Leitartikel

Oberbayern hat einen neuen Volksmusikpfleger

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Der Bezirk Oberbayern hat einen neuen Volksmusikpfleger. Für den langjährigen Hüter der Volksmusikpflege Ernst Schusser, der auch Leiter des Volksmusikarchivs in Bruckmühl bis zu seinem vor kurzem angetretenen Ruhestand war, konnte Bezirkstagspräsident Josef Mederer mit Bernhard Achhorner einen Nachfolger finden und vorstellen. In einem Gespräch konnten wir den neuen Leiter des Sachgebietes „Volksmusik“ näher kennenlernen und ihm einige Fragen stellen.

Frage: Zuallererst, Herr Achhorner beglückwünschen wir Sie zu der neuen Anstellung beim Bezirk Oberbayern. Sind nicht allein schon „Oberbayern“ und „Volksmusik“ zwei Premien-Begriffe, die Vorfreuden generieren?

Es gibt natürlich auf der ganzen Welt schöne Regionen mit spannenden und lebendigen Volksmusiktraditionen, die unterschiedliche Funktionen innerhalb der Gesellschaft erfüllen können. Ich denke hierbei zum Beispiel an die peruanische Harfe, die in der kirchlichen Musik als auch in der Volksmusik eingesetzt wird, oder aber auch an die Flötenmusik der Südseeinsel Vanuatu, die vor allem bei Zeremonien und Ritualen eine wichtige Rolle spielt. Dies gilt natürlich auch für den Alpenraum im Allgemeinen und insbesondere für den Bezirk Oberbayern, in dem die Volksmusik eine starke Verankerung innerhalb der Gesellschaft erfährt und bei kulturellen und sozialen Anlässen und Zusammenkünften ein zentrales Gestaltungsmedium darstellt. Ich finde es vor allem äußerst bemerkenswert, ohne dabei auf Vergleichswerte für außereuropäische Regionen zurückgreifen zu können, wie viele junge Menschen sich hierzulande mit ihren musikalischen Wurzeln auseinandersetzen. Gerade auch deshalb ist die Vorfreude auf mein zukünftiges Aufgabenfeld sehr groß, da wir es mit einem lebendigen und dynamischen Kulturgut zu tun haben.

Frage: Können Sie die Person Bernhard Achhorner sowie seinen bisherigen schulischen und beruflichen Werdegang näher vorstellen?

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Kössen im Kaiserwinkl – direkt an der oberbayrischen Grenze zu Schleching und Reit im Winkl – ist mein Heimatort. Ich habe dort die lokale Volksschule, anschließend das Gymnasium in St. Johann und das Musikgymnasium in Innsbruck besucht. An der Musikschule in St. Johann und am Tiroler Landeskonservatorium in Innsbruck habe ich meine musikalische Ausbildung auf meinen Instrumenten der Trompete und dem Flügelhorn erhalten. Anschließend studierte ich Musikwissenschaft an der Universität Innsbruck, habe für das Kulturforum an der österreichischen Botschaft in Washington DC gearbeitet und war als Gastwissenschaftler an der Universität von New Orleans tätig. Im Jahr 2018 kehrte ich im Rahmen einer Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt zu Musikhandschriften und Drucken von 1760–1830 an die Universität Innsbruck zurück.

Frage: Wie sind Sie selbst und persönlich mit der Volksmusik verbunden?

Die Volksmusik spielt eigentlich von Kindesbeinen an eine zentrale Rolle in meinem Leben. Ich bin praktisch mit Volksmusik aufgewachsen. Meine Eltern spielen beide Instrumente und sind bzw. waren für lange Zeit selbst in der Volks- bzw. Blasmusik aktiv. Schon als Kind durchforstete ich die volksmusikalische Platten-, Kassetten- bzw. CD-Sammlung meines Vaters und durfte meine Eltern auf diverse Musikveranstaltungen begleiten. Ich habe mit sieben Jahren begonnen Trompete zu lernen, habe in verschiedenen (Volksmusik-)Gruppen (Tanzlmusi-Partien/Weisenbläser-Ensembles) gespielt und wurde bereits mit 10 Jahren Mitglied der Musikkapelle Kössen. Später, mit 13 oder 14 Jahren, habe ich mehr Zeit beim Musikunterricht, bei Spielerein oder im Probelokal der Musikkapelle verbracht als zu Hause. Dort habe ich auch häufig mit meinen Freunden, wie zum Beispiel Martin Scharnagl, musiziert, woraus sich auch die Formation Viera Blech und andere Projekte herausgebildet haben. Auch heute noch musiziere ich sehr gerne, wenn auch nicht mehr ganz so viel wie früher.

Frage: Welche Aufgaben erwarten Sie beim Bezirk Oberbayern?

Ich bin grundsätzlich für zwei große Bereiche zuständig. Das ist zum einen die Schaffung von praktischen Vermittlungsangeboten für Volksmusik. Der andere Bereich ist die wissenschaftliche Dokumentation der Volksmusikpflege, aber auch die Forschung zur Entwicklung der Volksmusik.

