine Idee, die groß klang und noch größer umgesetzt wurde: Prinzenpaare, Garden und Ministerräte vergangener Jahre – mit den Originaltänzen.
Viele hatten vorher gezweifelt. Zu aufwendig, zu riskant, zu viele Mitwirkende. Neubeuern hat an diesem Abend die Zweifel nicht diskutiert – sondern weggetanzt.

Wenn eine Reihe Beine mehr sagt als tausend Worte: Der erste große Gänsehautmoment kommt nicht sentimental daher, sondern präzise: eine geschlossene Reihe Tänzerinnen, eingehakt, perfekt getaktet. Beine fliegen synchron in die Höhe, Stiefel im gleichen Winkel, Lächeln auf den Gesichtern – und im Hintergrund das Publikum, das nicht nur höflich klatscht, sondern richtig mitgeht. Genau solche Bilder erklären, warum Neubeuern im Landkreis als Faschingsadresse gilt: Weil hier Show nicht behauptet wird, sondern gemacht.

Die Halle als Zeitmaschine

Präsident Sebastian „Buddl“ Scherer steht vorne, strahlt, treibt an, hält den Rhythmus. Er begrüßt die Vorgänger und Ex-Präsidenten – und man spürt in seinen Worten: Das ist mehr als Programm. Es ist ein Statement. In seiner Jubiläumsansprache beschreibt er die Faschingsgesellschaft als eine der ältesten der Region, als „Gamsgebirg“, als Fixpunkt weit über den Ort hinaus. Und er sagt im Kern etwas, das an diesem Abend jeder im Raum versteht: Fasching funktioniert nur als Mannschaftssport.

Der Abend hat Höhepunkte. Einer davon fliegt. Manchmal braucht es nur eine halbe Sekunde, um zu wissen: Das erzählt man weiter. Einer dieser Momente ist ein akrobatischer Sprung – ein Tänzer hoch in der Luft, unter ihm die Gruppe, die ihn getragen hat. In der Halle geht ein sichtbares „Oha!“ durchs Publikum. Das ist der Augenblick, in dem Fasching kurz Zirkus wird: riskant, spektakulär, sauber gelandet. Solche Szenen erklären, warum die Versprechen im Vorfeld nicht nur Marketing waren. Wenn ein Verein so etwas auf die Bühne stellt, dann geht das nur, wenn Vertrauen da ist: in die Mitspieler, in die Probenarbeit, in die Organisation – und in den Mut, es trotzdem zu machen.

Denn was hier auf der Fläche passiert, ist nicht „ein paar Nummern“. Es ist ein großer Maschinenraum aus Proben, Nähen, Organisieren, Koordinieren – und dann diese wenigen Minuten auf der Bühne, in denen alles sitzt oder eben nicht. An diesem Abend sitzt es.

Federkrone in Türkis: Rio-Glanz in der Beurer Halle – groß, mutig, unübersehbar.

Eine Nacht, die nach Konfetti riecht

Schon beim Reinkommen ist klar: Das hier ist kein „Ball“ im braven Sinn. Die Halle ist verwandelt – üppiges Grün, Licht wie im Tropenhaus, und hinten über allem die weiß leuchtende Silhouette: eine Cristo-Redentor-Statue als Deko, passend zum brasilianischen Motto der Karnevalvereinigung. Es glitzert, es funkelt, es summt. Über den Tischen: Masken, Pailletten, Federboas. Über den Gesichtern: dieses spezielle Grinsen, das sagt: Heute darf alles ein bisschen mehr sein.

125 Jahre Faschingsgesellschaft Neubeuern: Ein Jubiläumsball wie ein Rausch aus Erinnerung, Musik und Mut

Man hört es, bevor man es richtig sieht: Applaus, ein anrollendes Raunen – und dann die ersten Reihen am Rand, die sich nach vorne beugen wie bei einem Boxkampf. Nur dass hier keine Schläge fallen, sondern Schritte. Der Boden wird zur Bühne, die Bühne zur Kulisse, und das Publikum ist nah genug dran, um jedes Atemholen mitzukriegen.

