Landwirtschaft

Besuch auf der Piesenhauser Hochalm im Hochplattengebiet

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Zwischen den Chiemgauer Hausbergen Kampenwand und Hochplatte und mit einer Weitsicht bis zu 400 Kilometer vom Großvenediger bis zum Bayerischen Wald liegt die Piesenhausener Hochalm im Hochplattengebiet. Ein Besuch auf der 1.360 Meter hoch gelegenen Alm lohnt sich – nicht nur wegen der einzigartigen Lage und traumhaften Sicht hinab ins Schlechinger Tal oder zum Chiemsee.

Anderl Aigner, 33jähriger Naderbauer von Piesenhausen in der Gemeinde Marquartstein erläutert bei einem Almbesuch mit Stolz, was seine Familie mit der Alm auf Grassauer Gemeindefluren für eine lange Geschichte hat. „Seit 550 Jahren sind der Naderbauerhof und sowie die Piesenhausener Hochalm und die Naderbauer Niederalm in unserem Familienbesitz, später kam noch als dritter Kaser die Grassauer Hütte dazu“, so beginnt Anderl Aigner seine Erzählungen. Froh ist der Bauer und Almbesitzer, dass die 43 Stück Vieh auf der Alm alle sein eigen sind. Dazu kommen noch vier Kühe, die täglich gemolken werden. Für diese Arbeit hat die Alm zwei Sennerinnen, die sich auch um das Wohl der Gäste kümmern. Die Arbeit ausserhalb der Alm bleibt bei den Bauersleuten. 35 Hektar Lichtweide hat die Alm, dessen Gebiet zwischen 1.250 und 1.450 Metern Höhe liegt. „Achteinhalb Kilometer Zaun muss im Frühjahr erstellt, im Sommer gewartet und im Herbst wieder zurückgebaut werden, das sind insgesamt im Jahr rund 200 Stunden handfeste Arbeit, bei der wir von Freunden unterstützt werden “, erklärt Anderl Aigner, der sich mit seiner Familie auch noch beim sogenannten Schwenden körperlich betätigt, was gerade beim heurigen Hochsommer eine große Anstrengung ist. Unterstützung haben die Almleute beim Schwenden heuer auch vom Maschinenring Traunstein erhalten. „Das Schwenden ist notwendig, weil ansonsten die Weiden immer mehr verbuschen und damit die Viehnahrung immer weniger werden würde“ ergänzt der Almbauer. Von Unfällen sind die Almleute bis jetzt verschont geblieben – Gott sei Dank, denn in den letzten Jahren ging schon mehrfach ein Tier durch Blitzschlag verloren. Neben den Jung- und Milchkühen auf der Hochalm hat die Bauersfamilie Aigner noch rund 25 junge Nachwuchstiere auf der Niederalm unweit des bewirtschafteten Gasthofes Staffenalm und der Hochplatten-Bergstation. „Nach dem ersten Jahr auf der Niederalm kommen die Tiere im kommenden Jahr dann auf die Hochalm, das ist ein guter Einstieg“ sagt der Almbauer. Die Niederalm ist nicht bewirtet, wurde in den Jahren 2009 bis 2013 selbst renoviert und steht seither als Selbstversorgerhütte interessierten Urlaubsgästen zur Verfügung. „Aber nicht nur Auswärtige und Sommerfrischler kommen für ein paar Tage oder eine Woche und mehr, immer wieder nutzen Einheimische wie zuletzt Leute aus Oberwössen oder Bernau dieses Angebot für eine kurze Auszeit vom oftmals hektischen Alltag im Tal“, erklärt Almbauer Anderl Aigner.  Die Niederalm auf 1.050 Meter Höhe ist nämlich komfortabel eingerichtet und bietet für bis zu acht Personen Platz, die Nachfrage nach diesem speziellen Almangebot (ab drei Übernachtungen) ist recht zufriedenstellend.

