Brauchtum

Chiemgauer Fahnen Teil 1 – Hintergrund und Geschichte

„Der Herr Pfarrer will nicht, er weigert sich unsere neue Fahne zu weihen, was sollen wir bloß machen?“ – die Vorstandschaft des jungen Trachtenvereins war ganz verzweifelt. So gut hatte bisher alles zusammen gepasst: die jungen Leute trafen sich zu den geselligen Abenden, die alten Tänze wurden miteinander geprobt, man sang miteinander und bemühte sich auch um die Wiederbelebung der Tracht im Sinne vom Lehrer Vogel.

Und jetzt das! Ohne eigene Fahne war der Verein doch der Gar-Niemand im Dorf, alle hatten anderen sie eine, eine Fahne, ein Banner, einen Wimpel oder gingen hinter den verschiedenen Fahnen der kirchlichen Organisationen nach. So war der Wunsch nach der eigenen Fahne als Zeichen der Zusammengehörigkeit das erste, was sich der Verein gleich nach seinen ersten Anfängen erfüllen wollte. Doch Fahnen sind teuer, die Schwestern in den Klöstern verlangten viel Geld für die Stickereien, bedruckte Fahnen waren eine andere billigere Möglichkeit. So hieß es zunächst sparen und Geld sammeln, gar nicht so einfach, wenn die Masse der Mitglieder kein Geld hat, wenn hauptsächlich Dienstboten und nachgeborene Bauernsöhne zu den Platterabenden zusammenkommen. Ein paar Jahre dauerte es schon, dann war genug Geld beisammen und die Fahne konnte bestellt werden.

Schließlich war alles für die vorgesehene Fahnenweihe gerichtet, deren Ablauf man sich schon als Vorbild beim benachbarten Veteranen- und Kriegerverein genau angesehen hatte: die Veteranen und die Feuerwehren gründeten ihre Vereine fast alle zur gleichen Zeit, wie die Trachtler, aber sie hatten kein so unüberwindlichen Schwierigkeiten zu bestehen. Was hatte es denn nun damit auf sich? Musste das ganze Fest abgeblasen werden und die Fahne im benachbarten Salzburg geweiht werden? Denn das eine war allen Beteiligten klar: eine Fahne musste den kirchlichen Segen haben. Ohne den Segen des Himmels war es keine Fahne, kein Symbol für die Gemeinschaft, sondern blieb ein Stück buntes Tuch.

Fahnenweihe früher und heute

Große Veränderungen haben sich in der Vergangenheit bei der Weihe der Fahnen ergeben: in der Vereinschronik des Trachtenvereins „Griabinga“ Hohenaschau heißt es: Da in jener Zeit durch einen Erlass des Erzbistums München-Freising keine Trachtenfahne geweiht werden durfte, musste unsere Fahne im Dom von Salzburg geweiht werden. Diese Fahne begleitete den Verein 80 Jahre lang, bis zum 100jährigen Gründungsfest.

Eine Anfrage an das Archiv des Erzbistums München und Freising ergab jedoch keinen Hinweis auf ein explizites Verbot der Weihe von Trachtenfahnen zwischen 1878 und 1909; am 17. Mai 1881 erging jedoch folgender Erlass des Ordinariats über „die Gottesdienste bei Gelegenheit von Festen der Veteranen-Vereine und ähnlicher Genossenschaften“:

Die von Veteranen- und Kriegervereinen, von Feuerwehr- und Turnvereinen, veranstalteten Festlichkeiten haben sich in den letzten Jahren in beachtungswerther Weise vermehrt. Es kann wohl nicht verkannt werden, dass diese gehäuften Feste zum guten Theile in der herrschenden Vergnügungssucht ihre Quelle haben und denselben die willkommene Nahrung zuführen. Verdient diese Erscheinung schon an und für sich die wachsame Aufmerksamkeit der Seelsorger, so wird deren Thätigkeit direct dadurch in Anspruch genommen, dass häufig auch eine gottesdienstliche Feier bei Gelegenheit jener Festlichkeiten erbeten wird. Hier kann es nun leicht dahin kommen, dass die am Vormittag stattfindende kirchliche Feier den Deckmantel bilden muss für die am Nachmittag und Abends gebotene Gelegenheit zu sittlichen Ausschweifungen jeglicher Art. So wird angeordnet, dass die Fahnenweihen unmittelbar nach dem Pfarrgottesdienst stattfinden müssen und sich keine Tanzveranstaltungen anschließen dürfen, eine Feldmesse ist auf keinen Fall zu gestatten.

Auch bei den anderen vor dem ersten Weltkrieg gegründeten Trachtenvereinen des Chiemgau-Alpenverbandes ist die Weihe der ersten Fahne in der eigenen Kirchengemeinde die Ausnahme, denn die Geistlichkeit hatte damals für diese neumodischen Trachtenvereine nicht allzu viel übrig. Fast allen Trachtenfahnen der Frühzeit wurden bei Feiern im Dom von Salzburg der kirchliche Segen zuteil. Dabei dürfen die äußeren Umstände der neu gegründeten Trachtenvereine nicht außer Acht gelassen werden: anders als heute waren die Gründer und Träger der Vereine vor allem Dienstboten und nachgeborene Bauernsöhne, deren politische Heimat wohl nicht so sehr beim katholischen Zentrum, sondern viel mehr bei der nicht kirchenfreundlichen Sozialdemokratie zu suchen war. So lehnten die Pfarrherrn weniger die Plattler, Tänzer und kurzen Lederhosen ab, sondern hauptsächlich die aufrührerischen Ideen der Vereinsgründer, die hinter den Vereinen standen.

