Land- & Forstwirtschaft

Rückblick auf den Almsommer 2021

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Ein Beitrag von Hans Stöckl, Geschäftsführer vom Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern

Almsommer 2021: Schön verregnet und reichlich Futter

Fragt man Almerer und Almbauern von Berchtesgaden bis Garmisch-Partenkirchen, wie der Almsommer war, bekommt man ganz unterschiedliche Auskünfte. Bei der Witterung ist man sich im Grundsatz einig:  Der Mai war so kalt wie lange nicht mehr. Den ganzen Sommer gab es ausreichend Niederschläge und bis zum Herbst ist reichlich Futter nachgewachsen. Insgesamt waren Almerer und Almbauern zufrieden mit dem Almsommer.

Späterer Auftrieb

Pauschale Aussagen gibt es in der Almwirtschaft nicht. Zu Beginn des Almsommers war die Lage der Alm entscheidend. Auf niederen Almen mit günstiger Ausrichtung war das Wachstum kaum hinter dem von anderen Jahren zurück geblieben. Auf Almen mit ungünstigeren klimatischen Verhältnissen und vor allem auf Hochalmen sah es da ganz anders aus. Hier musste der Auftrieb meist um 2 Wochen verschoben werden. Stefan Regauer von der Wildfeldalm im Rotwandgebiet sagt: „In diesem Jahr war es so lang so kalt, dass einfach nichts gewachsen ist“. Als wir ihn auf seiner Alm am 2. Juni besuchten, konnte man gerade an einigen Stellen das erste Grün erblicken. Eine erste Herde Kalbinnen wurde ein paar Tage vorher aufgetrieben. Bei ihm war der Auftrieb um mehr als 2 Wochen später als in den vergangenen Jahren. Auf der Roßalm auf 1700 m am Geigelstein wurde der Almauftrieb kurzfristig um 1 Woche verschoben und beim Auftrieb am 05. Juni war die Alm braun und teilweise noch schneebedeckt. Nach Auskunft des Almbauern Sepp Gröbmeyer, der selbst die ersten Wochen auf der Alm war, waren die 40 Rinder ganz ruhig und das extra hochgeflogene Heu für Notfälle musste nicht angetastet werden, da nach wenigen Tagen der Aufwuchs bereits ausreichend war.

Unwetterereignisse

Nach dem kalten und verregneten Mai kam ein sehr warmer Juni. Da konnte man das Gras auf den Wiesen und Almen wachsen sehen. Auch der Juli war nicht kalt aber sehr verregnet. Juli und August waren von Unwetter und Starkregenereignissen geprägt. Regionale Unwetter im Sommer ist man gewöhnt. In diesem Jahr waren es jedoch wesentlich mehr als in anderen Jahren und Starkregen hat regional zu verheerenden Zerstörungen geführt. Tief „Bernd“ hat Mitte Juli die verheerendsten Fluten und Überschwemmungen seit der Sturmflut 1962 gebracht. Die Bilder aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben wir noch alle vor Augen. In der Region am stärksten betroffen von den verheerenden Regenfällen war der innere Landkreis Berchtesgaden. In Berchtesgaden wurde nicht nur die Rodelbahn zerstört, sondern es gab auch zahlreiche Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen und bei landwirtschaftlichen Betrieben. Bei heftigem Gewitter mit sintflutartigen Regenfällen wurde Mitte August in der Höllentalklamm im Zugspitz-Massiv eine Flutwelle ausgelöst. Zwei Wanderer wurden hierbei von den Wassermassen mitgerissen, eine Frau konnte nur noch tot geborgen werden.

Die bayerische Alpenregion verzeichnete im Sommer mit teils über 700 l/m² die größte Niederschlagssumme. Die Klimaerwärmung wird für die Zunahme der Unwetterereignisse verantwortlich gemacht. Es ist einleuchtend, dass wärmere Luft mehr Wasser aufnehmen kann und dass bei höheren Temperaturen mehr Wasser verdunstet. Vereinfacht dargestellt führt höhere Verdunstung zu Dürreperioden und die hohe Wasseraufnahme zu Starkregenereignissen. Aus den Temperaturdaten des Deutschen Wetterdienstes kann auch in diesem Jahr eine deutliche Klimaerwärmung abgeleitet werden. Ein Vergleich mit dem Referenzzeitraum 1961 – 1990 zeigt für den Sommer einen Temperaturanstieg von 1,6 Grad und im Vergleich mit dem Zeitraum 1991 bis 2020 immer noch eine Abweichung von 0,3 Grad nach oben.