Mit weiteren 30 Kühen im Tal bringt es Anderl Aigner auf fast 120 Tiere, was auch der etwaige Winterbestand ist. Wichtig für Anderl Aigner ist, dass auf seiner Alm nicht nur eigenes Vieh ist, sondern dass auch alle Tiere behornt sind, was eher eine Seltenheit ist. „Vielen Wanderern und Almbesuchern fällt das auf und sie freuen sich darüber, dass die vier Kühe und die Jungrinder noch ihre schönen Hörner tragen“, so der Almbauer zu seiner Fleckviehsorte und mit einem Pinzgauer Rind. Die Piesenhausener Hochalm ist eine Recht-Alm,. Bei Recht-Almen ist es so, dass  mehrere Bauern das Recht haben, Vieh für die Sommerweide zu liefern, die offizielle Erklärung lautet: „Eine Recht-Alm ist Eigentum des Staates und der Berechtigte hat das Recht, sein Vieh auf der Alm-Weide grasen zu lassen, ohne jegliche Kosten“. „Ursprünglich waren es bei uns 11 Berechtigte und 10 Kaser auf der Alm.  Vor rund 25 Jahren wurde der zuletzt noch verbliebene Berechtigte abgelöst, so dass der Almbauer seither die Alm komplett aus dem eigenen Bestand beschicken kann, die Familie Aigner hat somit vom Freistaat Bayern das alleinige Weiderecht, sie sind die Allein-Berechtigten. Das Beweiden erfolgt in drei eingeteilten Bereichen des gesamten Almgebietes, so dass stets Gras nachwachsen kann. Der heiße Sommer ist natürlich nicht dauerhaft ideal für die Almbewirtschaftung, aber noch zeichnen sich weder Wasser- noch Futtermangel ab, so dass wie geplant Ende September oder Anfang Oktober der Almabtrieb erfolgen kann. Der Heimgang von der Hochalm zum Tal-Bauernhof erfolgt in zwei Etappen. Am ersten Tag wird bis zur Niederalm gegangen, am zweiten Tag dann der Rest. Und wenn der Almsommer auch weiterhin unfallfrei ist, dann werden die Tiere auch feinsäuberlich geschmückt.

Sennerinnen freuen sich auf das Aufkränzen

Auf diese Aufgabe, dem Herrichten des Almschmuckes und dem Aufkränzen freuen sich jetzt schon die beiden heurigen jungen Sennerinnen Anna (31 Jahre) und Angela (23 Jahre). Beide verbringen heuer ihren ersten Almsommer in den Bergen abseits der sonst gewohnten Gesellschaft und beide sind froh, den Schritt weg vom bisherigen Arbeitsplatz hinauf auf die Hochalm gewagt zu haben. Anna aus der Gemeinde Saaldorf ist gelernte Schnitt-Zeichnerin und Angela aus Waging ist Gärtnerin. Anna und Angela ließen sich vor ihrem Almbezug von der Almbäuerin Steffi Aigner im Verarbeiten der Milch und im Kasen einlernen, Almbauer Anderl Aigner vermittelte viele Details zum Melken, für den Stall und rund um die Alm. Angela kommt noch zugute, dass sie auf dem kleinen elterlichen Bauernhof den Umgang mit Tieren und mit der Natur von klein auf kennengelernt hat. Wöchentlich wechseln sich die beiden Sennerinnen mit ihren Aufgaben ab. Eine kümmert sich um das Melken der Kühe und um das Käsen, denn die gesamte Milch wird zu Käse verarbeitet. Die Andere sorgt in dieser Zeit für die Brotzeitversorgung der Gäste und für das Backen von Kuchen mit dem Holzofen. Eine ganz wichtige Aufgabe ist das tägliche Zählen des Almviehs, was gar nicht so einfach ist. Einmal verzählten sich beide Sennerinnen, als der Almbauer wegen einer von ihm bemerkten Unruhe selbst zählte, waren anstatt der 43 Tiere nur 42 vorzufinden. Ein Jungrind entkam aus der Weide und verstieg sich an einem ganz schmalen Steig in Richtung Schleching, mit viel Glück wurde das Tier gefunden und wieder zur Herde zurückgebracht. Um 5 Uhr in der Früh beginnt für die Sennerinnen der Almdienst, die ersten Gäste kommen rund fünf Stunden später. „Bis dahin haben wir schon den Sonnenaufgang und das Frühstück genossen“, so die Sennerin Angela und Anna ergänzt: „Hier in den Bergen sind wir weit weg von unten und ganz in der Freiheit und in der Natur“. Für die Gärtnerin und Kräuterpädagogin ist besonders die Vielfalt der Blumen, Gräser und Kräuter sehr interessant, denn die Arten dessen, was auf den Weiden wächst, ist zwischen Kampenwand und Hochplatte oftmals ganz unterschiedlich. Am meisten bestellt wird von den Gästen, der Alm-Brotzeitteller, darauf befindet sich nicht nur der eigene Almkäse in verschiedenen Variationen, sondern auch der Alm-Speck und die von einem Metzger hergestellte Salami vom eigenen Almrindfleisch. Hilfreich ist es da, dass auf der Hochalm vier Ferkel bis zur Schlachtreife gefüttert werden. Die Familie Aigner vermarktet im übrigen ganzjährig das Almrindfleisch ab Hof, dazu heißt es: „Frische Luft, würzige Almwiesen, ständige Bewegung und die hervorragenden Eigenschaften der Fleischrasse Fleckvieh ergeben den einzigartigen Geschmack und die Qualität unseres Fleisches“. Bei den Getränken gibt es unter anderem Biere der Brauerein Schönram, was darauf zurückzuführen ist, dass einmal ein Senner zehn Jahre lang Sommer-Dienst auf der Hochalm leistete und im Winter bei der Brauerei arbeitete. Seither besteht eine gegenseitige und zufriedenstellende Partnerschaft.

