Kultur

Prientaler erinnern an Lehrer Max Hickl aus Stein

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

„Max Hickl: Ein zweiter Müllner Peter“? Schon alleine mit dieser Überschrift auf dem Ausstellungsflyer trat der Müllner-Peter-Museumsverein ins Fettnäpfchen. Ein zweites Genie im Oberen Priental, das würdig wäre an die Seite des legendären Müllner Peter, des Peter Huber zu treten – unmöglich? Für die Anwälte des Peter Huber, (*1766 +1843) aus Sachrang undenkbar. Die Quellenlage ist für beide sehr unterschiedlich: während beim Müllner Peter noch nicht einmal ein überliefertes Bild mit Sicherheit zugeordnet werden kann und der Roman von Carl Oskar Renner aus der Mitte des 20. Jahrhunderts die alten Überlieferungen von 150 Jahren vorher in einem Buch zusammenfasst und zu einer neuen Geschichte verspinnt aus dem das Bayerische Fernsehen später einen Dreiteiler machte, ist der Lehrer von Stein Max Hickl dank seiner vielen tausend Fotografien stets völlig objektiv als Person im Bild präsent. Dazu kommen die schriftlichen Aufzeichnungen, seine eigenen und die seiner Schulkinder zwischen 1908 und 1927; es sind erst zwei Generationen vergangen, seit er im Oberen Priental von Sachrang bis nach Aschau hinein wirkte.

Bei genauerer Betrachtung ergeben sich jedoch verblüffende Parallelen zwischen den beiden, beide kannten und nutzten den Fortschritt ihrer Zeit, konnten hervorragend mit Menschen umgehen und waren dadurch echte Führungspersönlichkeiten auf ihren Ebenen. Dass sich der Müllner Peter dabei auf die Musik verlegte und hier außergewöhnliches sammelte und auch selbst produzierte und Max Hickl mit seiner Kamera mit tausenden Bildern das Leben in einem oberbayerischen Bergbauerndorf weiter leben lässt, sind nur zwei Seiten einer Medaille: ein Künstler nutzt das Medium, das sich ihm anbietet.

So ist die Fortsetzung der Überschrift auf dem Flyer: „Begnadeter Lehrer – Technikfreak – leidenschaftlicher Fotograf“ die logische Ergänzung, die ihn vom Müllner Peter und der Musik abgrenzt.

Max Hickl Jahrgang 1883, Lehrer der Einödschule Stein von 1908 – 1927 zog als 25 -jähriger in das damals noch sehr abgelegene Priental. Der gebürtige Rosenheimer hat dieses Priental dann geprägt, wie nur wenige Menschen vor ihm. Er war der „Herr Lehrer“, ein Erzieher im besten Sinne des Wortes. Max Hickl kam an die von Baron von Cramer-Klett neugebaute Schule in Stein, in der noch nicht einmal ein Bad vorgesehen war – er baute es in seine Wohnung ein; als einer der Ersten kaufte er ein Radio, bekam ein Telefon – und er hatte eine Fotokamera. An allen diesen technischen Errungenschaften ließ er seine Umgebung teilhaben, er band seine Schüler und auch die Erwachsenen des Tales in die moderne Welt mit ein. Besonderes Augenmerk richtete er auf das Fotografieren im Freien und im Gelände, zu einer Zeit, als eine Kamera noch eine ganze Traglast darstellte und hauptsächlich im Studio für Porträtaufnahmen verwendet wurde. Er fotografierte alles, was ihm vor die Linse kam: Kinder und Alte, Männer und Frauen, seine Schulklassen, die Landschaft um Aschau und Sachrang, die Menschen bei der Arbeit, die Berge, die ersten Automobile und Busse, die Holzknechte im Wald, die Sennerin beim Käsen, seine Frau Anna, seine beiden Söhne Theo und Siegfried, die Schulkinder beim Schlittenfahren, verletzte Soldaten im Lazarett von Hohenaschau und das bayerische Königspaar beim Besuch in diesem Lazarett. Hickl fotografierte alles, was das ganze Jahr über passierte, Max Hickl war, wie die späteren Pressefotografen, allgegenwärtig. Tausende Fotos entwickelte er in seiner Dunkelkammer, die er sich in das Bad seiner Lehrerwohnung eingebaut hatte. Einen Teil davon verkaufte er als Korrespondenzkarten. Die Foto-Karten kosteten damals 20 Pfennig, für verwundete Soldaten nur 10 Pfennig. Den Gewinn bekamen die einheimischen Kriegerwitwen in Form von Gutscheinen. Sie konnten sich davon bei den Aschauer und Sachranger Kaufleuten Lebensmittel kaufen. Nach dem Krieg kaufte er sich 1925 ein Motorrad, der Führerschein kostete 23,30 Mark. Da 1925 auch die Straße vor dem Schulhaus von Stein ausgebaut wurde, konnte er „auf fast gerader Straße fahren“. 1926 gab es in der Gemeinde Sachrang erst zwei Radiogeräte, ein Jahr später waren es dann schon 33. Öffentliche Telefone gab es im Priental genau fünf, eines davon an der Schule von Stein. 1926 feierte Max Hickl sein 25-jähriges Dienstjubiläum, für seine Verdienste ernannte ihn die Gemeinde Sachrang zum Ehrenbürger. Dann war seine Zeit in Stein zu Ende, er wurde nach Aising versetzt. 1945 schied er aus dem Schuldienst aus, 1969 verstarb er im Alter von 87 Jahren in Aising. 1959 erhielt er auch dort die Ehrenbürgerwürde, die Straße an der Schule wurde nach ihm benannt.

