Leitartikel

Zum 75. Todestag von Thomas Bacher am 21.11.2020

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Thomas Bacher, letzter Haberermeister und Trachtler-Gauvorstand: Im Kindesalter, mit nur 12 Jahren zum Vollwaisen zu werden, sein Leben von nun an in die eigenen Hände nehmen zu müssen, ohne die schützenden Hände von Vater und Mutter. Unvorstellbare Gedanken in unserer heutigen Zeit – so erging es Thomas Bacher, der am 21. Dezember 1863 in Traubing das Licht der Welt erblickte.

Fleiß und Bescheidenheit besaß er schon als zwölfjähriger. Diese Eigenschaften waren es wohl, die ihn beim Kainz´n-Bauern so beliebt machten. Bei ihm und seinen schon betagten vier Söhnen durfte er von nun an seine Jugendjahre verbringen. Durch die Holzarbeit kam er später zum Bräu und brachte es vom Holzknecht bis zum Titel des Ökonomie-Baumeisters. Der „Bräu-Dammer“ wuchs zu einem großen, kräftigen Mannsbild  heran, der wohl schon beim Anblick seinem Betrachter wegen seiner stattlichen Statur den nötigen Respekt einflößte. Noch heute beschreibt man ihn als grundehrlichen, fleißigen Weggefährten, für den Lügen und Meineid  als das schlimmste Verbrechen galten.

Er selbst – kein Kind von Traurigkeit – sah sich der Überlieferung nach als Nachfolger vom Schmid von Kochl. Schon im Alter von nur 23 Jahren wurde er zum Haberermeister gewählt.  Noch heute erschallt  aufgrund seiner Königstreue ein dreifaches Vivat auf den Prinzregenten Luitpold von Bayern in der Erinnerung an ihn, an Thomas Bacher, der das Königshaus verehrte. Er war der letzte offizielle  Haberermeister, der diesem Geheimbund vorstand, ehe das „Haberfeld-Treiben“ untersagt wurde.  Namensgebend für das „Haberfeld-Treiben“ ist, wenn der Hafer als letzte Frucht gemäht war, die Felder also ohne Beschädigung betreten werden konnten. Man kam auf Anhöhen zusammen, die es möglich machten, dass es weit in das Land schallen konnte, was es zu hören gab.  Nur verlässliche, verschwiegene  Leute, gute Kameraden mit einwandfreiem Leumund wurden aufgenommen, um beim Oberländler Habererbund, der zwischen Isar und Inn tätig war mit dabei zu sein. Sie deckten Unsitten und Ungerechtigkeiten auf – was den damaligen Besatzungsmächten und vermeintlichen Gesetzeshütern missfiel. Der letzte Haberfeldmeister war der Bacher Thomas von Westerham. Nach Verrat aus den eigenen Reihen wurde er verhaftet und zu fünfeinhalb  Jahren Zuchthaus verurteilt. Trotzdem verriet er in der Haft keinen anderen Haberer. Dafür wird er im Oberland bis heute verehrt.  Und obwohl auch Waffenkenntnis gefragt war legt man bis heute großen Wert darauf zu erwähnen, dass durch die Haberer kein einziges Menschenleben vernichtet wurde.

Noch heute wird in Westerham der Stopselhut, der im Jahre 1907 als Festtagshut eingeführt wurde, getragen. „Waxlawa“: Zweige der Stechpalme als Ausdruck für die Schmerzen der Kerkerhaft von Thomas Bacher und die roten Moosröschen, die das unnütze Blutvergießen symbolisieren schmücken noch heute den Stopselhut. Dazu gehört eine weiße Hahnfeder des weißen Legkorngockels – nur dem Haberermeister ist es vorbehalten, je mit einer weißen  und einer schwarzen Feder seinen Hut zu schmücken. Es war Thomas Bacher, der in den Jahren von 1919 bis 1945 als 1. Gauvorstand die Geschicke des Gauverbandes I inne hatte. Er verstarb am 21. November 1945 im Alter von 82 Jahren.