Über Abwechslung freuen sich Almbauer und Sennerinnen immer wieder, insbesondere bei Besuchen von Bekannten und Freunden. Vor einigen Jahren führte auch die Hauptalmbegehung des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern mit Bayerns damaligem Landwirtschaftsminister Helmut Brunner zur Hochalm. Am dritten Sonntag im September wird –bei jedem Wetter- das Almfest mit Musik gefeiert. Ende September ist dann bei der nahen Bergwacht-Hütte eine Bergmesse und dann heißt es schon bald wieder Abschied zu nehmen von der Hochalm, deren Höhe auch im Herbst schon ersten Schnee bringen könnte. Aber daran ist derzeit nicht zu denken, denn Sonne und Sommer prägen heuer das Almleben hoch droben im Hochplattengebiet. Wie es im nächsten Jahre weitergeht? Darauf antwortet Almbauer Anderl Aigner: „Da lassen wir uns überraschen, heuer haben wir die Sennerinen über Umwege durch facebook gefunden, nächstes Jahr schauen wir wieder weiter“. Die Gelassenheit des Almbauern hat noch einen anderen Grund: mit seiner Frau Steffi erwartet er mit seinen zwei Buben und einem Dirndl demnächst wieder Nachwuchs – ein weiteres freudiges Ereignis neben der „Nebensache“ Alm.

Anton Hötzelsperger

Foto/s: Hötzelsperger – Eindrücke vom Almleben auf der Piesenhauser Hochalm

Weitere Informationen: Familie Aigner, www.naderbauer.de, Telefon 08641-592374

Wandertouren zur Piesenhausener Hochalm

Die Piesenhausner Hochalm ist erreichbar von Marquartstein-Piesenhausen zu Fuß in rund zweieinhalb Stunden Gehzeit. Bei Nutzung des Sessellifts der Hochplattenbahn verbleibt noch eine Zeit zu Fuß von ca. 80 Minuten. Von Schleching oder von Rottau aus ist der Weg ebenfalls etwa zweieinhalb Stunden. Eine weitere Route wäre von der Kampenwand, von dieser sind es etwa 90 Minuten, zwei Stunden Gehzeit sind zur Kampenwandbahn und eineinhalb Stunden zur Steinlingalm.

Die Freiheit des Grashüpfers

Die Freiheit auf den Bergen ist trotz der täglichen Arbeit von ganz in der Früh bis zum Einbruch der Dunkelheit für Anna und Angela ein hohes Gut. Dieses Gut gilt aber nicht nur für sie selbst, sondern auch für die ihnen auf der Alm anvertraute, große wie kleine Tierwelt. Das zeigte sich, als bei unserem Almbesuch  ein Grashüpfer den Weg durch das offene Fenster in die Küche fand und die beiden Sennerinnen sofort „Jagd“ mit einer Tasse auf den ungebetenen Gast machten. Schließlich erwischten sie den Grashüpfer nach einem spannenden Zick-Zack-Kurs und er konnte wieder an die Aussenwelt abgegeben werden. „Jetzt hat er wieder seine Freiheit!“ – so die Sennerinnen zufrieden.

 

 

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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