Aber eine weitere Parallele zum Müllner Peter: Trotzdem er zwischen 1908 und 1927 in Aschau und Sachrang so omnipräsent war, wäre er beinahe für immer in Vergessenheit geraten, der Zweite Weltkrieg brachte auch ins Priental viele neue Menschen und der Fortschritt wurde immer schneller, das gemeinsame Radiohören beim Lehrer und die vielen Hickl-Postkarten in den Schränken und Schubladen der Region waren auch in Sachrang bald vergessen. Das Schulhaus in Stein beendete seinen Dienst als Schule im Jahr 1969, seit 1970 ist es in Privatbesitz.

Es ist Wolfgang Bude aus der Vorstandschaft des Aschauer Heimat- und Geschichtsvereins und 30 Jahre lang Tourismus-Chef der Gemeinde Aschau zu verdanken, dass wieder Licht in die Geschichte kam. Er erhielt durch einen ehemaligen Hicklschüler Kenntnis von diesem außergewöhnlichen Lehrer und wurde neugierig. Die vielen Postkarten und Fotografien aus Aschau und Sachrang in den Archiven der Region waren natürlich bekannt, aber jetzt hatten sie einen Schöpfer: Max Hickl, den Lehrer von Stein.

Wolfgang Bude nahm Kontakt mit den Nachfahren vom Lehrer Hickl auf – und stieß auf über 1000 Foto-Glasplatten, alle feinsäuberlich beschriftet. Inzwischen sind diese Fotos digitalisiert und im Archiv des Heimat- und Geschichtsvereins inventarisiert. Sie sind die Grundlage für sein Buch über den „Lehrer von Stein“, das er vor zwei Jahren veröffentlicht hat. „Max Hickl war ein Universalgenie“, sagt Bude – und ergänzt lachend: „Aber er war auch ein Pedant.“ Auf jedes seiner Möbelstücke im Lehrerhaushalt hat er irgendwo draufgeschrieben: „Eigentum von Lehrer Hickl“.

Vor 30 Jahren erarbeitete Wolfgang Bude mit dem Heimat und Geschichtsverein Aschau bereits eine Ausstellung und eine Broschüre über Max Hickl. 2015 erschien ein ausführliches Buch mit vielem Fotomaterial, als Grundlage für diese Ausstellung in der Alten Schule Sachrang. Die Sonderausstellung erstreckt sich über alle Räume des ersten Stockes des alten Schulhauses in Sachrang und umfasst zahlreiche nie gezeigte Exponate seines persönlichen Nachlasses.

Die Ausstellung „Max Hickl: Ein zweiter Müllner Peter? Begnadeter Lehrer – Technikfreak – leidenschaftlicher Fotograf“ wird am Montag, 1. Mai um 14 Uhr in der Alten Schule in Sachrang eröffnet. Die Ausstellung ist vom Mai bis Oktober an jedem Donnerstag, Samstag und Sonntag von 14 Uhr bis 17 Uhr geöffnet, am Mittwoch von 10.30 Uhr bis 12.30 Uhr.

Das Buch über Max Hickl „Der Lehrer von Stein“ von Wolfgang Bude mit 232 Seiten ISBN 978-3-00-049871-8 ist in der Ausstellung im Alten Schulhaus und in der Tourist Info Aschau und Sachrang erhältlich.

Fotos: Alle Fotos Max Hickl, Archiv Heimat- und Geschichtsverein Aschau i.Chiemgau e.V.

Bericht: Heinrich Rehberg

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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