Leitartikel

25. November: Kathrein stellt den Tanz ein

Von Dorothea Steinbacher – Heute heiratet man gern im Mai und hält das für eine uralte Tradition (dabei kommt der “Wonnemonat” vom altdeutschen “Wunnimanod” und heißt: Weidemonat). Doch hatte bis vor einigen Jahrzehnten im Mai niemand Zeit, eine große Hochzeit zu feiern, denn die Arbeit auf den Feldern war in vollem Gange. „Im Maien soll man nicht freien“, und: „Hochzeit im Mai ruft den Tod herbei“ hieß es früher – ausgerechnet unser romantischer Lieblingsmonat galt vielerorts bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als ungünstiger Hochzeitsmonat – und das war auch in der Antike schon so.

Nach Kirchweih aber war die Ernte eingebracht, die Arbeit auf den Feldern ruhte weitgehend, und damals bestimmte der ländliche Rhythmus den Hochzeitstermin – auch beim Adel: Von der Landshuter Fürstenhochzeit am 14. und 15. November 1475 bis zur berühmten bayerischen Königshochzeit zwischen Kronprinz Ludwig von Bayern und Therese von Sachsen-Hildburghausen am 12. Oktober 1810 fanden große Hochzeiten im späten Herbst statt. Letztere Hochzeit begründete übrigens das Oktoberfest auf der nach der Braut benannten Theresienwiese.

So war der November noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der beliebteste Monat nicht nur für Hochzeiten, sondern auch für andere öffentliche Tanzveranstaltungen. Am 25. November war jedoch traditionell wieder Schluss mit den Lustbarkeiten: „Kathrein stellt den Tanz ein“ und “Kathrein schließt Geige und Bass ein”. Ab dem Namenstag der heiligen Katharina durfte bis Dreikönig nicht mehr öffentlich getanzt und musiziert werden – nach dem Kathreinstanz am Abend dieses Tages begann die “stille Zeit”.

Die ursprünglich sechswöchige vorweihnachtliche Fastenzeit wurde – in der Westkirche – bald schon verkürzt auf die Adventszeit und begann exakt vier Wochen vor der Feier der Christusgeburt am 25. Dezember, eben am 25. November. So traf es die heilige Katharina, deren Namenstag an diesem Tag im Kalender steht, obwohl die Legende der berühmten Heiligen keinerlei Zusammenhang mit Hochzeiten, Tanzveranstaltungen oder Fasten aufweist.

Die Legende der heiligen Katharina von Alexandrien

Katharina lebte der Überlieferung nach im 4. Jahrhundert, sie war die schöne und kluge Tochter des Königs von Zypern. Angeblich wollte sie nicht heiraten, weil, wie sie sagte, ein Bewerber um ihre Hand ihr nie das Wasser reichen könne. Stolz wies sie alle Aspiranten von vornherein ab. Durch einen Einsiedler bekehrt, steckte ihr im Traum das Jesuskind einen Verlobungsring an den Finger und Katharina bekannte sich zu Jesus Christus als ihrem “Bräutigam”. Sie reiste nach Alexandria – die ägyptische Metropole stand damals unter römischer Herrschaft und war zeitweise die zweitgrößte und -wichtigste Stadt des Reiches nach Rom. In der legendären antiken Kulturmetropole Alexanders des Großen studierte Katharina die sieben freien Künste, sie war eine gebildete Frau. Als der römische Kaiser befahl, dass alle Christen den römischen Göttern opfern sollten, weigerte sie sich. Stattdessen verwickelte sie ihn in einen philosophischen Disput, um ihn vom christlichen Glauben zu überzeugen. Dem Kaiser gingen bald die Argumente aus, und er ließ sofort fünfzig Weise zum Stadthaus nach Alexandria kommen, die Katharina von des Kaisers Glauben an die römischen Götter überzeugen sollten. Das Gegenteil trat ein: Die Weisen verstummten ob der rhetorischen Kunst Katharinas und bekehrten sich zum Christentum. Der Kaiser ließ sie nun alle hinrichten, Katharina sollte gerädert werden, doch Blitz und Donner zerbrachen das Rad, worauf sie durch das Schwert starb. Aus ihrem Leib strömte Milch statt Blut. Engel ergriffen ihren Leichnam und brachten ihn ins Kloster auf den Berg Sinai, in das nach ihr benannte und bis heute existierende Katharinenkloster, in dem angeblich ihre Gebeine ruhen.

Die Verehrung der heiligen Katharina

Die beiden Folterinstrumente Rad und Schwert sind auch ihre Attribute – das Rad oft zerbrochen –, deshalb ist Katharina auf den vielen Darstellungen in Kirchen und Kapellen leicht zu identifizieren. „Barbara mit dem Turm, Margarethe mit dem Wurm und Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl“ – ein Merksatz, mit dem sich die auf Bildern oft als Dreiergruppe auftretenden heiligen Frauen identifizieren lassen. Das Rad, das man in der christlichen Legende zu ihrem Marterwerkzeug erklärt hat, ist dabei wohl als Symbol zu sehen – für den Sonnenlauf ebenso wie für den Lauf des Schicksals, den Lebenslauf.

