Gastronomie & Wirtschaft

Blicke nach vorn – aus dem Chiemgau zum Weltwassertag 2018

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Von Wolfgang Dietzen – Der Geist, den die halbtägige Veranstaltung unter dem Namen „Gewässerschutztag“ auf dem Chiemgauhof-Locking bei Amerang ausströmte, hatte die Zukunft der Wasserwirtschaft und der Landwirtschaft im Fokus. Anlass war der Weltwassertag, der anlässlich der Weltkonferenz „Umwelt und Entwicklung“ 1992 in Rio de Janeiro ins Leben gerufen wurde und seitdem alljährlich begangen wird.

Hochkarätige und zukunftsorientierte Stichworte, wie Grundwasserschutz, gesunder Boden, gesunde Pflanzen, Wasserqualität, bedarfsgerechte Düngung, Gewässerrand Streifen und Boden leben standen nicht nur auf dem Plakat des Amtes für Landwirtschaft und Forsten Rosenheim sondern kamen in der gesamten Veranstaltung in vielfältigen Beiträgen zur Sprache.

Als Vertreter des Amtes für Landwirtschaft und Forsten begrüßte Landwirtschaftsdirektor Georg Baumgartner die zahlreich erschienenen Gäste und führte in die Themenkomplexe der Veranstaltung ein.

In drei Gruppen wurden die Teilnehmer am Chiemgauhof und an der nahegelegenen Murn an folgende Themenfelder herangeführt:

  1. Die Landwirtschaft des Chiemgauhofs Locking
  2. Die Renaturierung der Murn
  3. Vorstellung des Bachmuschelprojekts

Die Teilnehmer erhielten direkt am Chiemgauhof und an der Murn detailreiche Einblicke in die Themenfelder.

  1. Die Landwirtschaft des Chiemgauhofs Locking

In seiner kurzweiligen Führung durch seinen Betrieb, präsentierte Florian Reiter den Teilnehmern vieles, was für sie neu war. Hat er doch seit 2010 einen Weg eingeschlagen, der in dieser Form in der Region einmalig ist und auch für ihn neu war. Seine beiden Betriebssäulen umfassen einerseits die Haltung und eigene Vermarktung von Hähnchen der aus Frankreich stammenden Rasse Bresse-Huhn (französisch „Bresse gauloise“) und andererseits die Freilaufhaltung von Hausschweinen, die in diesem Fall vor allem den Stammrassen Schwäbisch-Hällisches Landschwein und dem ungarischen Wollschwein entstammen. Den im Freiland gehaltenen Bresse-Hühnern haben Florian Reiter und seine Partner den Namen „Les Bleues“ gegeben – der Tatsache geschuldet, dass sie blaue Beine (Läufe) haben. Florian Reiter bezeichnete sie bei seinem Rundgang als „Europäer“, die er voller Dankbarkeit von den Franzosen übernommen hat. Die harten Fakten sprechen ja auch eine deutliche Sprache: die Bresse-Hühner sind die Hühnerrasse, die weltweit seit Jahrzehnten bei den Feinschmecker und Kennern der französischen Küche den ersten Platz eingenommen haben. Die Zucht der Rasse geht sogar auf das Jahr 1864 zurück. Das Besondere ist, dass sie nicht nach fünf sondern erst nach 24 Wochen geschlachtet werden und bis dahin ihrer Zeit auf einem großzügigen Wiesenauslauf verbringen. Dadurch entsteht ein völlig anderes Fleisch und ein Genuss, der von einem drei-Euro-Hähnchen aus dem Supermarkt  nicht erwartet werden kann.

Seine zweite Betriebssäule – die Schweine – stellte Florian Reiter direkt am Auslauf seiner Schweine vor. Eigentlich hätte er fast nichts sagen müssen, denn die Anwesenheit der Schweine in einem geräumigen, freien Auslauf in dem sie all ihren arteigenen Bedürfnissen nachgehen können, war selbsterklärend. Eine ständig wachsende Zahl von Interessenten aus der Region, die inzwischen die Möglichkeit entdeckt haben, im Hofladen vom Chiemgauhof in Locking ein Stück Spitzenfleisch zu erwerben, sprechen inzwischen auch eine eigene Sprache. In einem Nebensatz konnte Florian Reiter auch berichten, dass inzwischen die Küche von BMW aus München seinen Hofladen entdeckt hat.

Wer mehr über den Chiemgauhof in Locking erfahren möchte, kann sich auch in der Mediathek des Bayerischen Fernsehens unter folgender URL einen vor wenigen Tagen gesendeten Beitrag, anschauen:

https://www.br.de/mediathek/video/aufgegabelt-von-alexander-herrmann-18032018-bresse-huehner-und-haselnuss-spezialitaeten-av:5a7b158b2151a7001763d557

  1. Die Renaturierung der Murn

Dem Welt-Wassertag wurde dann die nächste Führung an die Murn durch die Vertreter des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim besonders gerecht. Konnten sie doch ein Projekt vorweisen, an dem modellhaft aufgezeigt werden kann, was aus einem vor Jahrzehnten begradigten Fließgewässer durch eine professionelle Renaturierung werden kann. Flussmeister Robert Wimmer, Frau Anita Etz und Sebastian Held präsentierten ein überzeugendes Vorzeigeprojekt, das geeignet ist, einen Weg aufzuzeigen, der in Zukunft bei vielen Gewässern einzuschlagen ist, bei denen in der Vergangenheit aus der Sicht des heutigen Bewusstseins gesündigt worden ist. Bei den Ausführungen kam auch zum Tragen, dass Projekte dieser Art nur möglich sind, wenn die Landwirte und Anrainer der Gewässer von den Maßnahmen überzeugt werden können.