125 Jahre Faschingsgesellschaft Neubeuern: Ein Jubiläumsball wie ein Rausch aus Erinnerung, Musik und Mut

Kickline, Blickkontakt, Präzision

Dann geht es los – und es geht sofort in die Vollen. Die Garde zieht eine lange Linie über das Parkett, Schulter an Schulter, Hände an Händen, das Timing sitzt. Die Beine schießen hoch, fast wie ein einziger Mechanismus. Wer solche Reihenbilder fotografiert oder live sieht, merkt schnell: Das ist nicht „Tanzen“, das ist Sport.

125 Jahre Faschingsgesellschaft Neubeuern: Ein Jubiläumsball wie ein Rausch aus Erinnerung, Musik und Mut

Jede kleine Unsicherheit würde die ganze Linie kippen. Tut sie nicht. Stattdessen: saubere Kicks, synchrones Aufsetzen, dieser kurze Moment, in dem alle gleichzeitig den Schwerpunkt finden – und das Publikum automatisch mitatmet.


Im Hintergrund blitzt die Kulisse in Blau und Grün, wie ein nächtlicher Wasserfall im Scheinwerferlicht. Und irgendwo zwischen Lichtketten und Deko-Palmen steht diese Christus-Statue – still, fast surreal – als Kontrast zur Energie vorne.

Wenn der Saal kurz still wird

Mitten in diesem Trubel gibt es plötzlich diesen anderen Ton: ein Auftritt, der nicht nur laut ist, sondern groß. Eine junge Frau im glitzernden Kleid dreht sich ein, der Stoff zieht Kreise über dem Boden wie eine Welle. Der Partner führt, aber er drängt nicht – er lässt wirken. Für Sekunden entsteht diese seltene Stille im Saal: Man hört kein Reden, nur Musik, Schritte, das Rascheln des Kleids. Dann ein hoher Kick, ein Moment, der nach Show aussieht, aber nach Übung riecht. Und genau da explodiert wieder der Applaus.


Das Schöne an solchen Szenen: Sie funktionieren ohne Erklärung. Wer zuschaut, versteht instinktiv, was hier drinsteckt. Aufwand, Disziplin, Nerven – und ein bisschen Mut zur großen Geste.

Kostüme, Charaktere, kleine Geschichten am Rand

Während vorn die Programmpunkte wechseln, schreibt der Saal nebenbei seine eigenen Geschichten. Da ist die elegant maskierte Dame im roten Tüll, halb geheimnisvoll, halb verschmitzt – ein Gesicht, das zeigt, warum Fasching auch Verwandlung ist. Da ist das Paar, das sich für ein Foto so eng zusammenzieht, als wäre es gerade erst angekommen – oder seit Jahrzehnten dabei. Da ist der Mann im roten Anzug mit Narrenkappe und einem Brezn-Kranz wie eine Ordenskette: ein Bild, das gleichzeitig Selbstironie und Tradition erzählt.

Und dann diese Szene, die man so schnell nicht vergisst: ein Pirat, erhöht auf einem rollenden Podest – auf einem großen Schwimmreifen – und er hält den Säbel in die Luft, während ringsum Handys hochgehen. Das ist genau diese Mischung aus Klamauk und Inszenierung, die den Abend trägt: Niemand tut so, als wäre das „ernst“. Aber alle nehmen es ernst genug, damit es funktioniert.

Und dann diese Szene, die man so schnell nicht vergisst: ein Pirat, erhöht auf einem rollenden Podest – auf einem großen Schwimmreifen – und er hält den Säbel in die Luft, während ringsum Handys hochgehen. Das ist genau diese Mischung aus Klamauk und Inszenierung, die den Abend trägt: Niemand tut so, als wäre das „ernst“. Aber alle nehmen es ernst genug, damit es funktioniert.

Der Rhythmus wechselt – und die Halle geht mit

Das Programm springt in Tempo und Stil. Türkise Kostüme, goldene Fransen, ein Hauch Orient – Hände gefaltet zum Show-„Gruß“, Lächeln direkt ins Publikum, als wäre der Saal eine einzige Nahaufnahme. Dann wieder Samba-Farben, frecher, schneller, körperlicher im Ausdruck. Tanz ist hier nicht Dekoration, sondern Kommunikation: Blickkontakt, kurze Posen, ein Spiel mit dem Raum.


