Kultur

Zinnmanufaktur Wilhelm Schweizer verzaubert Advent und Weihnachten

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Von Beate Bentele –  In der Marktgemeinde Dießen am Ammersee sind die schönen Künste daheim. Seit alters her ist die Region auch das Tor zum Pfaffenwinkel, wo es mehr Klöster, Kirchen und Kapellen auf überschaubarem Raum gibt, als andernorts. Direkt vis-á-vis erhebt sich der Heilige Berg mit dem Kloster Andechs. Mit dem heutigen Marienmünster, das als Barockjuwel im 18. Jahrhundert durch berühmten Augustiner Chorherren, Baumeister und Gestaltern der Zeit neu entstanden ist, sind auch die Zinngießer nach Diessen gekommen, die damals Devotionalien, Kreuze, Altargefäße, Monstranzen hergestellt und vertrieben haben Am 24. Dezember 1796 eröffnete die Zinn-Dynastie Schweizer an der Herrenstraße ihr Geschäftshaus, indem sie bald auch für die Königskinder der bayerischen Regenten Spielzeug aus Zinn herstellten und sich schließlich auch dem silbrig glänzenden, filigranen Christbaumschmuck widmeten. Von den zahlreichen Zinnwerkstätten sind zwei geblieben, die miteinander verwandt sind. Angesichts der Advents- und Weihnachtszeit schauen wir bei beiden vorbei und lassen uns verzaubern von ihren Weihnachtsausstellungen und Adventsmärkten, die schon seit Mitte November auf Hochtouren glitzern und glänzen.

Beide Werkstätten mit Läden sind leicht zu finden: Vom Rathaus geht‘s hinauf Richtung Marienmünster. Zwei Gebäudekomplexe nach der Behörde erhebt sich das stattliche, gelbe Anwesen der
Zinnmanufaktur Wilhelm Schweizer, Herrenstraße 7. Auf weitere der stattlichen Alt-Diessener Anwesen folgt das gelbe Erker-Haus der Töpferei  Ines und Franz Höfle, dem sich ein zartblaues, reich mit Malerei dekoriertes Haus mit charmanten, Lichter umkränzten Fenstern anschließt, die Kleinzinngießerei Babette Schweizer, Herrenstraße 17.

 Genießen Sie nun mit uns die Weihnachtswelt in der Zinnmanufaktur Wilhelm Schweizer, Diessen, Herrenstraße 7. 

Ursprünglich eine Großzinngießerei für Schalen, Teller und Kannen bis zu Ehrengaben für Politiker und Vereine, für Altargefäße und sakrale Gegenstände, ist diese Tradition Vergangenheit. Heute wird hier das filigrane Handwerk von der Idee bis zum fertigen Produkt gepflegt. Die kleinen Unikate kommen vor allem jetzt – zur Weihnachtszeit – wieder ganz groß raus. Mit ihrem charmanten Auftritt sind sie wahre Herzanzünder. Verantwortlich dafür sind drei Jungunternehmer, alle unter 30, mit Werkstattleiter Martin Schweizer, mit Joan Miquel Arau-Schweizer für Technik | IT und Leon Tropp als Prokurist. Sie beschäftigen 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter Graveurin, Gießerinnen und Vertriebsleute. Mit dabei Heimarbeiterinnen, die – wie es seit Jahrzehnten üblich ist – von Zuhause aus (heute nennt man das Home-Office) Tausende von Figuren individuell bemalen und jedem Stück Unikat-Charakter verleihen.

Sammler- und Liebhaber der Zinn-Miniaturen gibt es rund um den Erdball. „In unserer Kundenkartei sind Händler aus fünf Kontinenten vertreten“, freut sich Martin Schweizer. Verkauft wird hauptsächlich übers Internet und über Händler – neuerdings öffnet sich immer öfter die schwere, mit Schnitzwerk gestaltete Haustüre und zeigt den Besuchern den Weg in die märchenhafte Welt der kleinen Figuren. Mit dabei reichlich Bavarica wie bairische Tanzszenen, Musikanten, Brauchtumssymbole vom Maibaum bis zum Adventskranz, Schuhschnallen und Knöpfe für Janker und Gilets. Reichlich Devotionalien.

„Stück für Stück Originale“,

deutet Martin Schweizer auf den Tannenbaum mitten in der Miniaturwelt mit Zinnbehängen hin. Zugleich zeigt er einen reich dekorierten Christbaum aus Zinn, farbig bemalt. Ein Kunstwerk, das fachliche Kompetenz und viel, viel Gestaltungsfreude verrät. Das artwork hat bis vor Kurzem der Ingenieur Jordi Arau entwickelt und hergestellt, der auch mit modernen Vertriebsstrukturen den Betrieb in die Gegenwart gerettet hat. (gestorben März 2020). Das Weihnachtssortiment mit Engeln, Krippen, Weihnachtsmännern, wie auch der österliche Schmuck werden jedes Jahr mit neuen Formen erweitert.