Frage: Ernst Schusser hinterlässt große Fußstapfen – was wollen Sie von ihm fortführen und was wollen Sie eventuell neugestalten?

Ich habe Ernst Schusser bisher leider noch nicht persönlich kennenlernen dürfen, aber was ich von ihm gehört und gelesen habe, beeindruckt mich sehr. So für die Volksmusik zu brennen und die Menschen für eine Sache derart begeistern zu können, ist eine außergewöhnliche Leistung und Gabe. Natürlich werde ich auch weiterhin praktisch tätig sein und mit den Menschen gemeinsam musizieren, aber wahrscheinlich weniger, als dies mein Vorgänger getan hat. Mir schwebt die Idee der partizipativen Volksmusikvermittlung vor. Dazu möchte ich eine Art Lehrgang schaffen, der (Musik-)Pädagoginnen und Pädagogen, Musikerinnen und Musikern sowie der interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit bietet, eine künstlerisch, didaktisch und theoretisch fundierte Weiterbildung mit gezielten Inhalten zu erlangen. Dabei geht es mir vor allem darum, nachhaltige Strukturen in der Volksmusikvermittlung des Bezirks Oberbayern zu schaffen und diese auf breitere Beine zu stellen. Des Weiteren möchte ich den Fokus meiner Arbeit vor allem in Richtung Dokumentation der Volksmusikpraxen und auf die Konzeption von Bildungsangeboten richten. Es wäre mir auch ein großes Anliegen die Volksmusikforschung am Standort Bruckmühl weiter auszubauen, Forschungsprojekte zur Volksmusik in Oberbayern zu initiieren und verstärkt auf den Austausch mit Musikschulen, Universitäten und Hochschulen zu setzen. Ich erwarte mir davon, dass aus den Kooperationen und den gewonnenen Erkenntnissen noch gezieltere Angebote und Maßnahmen zur Volksmusikpflege hervorgehen. Alle drei Teilbereiche, die volksmusikalische Praxis, Forschung und Vermittlung sollen voneinander profitieren. Als dritter großer Aspekt wäre vielleicht noch die verstärkte Einbindung neuer und digitaler Medien zu nennen, die ich gerne vorantreiben möchte.

Frage: Volksmusik spielt bei Traditionsvereinen und zum Beispiel beim Bayerischen Trachtenverband eine große Rolle – wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit vor?

Grundsätzlich ist es mir ein großes Anliegen, hier die Partnerschaften zu stärken und weiter auszubauen. Ich denke, dass eine erfolgreiche Volksmusikvermittlung und -pflege nur dann stattfinden kann, wenn viele Institutionen an einem Strang ziehen. Es gilt hier Netzwerke und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Musikantinnen und Musikanten, Volksmusikbegeisterte sowie die kulturelle Öffentlichkeit davon profitieren können. Ich für meinen Teil bin für gemeinsame Projekte und Ideen immer ein offener Ansprechpartner und werde mit Sicherheit auch aktiv auf die Vereinsvorstände zugehen und versuchen, etwaige Synergien ausfindig und nutzbar zu machen. Dies wird mit Sicherheit eine derjenigen Aufgaben sein, die ich sobald wie möglich angehen möchte.

Frage: Was sind ihre persönlichen Wünsche an die Volksmusikfreunde in Oberbayern?

Ich würde mir wünschen, dass mir die Menschen Oberbayerns offen begegnen, mir ihre Ideen und Anliegen mitteilen, dass eine offene und ehrliche Gesprächskultur sowie ein respektvoller Umgang miteinander möglich sind. Mir ist durchaus bewusst, dass ich in große Fußstapfen trete und dazu noch von außen komme. Ich kann aber versichern, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen versuchen werde, die Anliegen und Interessen der Volksmusikgemeinschaft Oberbayerns zu vertreten, auch wenn ich meine eigenen Vorstellungen und Pläne dazu miteinfließen lassen werde. Kurz gesagt, ich würde mir wünschen, bei aller Wertschätzung und Dankbarkeit für das Geleistete der letzten Jahrzehnte, dass sich die Menschen auch auf Neues freuen und einlassen.

Frage: Wie wollen oder können Sie die Volksmusikfreunde trösten, die in diesen Zeiten auf viele Veranstaltungen verzichten müssen?

Der Bereich Kunst und Kultur ist natürlich sehr stark von den Maßnahmen betroffen und ich denke, wir werden auch noch einige Zeit auf größere Veranstaltungen verzichten müssen. Vielleicht schaffen wir es gerade durch die Einschränkungen der Pandemie, uns in diesem Jahr auf das Wesentliche zu besinnen und die „stade“ Zeit, wie wir sie uns gerade um Weihnachten herum oft wünschen, mit unseren Liebsten zu verbringen und zu genießen. Denn gerade die Volksmusik ist prädestiniert dafür, sie im kleinen Kreise der Familie zu praktizieren. In diesem Sinne, möchte ich allen Menschen Oberbayerns ein besinnliches Fest und ein frohes familiäres Musizieren wünschen.

Foto: Bernhard Achhorner (Bezirk Oberbayern / Astrid Mayer-Bertok), der neue Volksmusikpfleger von Oberbayern

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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