Tourismus

Bergsteigerdörfer Sachrang und Schleching

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig in Bayern. Dabei werden im Zeitalter des Klimawandels und eines zunehmenden Naturbewusstseins speziell im Alpenraum ganz unterschiedliche Strategien verfolgt: Verschiedene Regionen setzen auf den klassischen Fremdenverkehr und investieren in neue Aufstiegshilfen, Beschneiuungsanlagen und 5-Sterne-Hotels. Andere verfolgen einen anderen Ansatz mit einem nachhaltigen Alpintourismus für Bergsteiger und Wanderer, weisen eine exzellente Landschafts- und Umweltqualität auf und engagieren für die Bewahrung der örtlichen Kultur- und Naturwerte.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels stellt sich die Frage „Welcher Weg ist der richtige“? Klassischer Wintersport oder Bergsteigerdörfer? Oder doch beides?

Die „Bergsteigerdörfer” sind eine Initiative des Österreichischen Alpenvereins, Deutschen Alpenvereins, des Alpenvereins Südtirol und des Alpenvereins Slowenien, basierend auf der Alpenkonvention.

Die Alpenkonvention ist ein völkerrechtlicher Vertrag der acht Alpenstaaten und der Europäischen Gemeinschaft: eine Vereinbarung mit höchsten Zielsetzungen für die nachhaltige Entwicklung im Alpenraum. Die Alpenkonvention gilt als ein Meilenstein in der Geschichte des Umweltschutzes.

Merkmale aller Bergsteigerdörfer sind ihre Ursprünglichkeit und Ruhe, ihre Lage im

Alpenraum mit einer entsprechenden Reliefenergie, ihr harmonisches Ortsbild, ihre alpine Geschichte, ihre gelebten Traditionen und ihre starke Alpinkompetenz.

Die Bergsteigerdörfer sollen eine Gästeschicht ansprechen, die sich Urlaubsorte im Alpenraum aussuchen, in denen es beschaulicher und ruhiger zugeht. Gäste, die einen Aktiv-Urlaub in der Natur erleben wollen, die Eigenverantwortung und Umweltbewusstsein mitbringen oder zumindest sehr offen dafür sind. Und mit dem Besuch in einem der Bergsteigerdörfer entsteht eine echte Symbiose: Denn während der Gast endlich den Alltag hinter sich lassen kann, werden in den Gemeinden Arbeitsplätze gehalten, können kleine Gastronomiebetriebe ihr Auskommen finden, werden Nächtigungen auf Schutzhütten gebucht und findet das regionale kulinarische Angebot seine Abnehmer. Oberstes Ziel ist es, die Wertschöpfung in der Region zuhalten und nicht an irgendeinen regionsfremden Investor abzugeben.

Um in das Programm aufgenommen zu werden, müssen interessierte Gemeinden eine lange Liste von Kriterien erfüllen, die umfänglich abgeprüft werden. Ramsau bei Berchtesgaden war 2015 die erste deutsche Gemeinde, die aufgenommen wurde. Mittlerweile gehören nun auch noch Kreuth im Tegernseer Tal sowie Schleching und Sachrang im Landkreis Rosenheim zu diesem Kreis. Weitere Informationen im Internet unter https://www.bergsteigerdoerfer.org/27-0-Bergsteigerdoerfer-in-Deutschland.html

Was waren nun die Motive für die Gemeinden Schleching und Sachrang, sich den Anforderungen der „Kriterien für Bergsteigerdörfer“ zu stellen? Wir, der Landesvorsitzende des Bayernbundes Sebastian Friesinger und der Redakteur der „Weiß-Blauen Rundschau“, Fritz Lutzenberger, haben darüber mit den Bürgermeistern Josef Loferer der Gemeinde Schleching und Peter Solnar der Gemeinde Aschau, zu der Sachrang gehört, gesprochen.

Ausgangspunkt für die Überlegungen war die Diskussion bereits in den 1990er Jahren um das Naturschutzgebiet Geigelstein, die Dorferneuerung und das Ökomodell Achental.