Geöffnet ist die Weihnachtswelt Montag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr, Samstag, 10 bis 14 Uhr. Alles unter www.zinnfiguren.de

Erleben Sie mit uns den Zauber der Kleinzinngießerei Babette Schweizer mit Zinn-Café, Herrenstraße 17, Diessen

Die schwere dunkle Haustüre an dem zartblauen Haus mit den Lüftlmalereien knarzt – und entführt in eine eigene Welt: Im dunklen Hausgang mit jahrhundertealten Bodenfliesen flankieren Vitrinen voller kleiner Zinnfiguren darin marschieren historische Armeen, daneben kleine Engelchen, Nikoläuse schleppen ihre Säcke, Trachtler tanzen, Musikanten spielen auf – den Weg zu den fünf Verkaufsräumen. Jeder für sich ein Erlebnis, ein Kindertraum für die einen, die anderen schätzen das historische Handwerk – und dieser Tage kommen die meisten zur Adventsausstellung, die jedes Jahr im November beginnt. „Wenn‘s beim oberen Schweizer leuchtet, dann ist Weihnachten nimmer weit“, heißt es in Diessen.

„Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, spielen unsere weihnachtlichen Zinnfigürchen die Hauptrolle“, sagt Karin Schweizer, die das wohl älteste Unternehmen in der Marktgemeinde am Ammersee leitet. Karin Schweizer ist Tag für Tag präsent und übt in Personalunion viele Berufe aus. Mindestens zwei Tage die Woche gießt sie in der Gießerei mit zum Teil uralten Formen den beliebten Weihnachtsschmuck. Ist Kaffeebetrieb, backt sie die Kuchen und die süßen Teile, dazwischen serviert sie Kaffee und berät in den Verkaufsräumen.

Auf dem Kanapee in der weihnachtlichen Stube

Ihre besondere Leidenschaft ist die Weihnachtsschau, die sie mit großer Liebe zum Detail zusammenstellt, zu Szenen gruppiert und nachahmungsreif dekoriert. Mit nur einem Besuch, hört man immer wieder von den Besuchern, sei es nicht getan. Man müsse schon öfter reinschauen, um die Vielfalt und den Zauber der vergangenen Zeit zu erleben. In jeder Ecke wird man fündig. Am schönsten ist für viele die Stube mit dem grünen Kanapee. Von hier bündeln Bilderbücher, Postkarten, Adventskalender und Kinderspiele den Blick. Karin Schweizer entdeckt sie jedes Jahr neu bei Verlagen, die Literatur aus der Jahrhundertwende (ab zirka 1920-30) neu auflegen.

„Nach wie vor ist der klassische Christbaumschmuck aus Zinn das Thema Nummer eins bei uns“, führt Karin Schweizer die Besucher zu den „bergeweise“ vorhandenen Schmuckstücken von feinen Miniaturen bis zu Handteller großen Kugeln. Die Herstellung geschieht noch heute wie vor 150 Jahren, „es hat sich nicht viel verändert“, bestätigt die Chefin. Die filigranen Kugeln bestehen je nach Größe aus bis zu 20 Einzelteilen, die händisch gegossen und zusammengelötet werden. Diese Kleinodien für Weihnachtsdekoration und Christbaumbehang sind dünnwandig und empfindlich. Sie glänzen silbern und sind teilweise farbig lasiert, so dass sich das Kerzenlicht spiegelt, wenn sie am Christbaum hängen oder den Adventskranz zieren. Im Firmenarchiv erzählen Unterlagen, dass sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf Bestellung des Königshauses entworfen und hergestellt worden sind. Da ist von König Ludwig I. von Bayern die Rede, aber auch von den Erziehern, die die königlichen Kinder erzogen haben und die in ihrer Freizeit gerne am Ammersee in der Sommerfrische verbrachten. –

So adelt der klassische Weihnachtsschmuck aus Diessen noch heute Christbäume in aller Welt. Nicht zu vergessen, hunderte von bunt bemalten Zinnfiguren, den Ausstattungen für Puppenstuben und den „weltlichen“ Zinnbildern mit Darstellung von Berufen und Bildern aus dem bayerischen Leben. Hier wird bairisches Brauchtum höchst lebendig …

Bericht und Bilder: Beate Bentele – Geöffnet ist die Weihnachtsausstellung Montag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr, Samstag, 10 bis 16 Uhr (während der Corona-Einschränkungen ohne Kaffeebetrieb und Samstag nur von 10 bis 13 Uhr). Mehr unter www.schweizerzinn.de

Unser Bild zeigt Werkstattleiter Martin Schweizer mit Christbaum aus bemaltem Zinn und reichlich dekoriertem Tannenbaum mit Zinnfigürchen.
Foto Beate Bentele.

Weitere Bilder zeigen
Adventskranz, Christbaumschmuck zum Aufhängen, Nikolaus auf dem Motorrad, Bairische Trachtler tanzen und der Hirsch schaut zu, Nikolaus und Engel als Weihnachtsbotschafter

Bilder zu Babette Schweizer
Chefin ist Karin Schweizer, die jedes Jahr die Räume in der Zinngießerei weihnachtlich verzaubert und als Kaffeehaus betreibt.

Die Bilder zeigen „bergeweise“ den klassischen Weihnachtsschmuck aus dem 19. Jahrhundert und begleiten die Leser durch die Weihnachtsausstellung mit Adventskalendern, Kinderbüchern, Himmlischen Heerscharen

 

 

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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