Kirche

Renovabis-Hilfswerk lindert erste Not im Kaukasus

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Rund 50 vertriebene Familien aus der umkämpften Kaukaus-Region Bergkarabach können jetzt nahe Gyumri in einer Einrichtung der Caritas Armenien untergebracht werden. Mit einer Soforthilfe von zunächst 30.000 Euro hilft das katholische deutsche Osteuropa-Hilfswerk Renovabis: Die von dem Krieg in ihrer Heimat unschuldig Betroffenen — darunter mehrheitlich Frauen und Kinder — werden in einem früheren Sommerferienlager untergebracht. Für die nächsten zwei Monate ist für die Familien der Aufenthalt beim bewährten örtlichen Renovabis-Projektpartner durch die Finanzierungszusage aus Deutschland erst einmal gesichert.

In der Konfliktregion im Südkaukasus kommt es seit Mitte September zu schweren Kämpfen entlang der gesamten Front im Gebirge zwischen Armenien und Aserbaidschan. Die Zivilbevölkerung wird durch die Kampfhandlungen zur Flucht aus Bergkarabach in Richtung armenisches Kernland gezwungen. Schätzungen zufolge seien mittlerweile etwa die Hälfte der Bevölkerung Bergkarabachs auf der Flucht, darunter etwa 90 Prozent aller dort beheimateten Frauen und Kinder, wie Renovabis von Projektpartnern in der Region erfahren hat. Armenischer Erzbischof: EU soll in Bergkarabach eingreifen Der armenisch-katholische Erzbischof Raphael Francois Minassian hat das Eingreifen der Europäischen Union im neu aufgeflammten Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach gefordert: „Wir bitten um konkrete Maßnahmen, damit der bewaffnete Konflikt ein für allemal beendet wird“, sagte Minassian in einem von der Katholischen Nachrichtenagentur unlängst zitierten Statement im italienischen Pressedienstes SIR. „Menschliches Leben ist viel kostbarer als Öl und Gas. Lassen Sie uns verhindern, dass eine Handvoll Dollar einen Krieg auslöst und Menschen sterben lässt. Dieser Wahnsinn muss gestoppt werden“, appellierte Erzbischof Minassian.

Der Theologe Harutyun Harutyunyan, arbeitet bei der armenisch-apostolischen Eparchie Vayots Dzor in der Bischofsstaft Yeghegyatsdor. Der promovierte Theologe erhielt seine Ausbildung am Lehrstuhl für Ökumenik, Ostkirchenkunde und Friedensforschung der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster bei Professor Thomas Bremer als Renovabis-Stipendiat. Heute unterstützt er die Projektarbeit seiner Eparchie und hält Kontakt zur Solidaritätsaktion Renovabis.

„Zitternde Kinder, sobald ein Flugzeug am Himmel ist“

Renovabis-Projektpartner Harutyun Harutyunyan beschreibt die aktuelle Lage in Bergkarabach

YEGHEGYATSDOR (Eparchie Vayots Dzor) / FREISING. Durch eine 30.000-Euro-Soforthilfe des katholischen deutschen Osteuropa-Hilfswerks Renovabis sind soeben rund 50 vertriebene Familien aus der umkämpften Kaukaus-Region Bergkarabach in einem früheren Sommerferienlager in Armenien untergekommen. Die Zivilbevölkerung wird durch die Kampfhandlungen zur Flucht aus Bergkarabach in Richtung armenisches Kernland gezwungen. Die von dem Krieg in ihrer Heimat unschuldig Betroffenen  – darunter viele Frauen und Kinder –  sind nun für die nächsten zwei Monate beim bewährten örtlichen Renovabis-Projektpartner Caritas Armenien erst einmal sicher. Wir wollten von Dr. Harutyun Harutyunyan, einem ökumenisch in Deutschland ausgebildeten Theologen der armenisch-apostolischen Eparchie Vayots Dzor und Renovabis-Projektpartner, wissen, wie es den Menschen geht, die vor den Kampfhandlungen fliehen mussten und jetzt im Landesinneren von Armenien versorgt werden.

Harutyun Harutyunyan: „Allein in unserer Diözese befinden sich schon über 2000 Flüchtlinge – und es kommen immer neue dazu. Wir haben alle Jugendherbergen und Hotels bereits voll besetzt. Die meisten Menschen brauchen nicht nur Kleidung und Verpflegung, sondern an erster Stelle psychologische und seelsorgerliche Unterstützung, weil sie schwer traumatisiert sind. Es ist unklar, ob und wann sie zurück nach Bergkarabach reisen können, zumal die meisten ihre Häuser schon verloren haben. Wir haben auch mehrere Kinder, die das Leben in den Bunkern und Kellern nicht ertragen konnten und deshalb zuerst ohne Eltern nach Armenien gebracht werden mussten. Sie haben richtig Angst und zittern, wenn sie ein Flugzeug am Himmel sehen oder hören.“

Bergkarabach ist seit vielen Jahren Konflikt-Region. Die Hauptforderung aus dem Ausland und auch des Papstes lautet: Der Konflikt muss ohne Waffen zum Frieden führen. Was können die Kirchen konkret tun, um eine friedliche Lösung zu unterstützen?