Bei dieser Führung gab es auch von Alex Weber (Gewässerwart, KREISFISCHEREIVEREIN WASSERBURG e.V.) direkt an der Murn einen besonderen Einblick in den naturnahen Aufwuchs von kieslaichenden Fischarten mit Hilfe von Brutboxen. Das System der Brutboxen wurde von Alex Weber direkt am Original und anhand von Kies-Demo-Gläsern überzeugend präsentiert. Die von Alex Weber und einigen seiner Kollegen bereits seit Jahren angewendete Methode lässt hoffen, dass auf diese Weise die kieslaichenden Fischarten wirksam unterstützt werden können. Die Methode nutzt dabei die Erkenntnis, das natürlich aufgewachsene Fische wesentlich resistenter gegenüber den Gefahren im Gewässer sind und sich bereits nach ihrem Schlupf aus dem Ei an ihren Lebensraum gewöhnen können. Besonders interessant sind dabei auch die folgenden Erkenntnisse: die Prägung der Fische an das Gewässer erfolgt bereits im Ei und die natürlich aufgewachsenen Fische werden später versuchen nach ihrer Geschlechtsreife an den Ort ihrer Geburt zurückzukehren, um dort zu laichen.

  1. Vorstellung des Bachmuschelprojekts

Ein besonderes Highlight der Veranstaltung war die Vorstellung des Bachmuschel-Projektes durch Frau Marina Pagel aus dem Landschaftsarchitekturbüro Niederlöhner aus Wasserburg. Frau Pagel gab einen Einblick in das zukunftsweisende Projekt der Regierung von Oberbayern, in dem ganz besonders deutlich wird, wie Ökosysteme funktionieren und wie schnell es passieren kann, dass die Dinge aus dem Gleichgewicht geraten und dabei bedeutende Arten sogar ganz verloren gehen können.

Die Bachmuschel (Unio crassus), die heute bereits in vielen Fließgewässer nicht mehr vorkommt, ist daher aus ökologischer Sicht ein ausgezeichneter Indikator für den ökologischen Zustand eines Fließgewässers. Nachbarländer von Deutschland, wie etwa Luxemburg, haben dies offensichtlich bereits intensiver begriffen, als wir in Bayern. So sind diese bereits dabei, sich an millionenschweren EU-Projekten zu beteiligen, um gefährdete Fließgewässer-Ökosysteme zu retten, in denen die Bachmuschel ein herausragender Indikator darstellt. Bei der Beantwortung der Fragen, die an Frau Pagel gestellt worden sind, war abzulesen, dass bei uns noch sehr viel mehr getan werden muss.

In den Gesichtern der zuhörenden Teilnehmer, war aber auch deutlich abzulesen, dass durch die professionelle und sympathische Präsentation der Bachmuschel nicht nur Spezialisten sondern jeder Bürger angesprochen werden kann.

Die Veranstaltung zum Weltwassertag 2018 auf dem Chiemgauhof-Locking muss als rundum gelungen angesehen werden. Zufriedene Gesichter und angeregte Gespräche bei bester Stimmung und Frühlingssonne ließen keinen anderen Schluss zu. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.chiemgauhof-locking.de.

Fotos: Wolfgang Dietzen

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

2 Kommentare

  • Der Beitrag von Wolfgang Dietzen über den Weltwassertag erzählt eindrucksvoll und brilliant bebildert von drei verschiedenen Themen, die alle sehr eng mit Natur und Landschaft und konkret der Landwirtschaft zusammen hängen. Kreative und zugleich auch mutige Köpfe sind unter den Landwirten gefragt, wenn sie sich selbst ein Konzept zurecht legen, was sie wie produzieren und dabei auch den erforderlichen und immer berechtigten Gewinn machen!
    Die konkrete Gewässerrenaturierung der Murn möge vielfach „Schule machen“ und steht, wie das Projekt Bachmuschel in einem beispielhaften Zusammenhang mit dem Weltwassertag. Mögen viele Menschen diesen Beitrag wenigstens lesen, wenn sie nicht an diesem Hofbesuch und Begang dabei sein konnten!

  • Schön, dass es solche Bäche mit Muscheln noch gibt, damit solche, noch gesunden Beispiele nicht ganz aus unserer Umwelt verschwinden, müssen chemische Schadstoffeinträge, besonders aus der Chlorchemie aufhören. Dazu müsste die Chlorchemie auf der Stelle sofort eingestellt werden, wenn es nicht eh schon zu spät ist.
    Diese Schadstoffeinträge sind die Hauptursache für die Vergiftung von Gewässer und Böden weltweit.

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