Freizeit

Riesenhütte: Geliebtes Sorgenkind

Man kann es sich kaum vorstellen: Als die Riesenhütte in ihren letzten Bergsommer ging, war Barack Obama noch Präsident der USA, in Bayern hatte noch Horst Seehofer das Sagen und Corona war einfach nur eine exotische mexikanische Biersorte. So lange ist das her und viele Zeitgenossen sehnen sich heute nach diesen Zeiten zurück. Bleiben wir aber unpolitisch und konzentrieren wir uns lieber auf die Bergwelt der Hochries und auf die eingangs erwähnte Riesenhütte. An ihr werden auch in der Saison 2021 viele Wanderer und Biker vorbeigezogen sein, mit viel Wehmut im Herzen und verbunden in dem einem Gedanken: „Du fehlst!“

Denn auch wenn in nur etwa 20 Minuten Fußweg entfernt das Hochrieshaus alle Bergfreunde mit Speisen und Getränken bestens versorgt und dabei auch hohen Ansprüchen genügt – an den Charme der Riesenhütte wird diese Station nie herankommen. Wohl alle Bergfreunde, die noch das Glück hatten, hier einzukehren, werden das bestätigen. Auch Franz Knarr sen., Pressesprecher und ehemaliger Vorstand der DAV-Sektion Rosenheim, sagt: „Trotz ihrer Nähe machten sich die Hochries- und die Riesenhütte nie Konkurrenz. Es war immer eine gute Nachbarschaft. Die Riesenhütte war immer eine ideale Familienhütte. Dort gibt es viele Wiesen und keine steilen Abhänge. Da konnte man die Kinder in Ruhe toben lassen.“

Dazu muss man wissen: Das Hochrieshaus gehört zur Sektion Rosenheim, die Riesenhütte ist dagegen im Besitz der Sektion Oberland. Und hier fängt das Problem mit dem derzeit geschlossenen Haus auf 1.346 Höhenmetern an: Nachdem die 1913 erbaute Unterkunft genau 100 Jahre später geschlossen werden musste, da zu viele Auflagen für eine bewirtschaftete Hütte nicht mehr erfüllt werden konnten, sollte sie in den kommenden Jahren rasch saniert werden. Doch dafür war und ist kein Geld verfügbar. Die Sektion Oberland ist mit ihren insgesamt 15 Berghütten finanziell ohnehin an der Belastungsgrenze. Immer wieder wurde das Thema „Sanierung der Riesenhütte“ in der Sektion Oberland auf den Tisch gebracht, neue Finanzierungsmodelle diskutiert und jedes Mal kam dieselbe Erkenntnis: zu teuer.

Auf der Internetseite der Sektion heißt es: „vor allem aus Gründen der baulich derzeit nicht erfüllbaren Auflagen des Brandschutzes ist die Riesenhütte im Hochriesgebiet nach wie vor geschlossen. Eine ursprünglich für 2019 geplante Generalsanierung der Hütte wurde wegen der im September 2018 begonnenen umfangreichen Generalsanierung der denkmalgeschützten Falkenhütte im Karwendel mit einem Bauvolumen von etwa 6,4 Millionen Euro sowie weiterer ungeplanter Bauinvestitionen verschoben.“ Und weiter: „Der im April 2019 neu gewählte Vorstand der Sektion Oberland machte sich zur Riesenhütte durch intensive Gespräche mit Architekten und Fachplanern, Nachbarn, Behörden, der Partnersektion und dem DAV-Bundesverband ein Bild von der Situation und schloss darauf nach Rücksprache mit dem Beirat der Sektion Oberland unter den aktuellen Rahmenbedingungen eine Wiederinbetriebnahme der Riesenhütte als bewirtschaftete Alpenvereinshütte aus. Dennoch werden derzeit weiterhin verschiedene alternative Konzepte geprüft, um den Standort zu erhalten.“

Da stellt sich die Frage, ob angesichts dieser Umstände nicht vielleicht die Sektion Rosenheim etwas tiefer in die Tasche greif und Modelle prüfen könnte, die bei den einheimischen Bergfreunden so beliebte Hütte wieder zu eröffnen. Franz Knarr schüttelt da einerseits den Kopf und gesteht doch: „Es sind schon Gedankenspiele entstanden, die Riesenhütte vielleicht zu übernehmen. In jüngeren Jahren hätte ich als Vorstand dafür vielleicht mehr plädiert. Doch auch angesichts der neuen strengeren Auflagen und den damit verbundenen Kosten ist das heute nicht realistisch. Wir verfolgen ohnehin andere Projekte wie den Bau eines Jugendhauses in Rosenheim, das Mitte 2022 fertig sein soll.“

Bei all den Absagen an die stillgelegte Hütte schwingt doch immer wieder eines mit: Der Wunsch, dass dieses windschiefe Unikat in den Chiemgauer Alpen bald wieder zum Leben erweckt wird. Denn irgendwie ist es gerade in den Jahren des Verzichts allen ans Herz gewachsen, das in die Jahre gekommene Sorgenkind an der Hochries.

Text: af

Beitrag entstand in Kooperation mit dem Wendelstein Anzeiger – www.wendelstein-anzeiger.de

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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