Harutyun Harutyunyan: „Wir stehen vor einer humanitären Katastrophe. Unsere Jahrhunderte alten Kirchbauten werden gerade vernichtet. Wenn die armenische Enklave in Bergkarabach besetzt und die Bewohner vertrieben werden, droht im Südkaukasus eine Konzentration radikaler islamischer Kräfte. Die Türkei nutzt diese Instabilität offenbar für eigene Machtinteressen, ähnlich wie in Libyen, im Irak und in Syrien. Angesichts der derzeitigen Kampfhandlungen müssten  die Vertreter aller Kirchen und Glaubensgemeinschaften klare Worte finden und die Angriffe gegen die armenische Zivil-Bevölkerung verurteilen.“

Die benachbarten Großmächte haben erheblichen Einfluss in der Region. In Armenien sind auch in Friedenszeiten russische Soldaten stationiert. Wie steht die Bevölkerung dazu – gerade jetzt, wo der Konflikt wieder aufgeflammt ist?

Harutyun Harutyunyan: „Die meisten Einwohner erwarten mehr von Russland als bis jetzt gemacht wurde. Die russische Führung spricht bislang nur über ihre „Besorgnisse“. Selbst nach den Angriffen der aserbaidschanischen Luftwaffe Mitte Oktober auf das unmittelbare Gebiet Armeniens gab es keine klaren Ansagen unseres strategischen Partners. Daher wird das russische Kontingent von vielen Armeniern nicht wirklich wahrgenommen – weder im aktuellen Krieg noch als künftige potentielle Friedenstruppe. Zwar sind 5000 russische Soldaten an der südlichen Grenze stationiert und schützen uns vielleicht von den direkten Angriffen aus der Türkei – mehr sieht man aber von ihnen gerade nicht. Wenn man die Mitteilungen nach dem ersten offiziellen Telefonat zwischen Putin und Erdogan genau liest, sieht es für die Bürger beider südkaukasische Kontrahenten nicht gut aus: Die benachbarten Großmächte wollen natürlich alles unter sich entscheiden, ohne auf die lokale Bevölkerung zu hören. Im Gegenteil, die Menschen hier werden nicht wirklich wahrgenommen; viele fühlen sich gar an die Geschichte während des Genozids im Osmanischen Reich vor 105 Jahren erinnert…“

In der Konfliktregion im Südkaukasus

kommt es seit dem 27. September zu schweren Kämpfen entlang der gesamten Front im Gebirge zwischen Armenien und Aserbaidschan. Die Zivilbevölkerung wird durch die Kampfhandlungen zur Flucht aus Bergkarabach in Richtung armenisches Kernland gezwungen. Schätzungen zufolge seien mittlerweile etwa die Hälfte der Bevölkerung Bergkarabachs auf der Flucht, darunter etwa 90 Prozent aller dort beheimateten Frauen und Kinder, wie Renovabis von Projektpartnern in der Region erfahren hat.

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan streiten sich seit Jahrzehnten erbittert um die Region im Südkaukasus, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Vor drei Wochen entbrannten die Kämpfe neu. Die selbsternannte „Republik Arzakh“ wird international nicht anerkannt; völkerrechtlich ist sie Teil Aserbaidschans

Die Solidaritätsaktion Renovabis fordert die Konfliktparteien auf, konkrete Handlungen des guten Willens und der Brüderlichkeit zu unternehmen: Die Streitigkeiten sollen   — auch mit Rücksicht auf die schuldlos hinein gezogene Zivilbevölkerung —  keinesfalls weiter mit Gewalt und Waffen, sondern durch Dialog und Verhandlungen gelöst werden. Renovabis empfiehlt, wie Papst Franziskus, das Gebet für den Frieden in der Kaukasusregion.

In einer Region, die seit Jahrhunderten unter dem Einfluss von Großmachtsphären steht (russisch, osmanisch/türkisch, persisch) müssen die Menschen vor Ort bei der Suche nach Wegen für mehr Frieden und Gerechtigkeit unterstützt werden: Renovabis wird deshalb weiterhin soziale, pastorale und bildungsorientierte Projekte im Sinne der Menschen vor Ort in beiden Konfliktländern fördern.

Bericht  Renovabis – Foto:  Doris Breitsameter/Renovabis –  Dr.  Harutyun Harutyunyan vom armenisch-apostolischen Bistum Vayots Dzor, Projektpartner aus dem Südkaukasus

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Beiträge und Fotos sind urheberrechtlich geschützt!