Leitartikel

Freundschaftlicher Nachruf auf Wolfgang Dietzen

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Wolfgang Dietzen aus Frasdorf ist von uns gegangen – ein freundschaftlicher Nachruf  von Ulrich M. Sorg   –   Der Forstwissenschaftler, Umweltplaner, Gutachter, Ornithologe, Buchautor, Fotograf. Wolfgang Dietzen starb unlängst überraschend und hinterlässt eine große Schar regional- und überregional befreundeter und jetzt trauernder Weggefährten, Kollegen, Kooperations- und Geschäftspartner und seinen Chiemgauer Freundeskreis zurück, die sich jüngst mit einer Trauernachricht in der Regionalzeitung von ihm verabschiedeten.

Wolfgang Dietzen, Jahrgang 1948 kommt aus Trier an der Mosel, hatte sich schon in seiner Kindheit mit der Natur um ihn herum, mit Tauben, dem Wald beschäftigt und sich bald auch der Jagd gewidmet und wurde sogar examinierter Falkner. Er studierte an der Ludwig-Maximilian-Universität in München Forstwissenschaft und war Mitbegründer und im Vorstand der Wildbiologischen Gesellschaft WGM München e.V. im Jahr 1977. Der Wildökologie war er intensiv zugeneigt, und leitete verschiedene Forschungsaufträge zu Raufußhühner. Neben verschiedenen Veröffentlichungen zu diesem Thema war er 1980 mit Horst Stern, Wolfgang Schröder, Frederic Vester, Rudolf L. Schreiber Autor des Buches Rettet die Wildtiere. Dieses Standardwerk zur Wildökologie hätte Konrad Lorenz gerne mit dem Satz: Rettet Euch und Eure Kinder betitelt.
Als ich Anfang Juni die Trauernachricht von Dietzens plötzlichem Tod verbreitete – er starb an einer Blutvergiftung – gingen viele Erinnerungen bei mir ein, die ich ihm auch auf Wunsch vieler seiner Freunde und Weggefährten als einen dankenden Nachruf von uns allen widmen möchte.

Ich kenne Wolfgang seit 1978, als er in der Langen Rhön im Auftrag des Bayerischen Umweltministeriums Birkhuhnforschung betrieb und an den Vorbereitungen zur Ausweisung des damals größten außeralpinen Naturschutzgebietes Lange Rhön mit wirkte.   An dieses Birkhuhnprojekt mit Dietzen erinnerten Rainer Brinkmeier und Dr. Wulf Riess. Mit einer Expertengruppe saßen sie gut vier Stunden, beginnend vor Sonnenaufgang in einem engen Beobachtungsschirm an einem Balzplatz, den Dietzen für seine Auftraggeber einrichtete und der erst verlassen werden durfte, wenn Hähne und Hühner ihre Balz beendeten. Mein Kontakt zu ihm lebte weiter, als ich längst in Neuburg/Donau war und für die Idee eines Umweltzentrums im größten Niedermoor Süddeutschlands, dem Donaumoos einen fachlich fundierten Moor-Naturschutz-Visionär suchte. Dietzen erstellte 1995 eine Machbarkeitsstudie, die dann mit dem Namen HAUS im MOOS auch die Unterstützung des Bayerischen Umweltministeriums bekam. Diese Studie wurde geradezu zum Türöffner und ermöglichte erst eine enorme Förderung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt DBU, Osnabrück. Dietzen kannte das Donaumoos und seine Herausforderungen, weil er Jahre davor an der Erfassung der Wiesenbrüter in Bayern und auch im Donaumoos arbeitete.

Aus Thüringen schrieb mir Dr. Siegfried Klaus (Jena), dass er durch zwei umfangreiche Studien die Grundlagen für eine Auerhuhn-Unterstützung legte, die in ein Translokationsprojekt mündeten, dass er (Klaus) fachlich betreute. 145 Wildfänge aus Russland wurden zur Stützung der hiesigen Auer-huhnpopulation umgesiedelt. Edgar Reisinger (Jena) erzählte auch von vielen gemeinsamen Projekten und unvergesslichen Exkursionen mit Dietzen, u.a. auch über das Birkhuhn im Thüringischen Teil der Hohen Rhön und in den Hortobágy-Nationalpark in Ungarn.

Jürgen Holzhausen aus der Rhön, der Dietzen aus der frühen Birkhuhnzeit kannte berichtete, dass er zuletzt mit ihm viel über die Abnahme der Feldlerchen sprach und ihm am 18.Mai einen Gruß mit einem Lerchenfoto sandte, das er einen Tag vor seinem Tod wohl noch gesehen hatte. Von der Ostsee berichtete Irmgard von Schack aus der gemeinsamen Zeit um 1978/79 am Institut für Wildforschung an der LMU München bzw. der Außenstelle Dickelschwaig bei Oberammergau – auch von den legendären Festen dort, die er oft organisierte – als er über Birkwild arbeitete. Schöne Erlebnisse und gute Erinnerungen an ihn bleiben mir. Das für heuer geplante Treffen, schreibt von Schack, zum Krabbenpuhlen bei Husum fällt nun leider aus.