Die Männertruppe setzt den Kontrast: gelbe Hemden, grüne Hosen, eine Formation, die eher nach Power als nach Eleganz aussieht. Und sie liefern. Choreo, Tempo, Humor – und dann der Moment, in dem alle wissen: Jetzt kommt der Effekt.

Der Augenblick, in dem die Schwerkraft verliert

Plötzlich hebt sich einer aus der Gruppe. Wirklich hebt. Ein Sprung, der nicht nur hoch ist, sondern spektakulär hoch – als würde er kurz über dem Abend stehen. Unten die Stützen, oben der Flieger, dazwischen dieses kollektive „Ooooh!“ aus dem Publikum. Genau so entstehen die Bilder, die später jeder zeigt: nicht, weil sie technisch kompliziert sind, sondern weil sie den Kern treffen. Gemeinschaft. Vertrauen. Mut. Und dieses kindliche Staunen, das man als Erwachsener viel zu selten hat.

Kostüme, Charaktere, kleine Geschichten am Rand: Während vorn die Programmpunkte wechseln, schreibt der Saal nebenbei seine eigenen Geschichten. Da ist die elegant maskierte Dame im roten Tüll, halb geheimnisvoll, halb verschmitzt – ein Gesicht, das zeigt, warum Fasching auch Verwandlung ist. Da ist das Paar, das sich für ein Foto so eng zusammenzieht, als wäre es gerade erst angekommen – oder seit Jahrzehnten dabei. Da ist der Mann im roten Anzug mit Narrenkappe und einem Brezn-Kranz wie eine Ordenskette: ein Bild, das gleichzeitig Selbstironie und Tradition erzählt.

Finale: alle auf die Bühne, alles auf einmal

Am Ende sammelt sich das Ganze zu einem Bild, das man in Neubeuern so kennt: alle zusammen, alle Kostüme, alle Farben. Konfetti am Boden, Glitzer in den Haaren, Gesichter, die erschöpft und glücklich gleichzeitig aussehen. Keine sterile Gala, sondern ein Faschingsabend, der nach Arbeit aussieht – und nach echter Freude.

Prinzenwalzer: Glitzer, Drehung, Stolz: Dann der Kontrast: Prinzenpaar auf der Fläche, Glitzerkleid, Krone, der Moment, in dem der Saal kurz leiser wird. Im Walzer wirkt die Zeit plötzlich gedehnt – die Bewegung wird groß, das Kleid zieht Kreise, der Tanz ist gleichzeitig elegant und kraftvoll. Und genau da trifft es einen emotional: Diese Tradition hat in Neubeuern nicht nur eine Form, sondern ein Niveau. Ein Foto zeigt den Moment der Drehung, das Kleid wie eine helle Wolke – und in einer anderen Szene wird daraus pure Energie: ein angehobenes Bein, die Bewegung fast überzeichnet, aber sauber gehalten. Das ist nicht „Ballromantik“. Das ist Leistung, die nach außen leicht aussieht, aber innen Arbeit ist.

Und während hinten die Christus-Statue weiter weiß leuchtet, fast wie ein stilles Bühnenbild über allem, ist vorne längst klar, was dieses Motto eigentlich meint: ein bisschen Fernweh, viel Fantasie – und ein Ort, der sich für eine Nacht neu erfindet.

125 Jahre Faschingsgesellschaft Neubeuern: Ein Jubiläumsball wie ein Rausch aus Erinnerung, Musik und Mut

Wer nach dieser Nacht noch glaubt, Fasching sei nur ein paar Kostüme und laute Musik, der sollte es sich live anschauen: Am Sonntag, 8. Februar 2026, zieht Neubeuern wieder alle Register. Um 14:00 Uhr startet der Faschingszug am Marktplatz – mittendrin statt nur am Rand, mit Wagen, Gruppen, Musik und genau dieser Stimmung, die man nicht erklären kann, weil man sie erleben muss. Und wer danach noch Energie hat (oder erst richtig in Fahrt kommt): In der Beurer Halle folgt der Hofball – der Abend, an dem Neubeuern traditionell den Deckel draufmacht und der örtliche Fasching seinen Höhepunkt findet. Kurz gesagt: Hinkommen. Anschauen. Mitgehen.

Beitrag & Fotos: Rainer Nitzsche

 

 

 

 

 

 

 

 


Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

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