Kultur

Eröffnung der Römerstation Chieming-Stöttham

Fast auf den Tag genau vor 10 Jahren hatte Ortsheimatpfleger Hubert Steiner als Zuhörer einer Gemeinderatssitzung erfahren, dass für den damals neu gebauten Kreisverkehr in Laimgrub ein Beratergremium zur Gestaltung gebildet werden sollte. Bereits damals hatte Steiner die Idee zur Errichtung eines römischen Meilensteins an der ehemaligen Römerstraße zwischen Salzburg (Juvavum) und Augsburg (Aelia Augusta). Nun erfolgte die offizielle Einweihung „Römerplatz Chieming“, wo unweit der Stötthamer Johanneskirche neben der Nachbildung eines Weihesteins auch ein römischer Meilenstein aufgestellt wurde, dessen Originalfragment im Traunsteiner Heimathaus eingemauert ist.

Bürgermeister Stefan Reichelt (CSU) befand den Römerplatz – zwischen der Verbindungsstraße von Stöttham nach Schützing und der Stötthamer Kirche gelegen – „als idyllischen Ort zum Entdecken, Ausruhen und Nachdenken“. Dem gesamten Leader-Projektteam sei es sehr gut gelungen, die Idee, der Römerzeit im Gemeindegebiet von Chieming einen konkreten Platz zu geben, zu verwirklichen. Glücklich sei auch der Umstand gewesen, dass der Ort, an dem nun eine Schautafel, eine Sitzbank, umgeben von blühenden Naturblumen und zwei beschrifteten römischen Steinen entstand, bereits in Gemeindebesitz war. Deshalb seien keine Grundstücksverhandlungen nötig geworden. Für die Umsetzung und Gestaltung des Römerplatzes wurde das Architekturbüro Romstätter aus Traunstein beauftragt. Der eigentliche Ideengeber Hubert Steiner sagte dazu: „Obwohl ich vorher nicht wusste, wie es werden soll, glaube ich, dass es sich um Gedankenübertragung handeln muss. Genauso wie es Helmut Niederauer umgesetzt hat, hab ich es mir vorgestellt.“

Reichelt sprach seinen Dank gegenüber der Projektleitung des Leader-Projekts „Römerregion Chiemsee“ aus, allen voran an Ortsheimatpfleger Hubert Steiner und an die Historikerin Annette Marquard-Mois, die das Projekt wissenschaftlich begleitet habe. Dankbar zeigte sich Bürgermeister Reichelt auch gegenüber seiner Angestellten im Rathaus, Margot Guggenbichler, für die durch das Projekt viel Zusatzarbeit entstanden sei.

Ein lateinisches Grußwort „Valete Cives“ (seid gegrüßt, Bürger) richtete der Leader-Koordinator vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Johann Kölbl, an die Anwesenden etwa 25 Personen, die alle in die Umsetzung des Leader-Projekts eingebunden waren. Kölbl brachte zum Ausdruck, dass die Leader-Projekte zur eigenständigen Stärkung der Region beitragen sollen. Er freue sich, dass mit den Leader-Fördermitteln von knapp 28.000 Euro ein Beitrag dazu geleistet wurde, um der Region rund um den Chiemsee zu vermitteln, dass die römische Ära hier einen festen Platz hat. Dankbar zeigte sich Kölbl, dass die Gemeinde Chieming das Leader-Projekt mit derselben Summe ebenfalls unterstützte. Insgesamt habe sich Leader mit 200.000 Euro an der Umsetzung der Römerregion Chiemsee beteiligt, die aber nur durch das Mittun von elf Gemeinden rund um den Chiemsee umsetzbar war.

Der Vorsitzende der Lokalen Aktionsgruppe Chiemgauer Seenplatte und Bürgermeister von Pittenhart, Sepp Reithmeier (CSU), freute sich über das Engagement des in Eggstätt lebenden emeritierten provinzialrömischen Archäologen Professor Siegmar Freiherr von Schnurbein, der als Schirmherr der Römerregion Chiemsee fungiert. Reithmeier hob auch die gute Zusammenarbeit mit dem Manager der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) Chiemgauer Seenplatte, Christian Fechter, heraus. „Leader hat weiterhin Fördermittel zur Hand, die für Ideen, wie sie Hubert Steiner immer wieder hat, ausgegeben werden können.“

Projektleiterin Marquardt-Mois sprach begeistert davon, dass sie vor Projektbeginn Ortsheimatpfleger Hubert Steiner noch nicht gekannt habe. „Einen Antreiber wie ihn gab`s in vorausgegangenen Projekten noch nicht. Und es war ein reines Vergnügen, mit ihm zusammen zu arbeiten.“ – „Hubert Steiner hatte sich vorab bereits umfassende Überlegungen gemacht, welche der Chieminger Römer-Steine durch welche Firma wie gestaltet werden könnten, und was das kostet – ich war geplättet.“