Die beiden Weltkriege – der Erste gerade zu Ende und der Zweite zum Ende seiner Amtszeit sollten seine unermüdliche Schaffenskraft prägen, leiten und leider auch für mehrere Jahre zum Stillstand zwingen.  So ist in der Chronik des Gauverbandes I zu lesen „Durch den Ersten Weltkrieg war das Vereinsleben im Gauverband fast lahm gelegt. Erst nach einer unfreiwilligen Pause von sechs Jahren nahm der Verband am 21. April 1919 mit einer Delegiertenversammlung seine Arbeit wieder auf. Auf einer außerordentlichen Delegiertenversammlung Ende Juni in Rosenheim trat August Jüngling zurück. Thomas Bacher aus Westerham wurde neuer Gauvorstand“.  Das erste Gaufest nach dem Ersten Weltkrieg in Bad Aibling musste wegen Maul- und Klauenseuche ausfallen. Schwierigkeiten in der Gaukasse aufgrund der Geldentwertung während der Inflation,  und der Versuch der Vereinnahmung der Trachtenvereine durch die Nationalsozialisten erschwerten seine Arbeit in den Folgejahren.

Die Einführung des „Gauschlag“ als gemeinsamen Plattler, der Beitritt zu den Oberlandler  Gauverbänden (später Vereinige Trachtenverbände), die Teilnahme am Trachtenaufmarsch 1930 in Rosenheim unter Beteiligung aller Gauverbände der „Vereinigten“  und der Beitritt der Vereinigten Weihnachtsschützen Berchtesgaden in den Gauverband I ereigneten sich ebenso in seiner Amtszeit wie ein Preis- bzw. Gausingen. Es war der Kiem Pauli, mit dem er gemeinsam diese Gesangsveranstaltung in Ruhpolding-Zell unter der Vorgabe, dass nur Vereine und Sänger Preise  erhalten durften, die keine Provisionssänger sind, sondern ihren Gesang in der Heimat pflegen durchführte.

Sicherlich war es für ihn und seinem Stellvertreter, Dr. Conrad Adlmaier keine leichte Entscheidung im Jahre 1938 die Ämter niederzulegen. Hakenkreuze mussten an den Fahnen angebracht werden und die Organisation „Kraft durch Freude“ versuchte immer stärker, die Trachtenvereine für sich zu gewinnen und einzunehmen. Und es sollten erneut  sechs Jahre Stillstand folgen, ehe  Bacher und Adlmaier ihre Pläne zum Aufleben der Trachtensache bei einem Treffen in Westerham planten. Doch dazu kam es leider nicht mehr. Noch bevor sie ihre Pläne in die Tat umsetzen konnten, verstarb im Alter von 82 Jahren der „Bacher-Vater“ am 21.11.1945. Er war 26 Jahre Gauvorstand und 20 Jahre Vorsitzender der Vereinigten Bayerischen Trachtenverbände.

Heute sind es alle Trachtlerinnen und Trachtler, die Dirndl und Buam, die Verantwortlichen in den örtlichen Trachtenvereinen und Verbänden – alle sie, die sich für Heimat, Brauchtum und Tradition einsetzen und somit das Werk ihrer Vorfahren bewahren und weiterführen.  Denn es sind die Zeiten, die sich verändern – nicht die Werte.

Es sei an dieser Stelle der Abschluss der Aufzeichnungen von Dr. Conrad Adlmaier „Der Oberländler Habererbund“ gestattet, der da lautet:

„Alter Sitte treue Erben, bayrisch leben, bayrisch sterben“

Bericht: Inge Erb Pressewartin, Gauverband I

Fotos: Georg Berndl, Vorstand vom Trachtenverein “D ´Mangfalltaler” Westerham  – Repros: Inge Erb/hö

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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