Wolfgang Dietzen hatte schon vor vielen Jahren im Chiemgau Fuß gefasst, einen umfangreichen Freundeskreis gepflegt und von dort schrieb er mit seiner Co-Autorin Hannelore Thiele, eine versierte (Umwelt-)Pädagogin ein richtungsweisendes Buch „Jugend erlebt Natur  – Das praktische Handbuch für ein neues Naturverständnis“, veröffentlicht 1993 im Weitbrecht Verlag. Wolfgangs große Stärke lag vor allen in der Organisation, der praktischen Durchführung und dem Knüpfen der erforderlichen Kontakte bei Genehmigungen und Durchführung der Umweltbildungsprojekte. Thiele schreibt weiter, dass Wolfgang vor allem bei der Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Naturschutz sein enormes Wissen einbrachte. Ihm ist ihm gelungen, die mit Umweltschutz befassten Organisationen und Einrichtungen an den sogenannten Runden Tisch Umweltbildung im Kultusministerium zu bringen, um die Grundlage für ein ganzheitliches Konzept für die Umwelterziehung an bayerischen Schulen entwickeln zu können. In Alois Glück hatte er hierfür einen Förderer und Unterstützer gewonnen.

Mit seiner Begeisterung für die Sache konnte er viele Menschen anstecken. Das war eine der ihn heraushebenden Eigenschaften. Auch sein pädagogisches Einfühlungsvermögen hat ihn bei der Durchführung von Projekten zu einem sehr beliebten Partner gemacht. Der sogenannte „lange Atem“, schreibt Thiele, hat Dietzen bei der Durchführung von Projekten leider oft gefehlt und dabei auch manchmal die erforderlichen kaufmännische Aspekte bei der Verwirklichung der Projekte aus den Augen verloren; für Selbstständige eine wichtige Voraussetzung um auch wirtschaftlich überleben zu können.

Auch der Umgang mit Pferde und das Kutschenfahren waren wichtige Themen in seinem Leben. So ist er in jungen Jahren mit einer von ihm gelenkten Kutsche von Trier bis zum Gut Immling im Chiemgau unterwegs gewesen. Er schickte mir im letzten Jahr ein relativ aktuelles Bild, wie er immer noch eine Kutsche durch einen Parcours lenkt. Das Fotografieren wurde eine ins professionelle gesteigerte Leidenschaft von Wolfgang Dietzen. Es ging ihm einerseits darum, selbst gute Bilder zu machen und diese in einem Portal zu veröffentlichen. Andererseits regte er vor nicht allzu langer Zeit an, auch die umfangreiche Bilddatei von dem Universal-Biologen Alfred Ringler, Rosenheim mit dem Bund Naturschutz zu digitalisieren und damit der Nachwelt zu erhalten. Dies teilte Ringler mir mit, als er die Trauernachricht erfuhr.

2016, also schon im Alter in dem sich die meisten den Ruhestand gönnen, legte Dietzen als Autor mit dem Fotographen Josef Reiter den Führer „Natur, Kultur und Kulinarik in der Region Chiemsee – Der Chiemseeführer mit Traumtouren rund um den See vor, nach dem Dr. Pankraz Wechselberger, Freising unlängst wanderte und so die Erinnerung an Dietzen an seine HAUS im MOOS-Zeit verbindet.

Als Kenner vieler bayerischen Moorlandschaften – auch für die Loisach-Kochelsee-Moore hatte er einst Erhebungen und Pflegevorschläge gemacht – war Dietzen im Herbst 2019 als kritischer Teilnehmer bei der Moortagung der Akademie für Naturschutz Laufen letztmalig im Donaumoos und am HAUS im MOOS. Zum dortigen Museumsleiter Fritz Koch, den er schon 1984 in Sünzhausen als Habichtforscher kennen lernte, pflegte bis vor Kurzem noch lebendigen Kontakt. Koch meinte, dass er hier demnächst eine Erinnerungstafel anbringen werde.

Auch in den letzten Jahren blieb Dietzen aktiv, operierte und kontaktierte mit immer neuen Ideen noch viel aus einem kleinen, gemütlichen Weiler in der Gemeinde Frasdorf. Er war auch ein leidenschaftlicher Koch, hatte vorzügliche Kapaune und … auch mal einen Biberbraten auf „Sterneniveau“ zubereitet. Verbunden mit der wunderbaren Landschaft, der dortigen Landwirtsfamilie und den Schwalben im Stall. Bei meinem Besuch seiner ehemaligen Vermieter erzählten diese von einem immer interessierten, gesprächsoffenen und höflichen älteren Herrn, die ebenso überrascht waren von seinem plötzlichen Heimgang und werden Wolfgang in angenehmer Erinnerung halten.

Auch meine Frau und ich werden Wolfgang Dietzen nach 35 Jahre und zuletzt regelmäßigem Kontakt noch lange und dankbar in Erinnerung behalten. So könnte oder möge es auch vielen Lesern der Samerberger Nachrichten gehen, worin er immer wieder umfangreiche Bild-Berichte veröffentlichte.

Bericht: Ulrich M. Sorg

Fotos: Ulrich M. Sorg – Privat – zum Teil von Wolfgang Dietzen

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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