Wolf verschont Oberbayern

Beunruhigende Nachrichten kamen den ganzen Sommer über aus Österreich und Südtirol. Zahlreiche Übergriffe führten zu frühzeitigen Schafabtrieben. Eine Situation, die wir in Oberbayern nicht erleben möchten. Die grausamen Bilder aus Österreich und Südtirol haben uns gereicht. In Oberbayern war es diesen Sommer vergleichsweise ruhig. Im zeitigen Frühjahr gab es Risse im Bereich Siegsdorf und erst wieder Anfang September wurden Risse in Schleching vermutet. Die genetische Untersuchung hat allerdings einen Hund nachgewiesen. Es ist sehr bedenklich, dass der Aktionsplan Wolf nur sehr langsam umgesetzt wird. Die Ausweisung von zumutbar schützbaren und nicht zumutbar schützbaren Gebieten und damit eine erleichterte Entnahme von auffälligen Wölfen muss dringend vorangebracht werden. Auf längere Sicht müssen wir gemeinsam mit unseren benachbarten Alpenstaaten, insbesondere mit unseren Österreichischen Nachbarverbänden, erreichen, dass „wolfsfreie Zonen“ ausgewiesen werden. Über die beeindruckende Demonstration in München zum Schutz der Weidetiere wird in dieser Ausgabe auf Seite x berichtet.

Almbestoß

In diesem Jahr wird erstmals seit langem kein Almbestoß erfasst. Das Fachzentrum Almwirtschaft wurde im Zuge der Verwaltungsreform aufgelöst und der Verein kann die Erfassung des Bestoßes alleine nicht leisten. Es waren auch keine grundsätzlich geänderten Zahlen zu erwarten. Was wir brauchen, ist uns allen ohnehin bewusst und kann an jeder Alm für sich abgelesen werden Einen Auftrieb der sich an der Vegetation orientiert, und da muss man flexibel sein. Und das schreibt sich leichter, als es vor Ort getan ist. Man muss den Transport organisieren. Der abgebende Pensionsviehbauer muss mitmachen und ausreichend Personen müssen für den Auftrieb zur Verfügung stehen. Das kann halt auch nicht immer von heute auf morgen verschoben werden. Und wenn wir auf die Klimadaten blicken, ist klar, dass wir mehr Vieh auftreiben müssen als in der Vergangenheit. Die Erwärmung führt zu mehr Aufwuchs und der muss gefressen werden. Lieber mehr Vieh auftreiben und den Aufwuchs bewältigen, als zu wenig Vieh und dadurch viel Futterüberschuss erzeugen.

Das Koppeln auf der Alm setzt sich immer stärker durch und ist auf vielen Almen ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Almflächen und zum Freihalten von unerwünschtem Aufwuchs. Die richtige Koppelführung ist nicht immer einfach und kann nur durch Ausprobieren erreicht werden. Als Grundsatz gilt: Lieber eine Koppel etwas länger beweiden und ein sauberes Abfressen erreichen als zu früh umzutreiben. Wird dadurch in einer anderen Koppel der Bestand etwas älter, kann das beim nächsten Mal ausgeglichen werden. Die Arbeitszeit, die man für diese Maßnahmen opfert, spart man sich am Ende um ein Vielfaches beim Schwenden wieder herein.

Diskussion zur Anbindehaltung

Die aktuelle Diskussion bei der Anbindehaltung lässt für die Zukunft des Almbestoßes wenig Hoffnung aufkommen. Der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern hält seit längeren nicht mehr an der ganzjährigen Anbindehaltung fest. Die Kombihaltung muss jedoch erhalten bleiben und darf auch von den Molkereien und vom Einzelhandel nicht benachteiligt werden. Nur dann besteht Hoffnung, dass die kleinen Bergbauernbetriebe weitermachen und weiterhin ihr Vieh auf die Almen auftreiben.  Große Laufstallbetriebe und weite Entfernungen zum Almgebiet fördern den Almbestoß in den meisten Fällen nicht. Damit die Rinder auf der Alm glücklich werden, und der Halter gut genährte Tiere zurückbekommt, müssen sie in jedem Fall frühzeitig vor dem Almauftrieb an die Weide gewohnt sein. Die Tiere müssen als Kälber mit 5 bis 6 Monate das Weiden gelernt haben.  Auf der Alm wächst dann gesundes und widerstandsfähiges Jungvieh heran und gleichzeitig wird der Heimbetrieb beim Futter, bei der Arbeit und bei der Nährstoffbilanz entlastet. Unter Berücksichtigung der Weideprämie, die vom Eigentümer beantragt wird, halten sich auch die Kosten in Grenzen.

Pensionsviehvermittlung

Der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern vermittelt Pensionsvieh auf die Almen (siehe Kasten). In den letzten Jahren überwiegt die Nachfrage nach Almtieren das Angebot deutlich. Viele langjährige Almpartnerschaften haben sich bewährt. Wir möchten dazu beitragen, dass viele neue langfristigen Almpartnerschaften entstehen. Kontakt: E-Mail: almwirtschaft@avo.bayern.de.

Bericht und Bilder: Almwirtschaftlicher Verein Oberbayern – www.almwirtschaft.net

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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