Katharina wurde ab dem 8. Jahrhundert in der Ostkirche verehrt. In ihre Legende ist vermutlich auch die Lebensgeschichte der Hypatia eingeflossen, einer ägyptischen Gelehrten, die im Jahr 415 ermordet worden ist. Die Kreuzritter erwählten Katharina als Schlachtenhelferin zu ihrer Patronin und brachten ihren Kult mit ins Abendland, wo die Heilige ab dem 13. Jahrhundert äußerst populär wurde. Bald zählte man sie zu den Vierzehn Nothelfern, den am häufigsten angerufenen Heiligen der katholischen Welt. Der Verlobungsring aus ihrer Vision bedeutete gleichzeitig ein Leben als “geweihte Jungfrau”. Bis heute gibt es die Jungfrauenweihe in der katholischen Kirche: Der Bischof spendet sie den Frauen, die vor ihm ewige Jungfräulichkeit schwören. Katharina wurde so zur Patronin der Nonnen und auch aller “jungen Frauen”, der Mädchen, Schulmädchen, Dienstmädchen, Arbeiterinnen, gleichzeitig aber auch der heiratswilligen Frauen und der Ehefrauen.

In Frankreich feierten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein Frauen, die mit 25 Jahren noch unverheiratet waren, den Tag als “Catherinettes”. Mit fantasievollen Hüten in Gelb (für die Milch, die Katharinas Leichnam entströmte) und Grün (für die Hoffnung) zogen sie durch die Straßen und sangen das Lied von der heiligen Katharina mit der Bitte, dass sie nicht ohne Ehemann blieben. Heute weitgehend vergessen, lebt die Erinnerung an diesen Brauch nur noch in den Werkstätten einzelner französischer Modehäuser, in denen die Näherinnen Catherinettes genannt werden und den Tag ihrer Schutzpatronin feiern.

Katharina wurde ihrer legendären Klugheit und rhetorischen Kunst wegen auch als Schutzpatronin der Philosophen, der Gelehrten und der Redner verehrt – eine enorme Bandbreite an Patronaten also, die eine einzige Heilige abdeckt, die in Wirklichkeit vermutlich nie gelebt hat.

Die Katharinenlegende ist seit der Kreuzfahrerzeit üppig ausgeschmückt und erweitert worden. So finden sich in der Figur der Katharina wohl auch viele Aspekte vorchristlicher Göttinnen, die, wie so oft, einfach christlich umgedeutet wurden. So feierte man angeblich auch den Gedenktag der nordischen Göttin Freya am 25. November. Freya war wie Katharina Schutzpatronin der Liebenden ebenso wie der Spinnerinnen, die nun ihre abendliche Winterarbeit begannen. Das Spinnen der Lebensfadens ist aber wiederum ein Motiv, das auf frühe Göttinnen hindeutet, die Leben schenken und nehmen können – indem sie eben den Lebensfaden spinnen und später wieder durchtrennen. Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Aspekte vereint auch Katharina. Denn so wie sie die Heilige des beginnenden Winters ist, hat sie als Patronin der Liebenden auch einen vitalen sommerlichen Aspekt – und das wurde nun ganz weltlich ausgelegt. Tatsächlich hatten beim Kathreinstanz mancherorts die Mädchen die Wahl: Sie durften sich einen Liebhaber suchen, über den Winter quasi testen und im Frühling wieder „entlassen“, wenn er „nicht ihren Erwartungen entsprach”.

Für Frauen und Männer war der Winter eine Zeit der “Drinner”-Arbeit, der Arbeit im Haus und in der Werkstatt. Nach dem Martinstag galt der Katharinentag als äußerste Frist für den Schluss der Viehweide. “Kathrei tut d’Küh nei …”: Bis ins 20. Jahrhundert hinein feierten die Bauern der Gotzenalm über dem Königssee an Kathrein einen Dankgottesdienst für das beendete Bauernjahr in St. Bartholomä.  “… und lasst d’ Spinnerinnen ei” – “und lässt die Spinnerinnen herein” heißt die Bauernregel vollständig.

Mit dem Tanzverbot in der vierwöchigen Fasten- und Bußzeit vor dem Weihnachtsfest zog man sich ins Private zurück. Und das musste nicht unbedingt heißen, dass man bis Weihnachten fastete und Buße tat. Wie überall und zu allen Zeiten war die “stille Zeit” ein dehnbarer Begriff und wurde von den Menschen ganz unterschiedlich ausgelegt. Unter das vorweihnachtliche Tanzverbot fielen ja auch nur öffentliche Veranstaltungen in den Wirtshäusern.

Bericht: Dorothea Steinbacher – entnommen dem Buch “Wenn´s Draußen finster wird / Bräuche und Legenden für die Winterzeit” vom Kösel-Verlag

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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