Corona-Krise

Tagebuch: Wie Corona die Stadt verändert

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Aus dem Corona-Tagebuch von Karl Stankiewitz – Die „Osterruhe“ findet nicht statt. Die Kanzlerin hat sich geirrt und für die auch von 16 Ministerpräsidenten gebilligte Idee entschuldigt. Die vom Lockdown nicht betroffenen Geschäfte dürfen also doch am Gründonnerstag und am Karsamstag öffnen, damit es nicht am Mittwoch zuvor zum Feiertagseinkaufs-Chaos kommt. Jedoch bleibt eine seit langem kolportierte Horror-Vorstellung: dass unsere Innenstädte allmählich veröden. Wegen, aber nicht nur wegen Corona. München könnte einer der ersten Anwärter auf eine tote City sein.

Funktionäre des Einzelhandels rechnen damit, dass jedes zweite Geschäft infolge der Schließungen und des Umgewöhnens der Kunden in absehbarer Zeit aufgeben werde, während sich der Onlinehandel noch brutaler als bisher ausdehnen dürfte. Das könnte – außer einem wirtschaflichen und sozialen Rückschlag größter Art – eine gründliche Veränderung des Stadtbildes bedeuten. Eine Entwicklung übrigens, wie sie historische Seuchenzüge erzwungen haben: Nach der Pest wurden die mittelalterlichen Gassen „begradigt“, Typhus und Cholera erforderten neuartige, oft unterirdische Infrastrukturen.

„Die Innenstädte von morgen und übermorgen werden anders aussehen als die von heute,“ meint nicht nur Gerd Landsberg, der Geschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Ansätze dazu sind zu erkennen. Traditionsreiche Kaufhäuser, Restaurants, Biergärten und Handelsketten haben Insolvenz angemeldet oder bereits definitiv geschlossen. Das ist die eine, die zunächst eher abschreckende Seite, wobei ein Verschwinden oder Auflockern von immer gleichen Kettenfilialen gar nicht so schlimm wäre.

Die Kehrseite lässt eine urbane Bereicherung erwarten. Kaum mehr wird bezweifelt, dass „Corona“ auch die von vielen angestrebte Klima- und Verkehrswende vorantreiben könnte. So werden etwa geringere Schadstoffmengen in der Großstadtluft gemessen. Und schon scheinen sich der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad sowie die Planung von Radtrassen zu beschleunigen. Im April will München einige der im vorigen Jahr erprobten „Pop-up-Radwege“ als dauerhafte Spuren einführen, weiß statt gelb bemalt. Das hat der neue Mobilitätsausschusss soeben beschlossen, die Vollversammlung muss noch zustimmen. Derselbe Ausschuss will in Zusammenarbeit mit dem Landkreis im Herbst mit der „vertieften“ Planung von Radschnellverbindungen beginnen. Für den ersten, dicht bebauten Abschnitt vom Lenbachplatz bis zur Von-der-Tann-Straße sind die Planungen mittlerweile abgeschlossen.

Das Referat für Stadtverbesserung hat indes in der Schwanthalerstraße, durch die sich massig Verkehr in die Innenstadt quält, eine neue Straßenaufteilung mit viel Grün und ganz wenigen Parkplätzen erprobt. Für einen Tag eigneten sich nterschiedliche Initiativen und Privatpersonen den Straßenraum an und bespielten die Erdgeschoss- und die Aufenthaltszone als „alternativen Straßen-Layout“. Aus der Anwohnerschaft soll nun der Ruf aufgegrifen werden, „diese Intervention dauerhaft zu verstetigen“. Ein ähnliches Experiment sind heuer wieder autofreie „Sommerstraßen“.

Autofahrer werden wohl dauerhaft unter der Pandemie leiden müssen. Nicht nur upgepoppte Radlwege und zeitlich strukturierte Fussgängerzonen kosten Parkplätze, sondern auch die aus Wien übernommenen „Schanigärten“. Etwa 900 Gaststätten hatten zwischen erstem und zweiten Lockdown solche „Vorgärten“ beantragt. 1037 Parkplätze fielen dafür weg. SPD und Grüne haben nun einen Antrag gestellt, diese „neuen Sitzbereiche“ auch nach der Corona-Pandemie zu erlauben.

Eine Bereicherung des Stadtbildes könnte auch die künftige Nutzung von Orten bringen, die für Zwecke des Testens und Impfens hergerichtet waren. Dazu gehören große Hallen und Grünflächen. Und natürlich die Theresienwiese, von der Frühlings- und Oktoberfeste und Tollwood-Festivals bis auf weiteres verbannt und Großdemos aller Art irgendwann nicht mehr nötig sind. Ein riesiger Parkplatz wie nach 1945 gehabt soll die gute alte Wiesn aber auch nicht werden. 42 Hektar – teils kümmerliches Grünland, teils hässlicher Asphalt – stünden zur Verfügung, damit wird spekuliert: für Sport und Kultur, für temporäre Veranstaltungen und natürlich für Erholung und seelische Aufrüstung nach dem so lange währenden Knock out.

Einen ansprechenden Vorschlag haben die Münchner Grünen schon mal präsentiert: Sie rollten eine sehr lange Fahne mit den Regenbogenfarben, die eigentlich für Qeer Games werben soll, quer über das Spielfeld der großen Gaudi bis hin zur St.Paulskirche. Eine Botschaft der Hoffnung, nichts für Querdenker.

Bericht: Karl Stankiewitz – Foto: Thomas Stankiewitz

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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