Gastronomie

Mit Pips in Münchner Biergärten unterwegs…

Anton Hötzelsperger
Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Einer wie Pips geht gern in Münchens Biergärten  – wie wohl alle echten Minganesen und die falschen natürlich auch, ganz besonders die aus Japan und aus Australien und aus den östlichen Emiraten zwischen Abu Dhabi und Dubai. Und dies nun schon seit rund 200 Jahren.

Also, nicht etwa der Pips – der ist ja dann doch noch etwas jünger! Aber Fakt ist: heuer vor 200 Jahren wurden die Münchner Biergärten erfunden, ein über alle Massen sehr glückliches Unternehmen, und seit genau anno 1812 dürfen die Münchner in (fast)  alle Bierkeller ihre heimatliche Brotzeit mitbringen. Vom selbstgemachten Wurschtsalat bis zum Obatza, dazu Radi und Brezn und Schnittlauchbrot und Emmentaler und Schweinsbraten und Würstl und Blaukraut und Knödeln und alles. Bloss Bier durfte und darf man nicht von zu Hause mitschleppen – das gab’s und gibt’s natürlich in allen  überschäumenden Minga-Biergärten in Mass und Übermass, Prost.

Einer wie Pips kann sich noch gut daran erinnern, wie ihn als Winz-Knirps oder Dreikäse- bzw. Siebenwürstl-Hoch sein Ur-Opa zum ersten  Male in einen Münchner Biergarten mitnahm und wie er in den mit Gästen zugerammelten Biergartengestühl samt der Befreiungshalle, sprich: Kult-Klo, und den Hirschen mit Edelstoff und den Gantenburschen zum Ozapfn und dem Hendlgrill und den Ochsen- und Spanfakl-Backstationen und der dazugehörigen Blasmusi im Schatten der grossen Kastanien seine Augen und Ohren vor lauter freudigem Staunen weit aufgerissen hat. Und seinen kleinen Schlund auch, der damals aber noch nicht mehr reinkriegte als eine saubere Limo, vielleicht auch zwei oder drei. Und das Ganze war ein irres Erlebnis, von dem er heute als reifer „Schluss-Junior“ oder auch bereits als beginnender „Jung-Senior“ zehrt und verdaut, besonders wenn er durstig ist, aber bestimmt nicht mehr auf Limo.

Laut Ur-Opa hat also genau am 4.Jänner 1812 König Max I-Joseph das wichtige und notwendige Dekret erlassen,dass die Braukellereien ihr süffiges Bier selbst ausschenken durften – Speisen hingegen nicht. So brachte die bierfreudige Menschheit ihre „zum bierischen Auffangen“ mutierte Brotzeit einfach von   daheim mit, was nicht verboten war, und es ist noch heute so üblich und gute Tradition und inzwischen sogar mit Tischdecken,  Tellern, Bestecks, Servietten und sogar Kerzenlicht aufgemotzt  ein weltweit einzigartiges Kulturgut geworden.

Notwendig wurde das königiche Dekret übrigens, weil die damaligen Münchner Wirte befürchteten, durch den Ausschank des starken Sommerbocks direkt am Keller, über dem die schattenspendenden kühlenden Kastanien wuchsen, würde ihr Kundschaft „gestohlen“. Anno 1773 verbot der Münchner Magistrat erstmals das Ausschenken direkt an den Kellereien,doch die Münchner ignorierten dieses Tabu, wie so manches andere widrige Verbot übrigens auch. Wegen dieses „illegalen Ausschanks“ aus den Kellern gab’s sogar erste schwere Keilereien zwischen Brauern, Wirten und Gästen, und des Pipsens Ur-Opa natürlich immer mittenmang dabei. 1812 dann endlich der allgemein erlösende Erlass: Bier vom Wirt, Essen von der Mama,Oma,Ur-Oma oder noch davor…

Wörtlich hiess es seinerzeit und noch heute in alter Schrift deutlich nachlesbar: „Es ist den Bierbrauern gestattet, auf ihren eigenen Märzenkellern in den Monaten Juni,.Juli , August und September selbstgebrautes Märzenbier in Minuto zu verschleissen und ihre Gäste dortselbst mit Bier und Brotzeit zu bedienen. Das Abreichen von Speisen und anderen Getränken bleibt ihnen aber ausdrücklich verboten!“ Ellerbätsch! Da geht’s uns heute doch besser ‚nei mit dem Bier und allem anderen dazu!

Bis ins 18.Jahrhundert durfte Braunbier nur zwischen dem St.Michael-Tag am 29.September und dem St.Georg-Tag am 23.April gebraut werden. Im Sommer war’s dafür einfach zu warm, denn damals gab’s ja noch Sommer. Erst seit 1880 darf das ganze Jahr über Bier gebraut werden –ausser in Pasings Landsberger Strasse. Da schiss sich der erste Münchner Bierkeller seit 1728 um einen Deut oder so was drum und traute sich und braute sich. Anscheinend mit Erfolg: denn seit 1850 gab’s bereits über 50 Münchner Bierkeller, immer schön mit dem Garten verkleidet und den Kellern obendrauf, dabei 11 Meter tief in der Erde, bis zu 7 Metern hochgemauert und ganz oben natürlich eine natürliche Schicht Erde über dem ganzen Gewölbe! Bierkeller im Garten! Wer nimmt’s noch so genau nach der ersten zehnten Mass, boah eye ???

Anno 1812 jedoch trank jeder Münchner im Schnitt seine gut 500 Liter Bier pro Jahr, auch des Pipsens ewig-durstiger Ur-Opa. Heute sind es nur noch etwa 108 Liter jährlich. Mehr verträgt der normale Biermensch anscheinend nicht mehr. Dabei galten übrigens auch die damals schon fröhlichst mittrinkenden Mädels, die das richtige Radischneiden verstanden, als künfig-beste Ehefrauen. Heue versteht ja jedes bürgerlich-biergartenerfahrenen Girlie diese hohe Schneidekunst –oder etwa nicht? Seinerzeit begann es also mit einem ersten frechen Biergarten in Pasing – heute gib es rund 110 Gsuffa-Oasen in ganz Minga! Und in einem davon findet man an ganz besonders heissen Sommertagen gegen Abend und meistens mit seinen Radl-Freunden und Radi-Mädels auch einen wie Pips, wie er gerade sein vermutlich mehrfaches Bier „ in Minuto verschleisst“, und dann sind 200 Jahre wie ein einziger Tag, aber schon ein sehr glücklicher.

Weiss sehr genau einer wie Pips.

Bericht und Bilder: Klaus Bichlmeier, ZeitReise Bayern

 

 

 

 

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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