Schließlich gab Hubert Steiner selbst einen Einblick in seine Ideen zur Umsetzung des Projekts. Er habe sich sofort nach Bekanntwerden des Projekts an den Bürgermeister gewendet, weil er eine einmalige Chance für Chieming sah, an der Römerregion teilzuhaben „und jetzt auf den Zug aufzuspringen.“  Mit dem Römerplatz in Stöttham wurde die letzte von insgesamt 27 frei zugänglichen Stationen rund um den Chiemsee errichtet, an dem sich im Rahmen des Leader Projekts Chiemgauer Seenplatte zum Thema „Römerregion Chiemsee“ elf Gemeinden rund um den Chiemsee beteiligt haben. Dabei stellt jede Gemeinde einen einzelnen Aspekt der Römergeschichte dar. In Chieming hat sich als Schwerpunktthema „Römische Steininschriften“ ergeben, weil in der Gemeinde Chieming verhältnismäßig viele Steine mit Inschriften aus der Römerzeit gefunden wurden und bezeugt sind. Die in Stöttham aufgestellten Steine wurden unter Vorgabe des Meilenstein-Fragments aus dem Traunsteiner Heimathaus und im Falle des Weihesteins aus vorhandenen Zeichnungen gefertigt, die in der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Brandenburg zu finden sind, wie Steiner erläuterte. Das Original-Fragment des Meilensteins wurde 1831 in Chieming gefunden und auf Geheiß des damaligen Ortspfarrers Korntheur 1891 aus dessen Privatsammlung an das Heimathaus nach Traunstein übergeben, wo es eingemauert zu sehen ist. Das Original des Weihesteins, das 1816 in der Sötthamer Kirche entdeckt wurde, hat seinen Ursprung im Jahr 226 nach Christus, wurde 1818 nach München gebracht, wo eine Antikensammlung in der Glyptothek aufgebaut werden sollte. Der Weihestein wurde aber durch einen Bombenangriff 1944 in München zerstört. Deshalb mussten für die Rekonstruktion Fotos aus Berlin angefordert werden.

Die Arbeiten der nachgebildeten Römersteine erfolgte durch Steinmetz Fritz Seibold jun. aus Grassau, der mehrere Untersberger Kalksteinquader aus der Steinbruchfirma Kiefer in Oberalm so bearbeitete, wie es ihm Ortsheimatpfleger Steiner mit Längenmaßen „in Ellen und Schuhen“ vorgab. „Besonders schwierig war die unregelmäßige Anordnung der Schriftzeichen beim Meilenstein, um dem Original möglichst gerecht zu werden“, sagte Seibold. –  Und Steiner: „Ich hab immer wieder vorbei geschaut beim Fritz und ihn gefragt: Wie weit bist denn schon?“

Steiner bedankte sich bei der Archäologin Andrea Krammer für die Zusammenarbeit zur Errichtung der Informationstafeln, ebenso bei Karlheinz Schuster vom Verein Freundeskreis Heimathaus Chieming, der an der Erstellung der Grafiken beteiligt war. Der Ortsheimatpfleger wies auf die QR-Codes hin, mit denen die Römergeschichte rund um den Chiemsee digital abrufbar ist. Nun wünsche er sich, dass die Informationsquellen von Interessierten und Schulklassen angenommen werden, auch Römerführungen könnten dazu beitragen, das Bewusstsein für die Römerregion zu stärken.

Die Schlussrede hielt Professor von Schnurbein. Von Schnurbein stellte den Weihestein für die alten Götter Jupiter Arubianus (bereits von den Kelten verehrt) und den römischen Lokalgott Bedaius in den Mittelpunkt seiner Betrachtung, indem er Einblick in das Leben des Stifters Vindius Verus gab, der den Stein laut Inschrift am 15. Mai 226 nach Christus aufstellen ließ. Er war als Benefiziarier der zweiten italischen Legion in der Region eingesetzt, das entspricht in etwa dem höchsten Unteroffiziersdienstgrad der Bundeswehr, also etwa einem Stabsfeldwebel. „Diesen Dienstgrad erreicht man etwa nach 18 bis 20 Dienstjahren. Da der römische Soldat etwa mit 18 bis 20 Jahren ins Heer eingetreten ist, muss es sich um einen etwa 40 Jahre alten Römer handeln, der etwa um 180 nach Christus geboren ist“, so der Archäologe. „Seine Tätigkeiten bestanden wohl in der Eintreibung von Geldern, er hatte eine Funktion als Zöllner, oder war mit polizeilichen Aufgaben vertraut, er ist als Vertrauensmann zu sehen.“ Da die Region um den Chiemsee zur Römerzeit zur Provinz Noricum gehörte, war der Stifter des Weihesteins dem Legionsstützpunkt Lauriacum (nahe Linz) zugeordnet. Die zeitliche Einordnung lässt darauf schließen, dass der Steinstifter Vindius Verus weit herumgekommen ist. Vermutlich hatte ihn seine Militärlaufbahn bereits nach Parthien (Syrien) und nach Britannien und Schottland geführt. Der römische Soldat Vindius Verus hatte offensichtlich genügend Geld, um den Weihestein zu setzen. „Man kann einen solchen Stein nicht nebenbei finanzieren“, sagte von Schnurbein augenzwinkernd zu den Anwesenden. Der römische Meilenstein daneben gäbe nicht so viel an individuellem Hintergrund her, er ist als Informationsstein zu sehen, der Reisenden eine Auskunft darüber gab, wie wieviel römische Meilen sie auf der Römerstraße zwischen Salzburg und Augsburg von ihrem Reiseziel noch entfernt sind. Von Schnurbein sprach dem Projekt Römerregion Chiemsee seinen Glückwunsch aus.

Bericht und Fotos: Arno Zandl / LAG Chiemgauer Seenplatte

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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