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Wir stellen vor: Rauch-Club Wildenwart

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Die Begriffe „Rauchen“ und „Gemütlichkeit“ gehörten in der Zeit vor Volksbegehren und Volksentscheiden einst zusammen. Doch Rauchclubs sind nicht zu verwechseln mit Raucherclubs, wie sie nach dem Rauchverbot entstanden. Dicker Zigarren- und Virginiarauch waren in den Wirtshäusern früher der Urbegriff der Stammtisch-Gemütlichkeit, lange und kurze Pfeifen waren überall vertreten und nach den Weltkriegen fand auch die Zigarette ihren Weg aus den Schützengräben in die Gesellschaft und wurde bei Männern und Frauen allgegenwärtig. Das gemeinsame Rauchen verband alle Bevölkerungskreise, kein Wunder, dass man sich gerne zum gemeinsamen Rauchen zusammenfand, sei es mit der langen Pfeife auf der Sonnenbank vor der Haustür, sei es mit der Sonntagszigarre in der Stube oder am Stammtisch oder gar zum Preisrauchen. Hier galt es die einmal angezündete Zigarre oder die glühende Pfeife durch geschicktes Ein- und Ausatmen möglichst lange am Glimmen zu halten. Diese Preisrauchen wurden vor allem von den Rauchclubs veranstaltet. Das Wettrauchen geriet jedoch mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund. Was blieb war der soziale Gedanke.

Das Rauchen war zu keiner Zeit der alleinige Vereinszweck der Rauchclubs in unserer Region, das Ziel war ein ganz anderes: die Vereinsmitglieder sollten ein ordentliches Begräbnis erhalten. Sterbekassen waren zur damaligen Zeit auf dem Lande für Bauern- und Holzknechte noch nicht bekannt. Für die Familien damals bedeutete Invalidität, Krankheit oder gar Tod des Ernährers oft bitterste Armut, da das staatliche Sozialsystem erst im Aufbau war. So fanden sich um die Jahrhundertwende in Wildenwart, Prien und Rimsting ein paar Männer zusammen, um die verbliebenen Angehörigen im Todesfall rasch mit ein paar Mark für die Ausrichtung der Beerdigung unterstützen zu können. Die gleichzeitig entstehenden Krankenunterstützungsvereine hatten – wie die heutigen Krankenkassen – das Ziel den Lebensunterhalt der kranken Mitglieder sicherzustellen. Auch der gesellige Teil sollte bei den Rauchclubs nicht zu kurz kommen und so stand in den Statuten des Vereines, „der Verein habe die Pflege des anständigen Vergnügens und der geselligen Unterhaltung zu pflegen“. In einigen Nachbarorten, entwickelten sich aus den Krankenunterstützungsvereinen und Rauchclubs der Jahrhundertwende die heutigen Trachtenvereine.

Der Rauchclub Wildenwart ist einer von drei eigenständigen Vereinen – Prien, Rimsting und Wildenwart – die sich im Bezirk Prien zu einer Gemeinschaft zusammengefunden haben und umfasst 127 Mitglieder zwischen Hendenham im Süden und Siggenham im Norden. Der Mitgliederstand ist seit Jahren weitgehend gleich geblieben. Gemeinsam mit den beiden Brudervereinen beschaffte der Verein eine Fahn, die bei den Beerdigungen der Mitglieder mitgeführt wird und sich über dem offenen Grab senkt.

Jeder Einwohner der alten Gemeinde Wildenwart kann heute bis zur Vollendung des 40.Lebensjahres Mitglied im Rauchclub werden, ohne dass er dazu rauchen müsste. Keinesfalls werde im Verein das Rauchen gefördert, „da wir alle wissen, wie schädlich es für die Gesundheit sein kann“. Das beste Beispiel dafür sei es, dass im Moment fast der komplette Vorstand Nichtraucher sei. „Der Rauchclub Wildenwart ist heuer 99 Jahre alt und hat sich im Laufe seiner langen Geschichte bewährt, würde es ihn nicht geben, dann müsste man ihn erfinden“, so der Ortsvorsitzende Hans-Peter Priller. „Da die staatlichen Leistungen beim Sterbegeld im Jahr 2004 gestrichen wurden, muss jeder Einzelne Alternativen dazu suchen; der seit fast 100 Jahren über mehrere Generationen in unserer Region bewährte Rauchclub ist eine davon. Der Rauchclub stellt beim Ableben eines Mitgliedes noch am gleichen Tag sofort und unbürokratisch 400 Euro Sterbegeld für die Hinterbliebenen zur Verfügung. Der Verein gibt seinen Mitgliedern mit der Fahnenabordnung beim Requiem und am offenen Grab die letzte Ehre“.

Die Vereinssatzung wurde mehrfach überarbeitet und unterliegt der Versicherungsaufsicht der Regierung von Oberbayern. Die jährlich Überprüfung der Rechnungsunterlagen durch die Regierung von Oberbayern brachte in den vergangenen 98 Jahren keine Beanstandungen, die Vorstandschaft arbeitete stets fehlerfrei und ohne jegliche finanzielle Entschädigung ehrenamtlich. Bei den kirchlichen und weltlichen Ereignissen in Wildenwart ist der Verein mit der Vorstandschaft oder mit der Fahnenabordnung vertreten.

Bericht und Foto: Heinrich Rehberg

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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