In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg und erst recht seit dem Beginn der 50er Jahre, als die meisten Vereine ihre zweiten Fahnen beschafften und weihen ließen, änderte sich das Verhalten der Kirche: die Trachtenbewegung ist als Träger des christlichen Gedankengutes und als treuer Verfechter des Glaubens anerkannt. Die Kirche weiht daher die Fahnen als sichtbare Vereinszeichen und gibt darüber hinaus ihren Segen allen, die diesen Zeichen folgen. Der Segen der Fahne reicht also weiter als nur für das bunte Tuch, wenn der Priester den kirchlichen Segen erteilt hat.

Heute sind Fahnenweihen selten geworden, alle 23 Vereine des Chiemgau-Alpenverbandes haben ihre Fahnen, der Gauverband die Gaustandarte mit dem Bild der Seligen Irmengard von Frauenchiemsee auf der Schauseite und dem Gauabzeichen auf der anderen. Die letzten großen Fahnenweihen mit Beteiligung des Chiemgau-Alpenverbandes waren die Weihe der beiden Gaustandarten des Altbayerisch Schwäbischen Gauverbandes und des Inngaues, bei denen der Chiemgau-Alpenverband den Paten machte und die Weihe der neuen Fahne der „Koasawinkla“ Reit im Winkl im Sommer 2001.

Da kommt’s her

Fahnen und Flaggen haben immer schon eine wichtige Rolle bei bedeutsamen Ereignissen in der Geschichte der Menschheit gespielt; sie haben patriotische Leidenschaft geweckt, die Freude bei Festlichkeiten und Feiern verstärkt oder bei einem Traueranlass ernste, feierliche Würde zum Ausdruck gebracht. Das hat sich in moderner Zeit nicht verändert. Die Fahne oder ihre Vorläufer in Gestalt von Tierschwänzen, Fellen oder farbigen Tüchern waren als Unterscheidungs- und Zugehörigkeitssymbol, als Kampf- und Siegeszeichen, aber auch als allgemeines Herrschaftszeichen schon immer bekann. Im frühen Altertum befanden sich auf der Fahne als Sinnbilder meistens Tierdarstellungen, allgemein vertraut sind uns immer noch die römischen Legionsadler. Kaiser Konstantin der Große benutzte als erster das Kreuz als religiöses Siegeszeichen auf der Wappenfahne (Schlacht an der Milvischen Brücke „In hoc signo vincis“). Aus den römischen Militär-Fahnen entstand dann die Kirchenfahne, wie sie mit ihrer Querstange noch heute bei den Prozessionen der katholischen Kirche in Gebrauch ist. Die „Heiligen-Fahnen“ gewannen darüber hinaus mit der Einführung der Fahnenweihe und des Fahnensegens an Bedeutung, als Fahnen im Abendland endgültig auch in kriegerischen Gebrauch genommen wurden; so besonders zum heiligen Krieg der Kreuzzüge oder zu päpstlichen Fahnen-Verleihungen seit der ersten Hälfte des 11.Jahrhunderts vor allem bei den Jerusalemfahrern.

In der abendländischen Geschichte kommt eine besondere figürliche Darstellung auf dem Fahnentuch erst seit dem Beginn des Wappenwesens vor. Fransenbesatz an den Fahnenseiten ist seit 1100 nachweisbar. Gestickte Fahnen kennt man seit etwa 1500, dabei wurden echte Gold- und Silberfäden verwendet; bemalte Fahnen waren über Jahrhunderte die Regel. Bis ins 16. Jahrhundert ist das quadratische Banner, dessen Tuch die Zeichnung des Wappenschildes wiedergibt, die normale Form der Fahne für selbständige Herren. Seit etwa 1800 erhielten die Fahnen Orden und Inschriften zur Erinnerung an Schlachten. Den Trauerflor an der Fahne kennt man seit 1572. Fahnenbänder – an der Spitze der Fahne befestigt – wurden seit 1743 bei militärischen Fahnen von Staatsoberhäuptern, bei nichtmilitärischen auch von Behörden, Verbänden und Einzelpersonen gestiftet. Die Fahnen dienten ursprünglich im Kampf als Richtungszeichen und Sammelpunkt für den Soldaten des jeweiligen Fähnleins. Aus dieser Bindung erwuchs die Bedeutung der Fahne als Symbol der christlichen und militärischen Ehre und Treue („Für Gott und Vaterland“).

Wie kirchliche Fahnen – geschmückt mit religiösen Zeichen oder Bildern – zur Ausstattung von Prozessionen. Todesfeiern und festlichen Anlässen gehören, so gelangte über das militärisches Brauchtum (z.B. die besonders ausgeprägte Landsknechtsfahne des 16.Jahrhunderts oder die Fahne im Dreißigjährigen Krieg), über die kirchlichen Vereine und Verbände die Fahne auch als Symbol und Zeichen christlicher Lebenshaltung in die Brauchtumsvereine als Zeichen gemeinsamer Herkunft und Zusammengehörigkeit bei öffentlichen Auftritten.

Bericht und Fotos: Heinrich Rehberg

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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