Im Verein Ökomodell Achental, der im Jahre 1999 gegründet und von Altbürgermeister Fritz Irlacher vorangetrieben wurde, haben sich die Gemeinden Bergen, Grabenstätt, Grassau, Marquartstein, Reit im Winkl, Schleching, Staudach-Egerndach, Übersee und Unterwössen zusammengeschlossen. Sie fördern eine umweltverträgliche und zukunftsorientierte Entwicklung der Region.

Die Zustimmung in der Bevölkerung für einen Beitritt zu den Bergsteigerdörfern war hoch. Vorhandene Vorbehalte konnten in Gesprächsrunden bearbeitet und aufgelöst werden. Ein wichtiger Punkt war auch die Rücksprache von Altbürgermeister Hans Pumpfer mit dem Bürgermeister von Ramsau, der bereits über entsprechende Erfahrungen berichten konnte.

Eine typische Sommersaison in Schleching besteht aus Wanderangeboten, dem Achental-Radweg, Klettern in der Zellerwald und dörflichen Angeboten. Im Winter stehen Langlaufloipen zur Verfügung und für Winterwanderer werden eigene Wege geräumt.

Sachrang bietet neben den spezifischen touristischen Angeboten Musik von Weltrang mit den Meisterkursen und Abschlusskonzerten des Musikforums von Professor Schellenberger. http://www.musik-forum-sachrang.de/index.php/de/.

Für Bürgermeister Peter Solnar steht fest: „Wenn das Leben in einem Bergsteigerdorf funktioniert mit Baukultur, Tourismus und Nahversorgung, dann kommen auch die Gäste“.

Bürgermeister Sepp Loferer sieht das Bewerbungsverfahren als eine Art Theaterspiel mit Blick in die Zukunft. „Wir wollen unsere Talschaft erhalten mit den Almen als Aushängeschild“. Die Ökologisierung soll gemeinsam mit der Landwirtschaft vorangetrieben werden. Das Ökomodell hat Blühflächen längst etabliert. Das Bürgerbegehren Artenschutz macht aus seiner Sicht keine unüberwindbaren Probleme, weil im Tal Landwirtschaft und Naturschutz gemeinsam funktionieren.

Mit der Aufnahme in das Programm der Bergsteigerdörfer ist der Entwicklungsprozess aber nicht abgeschlossen. Regelmäßige Treffen der Partnerbetriebe und Vereine solle das Angebot weiter verbessern. Auch gemeinsame Almfeste sind ein Ziel.

Ein ÖPNV-Konzept ist entwickelt und die Planung für eine Ringlinie steht. Ein kostenloser Stundentakt wäre mit einer Erhöhung des Kurbeitrages um 1,50 Euro möglich. Eine ÖPNV-Verknüpfung vom Kaisergebirge bis zum Chiemsee wäre auch für Pendler interessant.

Natürlich gibt es auch Probleme. Die Erwartung der Freizeitindustrie lautet „an jedem Ort zu jeder Zeit alles machen können“. Durch die Nähe Münchens hat der Tagestourismus gewaltig zugenommen. Die Gemeinden drohen im Individualverkehr zu ersticken. Am Geigelstein sind bis zu 500 Tourengeher pro Tag unterwegs. Und nachts zieht sich eine Kette von Stirnlampen vom Berg herunter bis ins Tal.

Die Bürgermeister sind sich einig, dass das Niveau der Bergsteigerdörfer hochgehalten werden muss. Die Qualität der Gäste muss passen und sie müssen Verständnis haben für das Leben in den Dörfern. Aber auch die Menschen vor Ort müssen das Konzept wollen und leben. Eine Überprüfungskommission wird das beurteilen.

Text: Fritz Lutzenberger/Bayernbund, Bilder Herbert Reiter

Bilder:

B042h: Redaktionsbesuch in Schleching: Bürgermeister Sepp Loferer, Bayernbund-Landesvorsitzender Sebastian Friesinger, Bürgermeister Peter Solnar)

B042a: Dorfleben in Schleching

B042b: Streichen bei Schleching

B042c: Blick vom Geigelsteingipfel

B042d: Sachrang

B042e: Priener Hütte im Winter

B042f: Oelbergkapelle in Sachrang

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© Copyright Samerberger Nachrichten.