Corona-Krise

Krank sein in Corona-Zeiten – Abschluss des Tagebuches

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Abschluss-Beitrag von Münchens Reisejournalisten Karl Stankiewitz mit seinem Corona-Tagebuch:  Wer die Krise der vergangenen zwanzig Monate bilanzieren will, dem stellt sich auch die Frage, welche Veränderungen an seiner Denk-, Lebens- und Arbeitsweise er selbst erkennen kann, mutmaßlich hervorgerufen oder doch verstärkt durch das lange Eingesperrtsein und andere Zwänge des Lockdown. Schwieriger zu beantworten ist die Frage, inwieweit Corona die Gesellschaft allgemein, soweit örtlich überschaubar, beeinflusst hat. Denn die mittel- und langfristigen Folgen sind noch längst nicht abzusehen. Zwar liegen dazu seit langem detaillierte Studien zahlreicher „Experten“ vor, die meisten aber bewegen sich im Bereich der Spekulation.

Es kann daher nur ein individueller Versuch sein, Soll und Haben auf die Reihe zu bringen. So könnten als positiv erscheinen: eine Zunahme an Disziplin, Toleranz, Solidarität, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, wie ich sie schon zu Anfang dieses Tagebuchs notieren konnte. Zu bemerken sind auch eine Neuentdeckung der Nähe, der Natur, des Landlebens, die Anerkennung des Verzichts (insbesondere bei Heranwachsenden), das Verlangen nach voller Gleichberechtigung (etwa der Geschlechter), nach mehr Ruhe und Langsamkeit; ein Schuhgeschäft in der Theatinerstraße plakatiert im Schaufenster: „Walk, don’t run.“ (Anscheinend hat die schöne deutsche Sprache in der Produkt- und Kulturwerbung vollends ausgespielt).Womit wir gewissermaßen bei den negativen Veränderungen durch die „Krise als Challenge“ wären. „Upskilling“ nennt die Psychoanalyse den Erwerb und die Verfestigung neuer Fähigkeiten, Verhaltensweisen und Denkansätze. Und die können auch auf der Soll-Seite einer Corona-Bilanz verbucht werden. Auffallend ist jedenfalls, wie die Spätphase der Pandemie dunkle Erscheinungen wie Intoleranz, Abneigung von Wissenschaft und Ratio (Querdenker), Hass, Rassismus, Antisemitismus und, ja auch das, Gewaltbereitschaft nicht nur an Rändern der Gesellschaft verstärkt hat. Sie suchen geradezu die Öffentlichkeit.

Dies alles hängt natürlich ab von Anlage und Erziehung, mehr noch der Lebens- und Berufserfahrung, mithin vom Alter. Fast sicher ist, dass diese wie auch die positiven Veränderungen in der Solidargemeinschaft längst schon als Trends in der Luft lagen; die Umstände haben sie wohl nur noch fortgeführt, verstärkt, selbstverständlich gemacht. Und so stimmt es denn wohl, was mir meine Nichte Elsa einmal aus Mexiko gemailt hat: „Corona bringt das Beste und das Schlechteste des Menschen zutage.“

Eigentlich wollte ich noch weitere Beispiele für die vielleicht anhaltenden Folgen der Pandemie hinzufügen, bevor ich dieses Tagebuch schließe. Und eigentlich wollte ich mit Freunden eine Kajaktour im Bayerischen Wald unternehmen. Aber dann ist alles anders gekommen. Jetzt liege ich im Krankenhaus. In Lenggries bin ich über eine banale Stufe gestürzt. Nichts besonderes für einen 92-Jährigen mit Sehschwäche. Während meine Enkeltochter am Fuß des Brauneck mit dem Gleitschirm landete, landete ich im Klinikum München Rechts der Isar. Da erwachen Erinnerungen. Vor über 50 Jahren lag ich hier in einer alten Kriegsbaracke. Ein gewagter Skisprung brachte mir einen Drehbruch des Schienbeins ein. Chefchirurg Professor Simon Snobkowski, später Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Bayerns, schoß mir einen Bolzen durch die Ferse und legte mich drei Wochen in den Streckverband. Die Zeit nützte ich, indem ich auf meiner alten Olympiaschreibmaschine einen Bericht über das Geschehen tippte.

Später war ich noch öfters als Patient in dieser ehrwürdigen Krankenanstalt, meist nach Sportunfällen. Zuletzt war es eine Oberschenkelhalsfraktur. Seither hat sich hier viel verändert. Wurden man früher am Krankenbett beraten, so muß der Patient jetzt kreuz und quer durch endlose Gänge gehen oder humpeln und stundenlang vor allen möglichen Türen warten und immer wieder seine Unterschrift unter immer gleiche Texte setzen. „Wir sind etwas überbürokratisiert“, meint mein Stationsarzt.

Pausenlos eilen Ärzte, Pfleger und Schwestern durch die Ströme der Besucher und Patienten. Keine Miene, kein Lächeln bei den Weißkitteln hinter der Maske erkennbar. Freundlich, höflich und hilfsbereit sind sie dennoch. Irgendwie scheint Corona die Zwischenmenschlichkeit zu beeinträchtigen. Nicht weniger als 6600 Menschen aus aller Herren Länder sind hier beschäftigt. Eine internationale Gesundheitsfabrik mit wissenschftlichem Anspruch, die schon während der Colera-Epedemie im 19. Jahrhundert eine maßgebende Rolle  gespielt hat.

Meine Operation verläuft gut, die Schmerzen aber sind heftig und anhaltend. Im Bett neben mir wartet ein junger Mann auf seine Operation. Der 21-jährige Grieche Vladimiros war beim Baden am Riemer See mit zwei Freunden von einer Gruppe angepöbelt und geschlagen worden, erzählt er. Als er sich wehrte, schlug ihm einer der Kerle, die er für junge Türken hielt, mit einer Machete auf den Arm, eine Sehne riß. Alte Rivalität zwischen Griechen und Türken? Vladimiros zuckt die Schultern. Der Polizeibericht bestätigt: „Ein zufällig vorbeikommender Polizist leistete Erste Hilfe und versorgte die Wunde. Der Täter ist flüchtig.“

Krank sein in Corona-Zeiten. Leider muß ich dieses Tagebuch nun mit diesem bitteren Geschichte beenden, statt mit einem Happy-End.

Lieber Karl Stankiewiz, 

vielen Dank für Deine Berichte stets zur aktuellen Situation und auch aus Deiner ganz eigenen Betrachtung – und vor allem: Alles Gute!                                                                                             

 

 

Über den Autor

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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